Ausgezeichnet und anzusehen: „Nonbinary Future“

Auch in diesem Jahr 2022 vergab die Stiftung Buchkunst, wie seit 1989, wieder den Förderpreis für junge Buchgestaltung. Prämiert mit dem mit jeweils 2 000 Euro dotierten Preis (via der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien) wurden drei Arbeiten, ausgewählt aus 180 Einsendungen. Ausgezeichnet werden laut der Stiftung „besonders innovative und zukunftsweisende Projekte, die das Medium Buch konzeptionell weiterentwickeln.“

Ändern wir doch einmal die Perspektive

Jede der ausgezeichneten Arbeiten sei für sich ein starkes gestalterisches Statement und lade durch das Zusammenspiel zum Perspektivwechsel ein, wie es in der Pressemitteilung heißt. Das passt doch wunderbar dazu, dass der Förderpreis für junge Buchgestaltung es sich zum Ziel gesetzt hat „außergewöhnliche, neue Ideen zu gedruckten Büchern oder hybriden Buchformen – und damit Entwicklungen im Medium Buchgestaltung – aufzuspüren und Buchimpulse für morgen sowie Qualitätskonzepte von heute sichtbar [zu] machen.“

Impression aus der Arbeit Nonbinary Future von Verena Mack – Schrifttyp der Arbeit ist Wursti Type von Verena Mack // © Stiftung Buchkunst / Pixelgarten

Die drei, in der Tat sehr unterschiedlichen, zeitgemäßen, auch kunstsinnigen und beinahe drängend zu nennenden Werke, sind übrigens noch bis zum 20. August 2022 im Rahmen einer neuen Kooperation zwischen der Berliner Projektgalerie einBuch.haus und der Stiftung Buchkunst in der Ausstellung „Up and Coming: Förderpreis für junge Buchgestaltung 2022“ im einBuch.haus in der Florastraße 61 in 13187 Berlin-Pankow zu sehen (beachtet unbedingt die schwankenden Öffnungszeiten!).

Ausgezeichnet wurden:

„Was bleibt vom Opelaner ohne Opel-Werk?“ von Aleksandar Živkovic

Hierzu die Jury: 

„‚So bleibt das Bild, dass ein Weltunternehmen sich klammheimlich davon macht.‘ Die Schließung der Opel-Werke in Bochum zog sich über mehrere Jahre bis zum endgültigen Aus im Jahr 2017, als der Abriss bereits im Gange war. Der Autor begibt sich auf die Suche nach dem Lebensgefühl dieser Men- schen, die sich in ihrer jahrzehntelangen Verbundenheit von ihrem Arbeitgeber enttäuscht sehen. Ein wichtiges Kapitel machen die von Portraits begleiteten Interviews mit ehemaligen Beschäftigten aus, die so genannten Gartengespräche.“

sowie:

„Umzug in eine vergleichbare Lage“ von Artmann&Duvoisin; Gestaltung: Ondine Pannet (Bureau Est)

Das sagt die Jury dazu:

„Ein vierköpfiges Ensemble übersetzt Radionachrichten aus dem ersten Frühjahr der weltweiten Seuche in Körperbewegung. Es sind die Transkriptionen von Nachrichtentexten, Kurzfassungen von szenischen Settings, Kommentare, Fußnoten. Wenn diese Tanz-Sprach-Aufführung das Zeitgeschehen in Form konkreter Nachrichtenverlautbarungen und deren Wirkung auf die eigenen Körperreaktionen kritisch re- flektiert, so könnte man vielleicht auch sagen, dass die Übertragung dieser Performance in ein gedrucktes Begleitheft die performativen Möglichkeiten einer Buchdoppelseite als Bühne auskundschaftet.“

Und – was uns besonders freut #ausgründen:

„Nonbinary Future“ von Verena Mack 

Papier: MaxiSilk 150g/qm / beidseitig kaschiert mit polymerer, glänzender PVC Luftkanalfolie // © Stiftung Buchkunst / Pixelgarten

Dazu ein ausführlicheres Jurystatement:

„‚Free gender expression‘ – eine potenzielle Option, eine optimistische Hoffnung, ein notwendiger Wunsch? In der experimentellen großformatigen Publikation jedenfalls, wird eine farbintensive, lebhafte und organisch daherkommende Utopie laut.

Das sehr flexible magazinartige [46-seitige, Anm. d. Red.] Objekt – jedes Blatt besteht aus einem Papierkern mit beidseitiger Kaschur aus Drucken auf folienartigem Material – lässt ebenso flexible Denkansätze sichtbar werden. Die Welt besteht nicht nur aus 1 oder 0, Schwarz oder Weiß, A oder B, Mann oder Frau. Die Welt ist bunt und voll von gleichberechtigten Zwischentönen. Verschiedenste Hierarchieformen und die Dominanz eines Geschlechts sind in Frage zu stellen. Dies geschieht mit dem kraftvollen Illustrationsstil, der sich zusammen mit ein paar Schlagworten in Form der „Wursti Type“ auf alle Seiten erstreckt“

„Ganz konkret durchläuft man in den aufeinander folgenden Seitenpaaren eine klare erzählerische Entwicklung: Begonnen mit dem Aufzeigen einer oft sehr traurigen, höchst banalen Realität, die jedoch von einem mutigen Akt des sich Wehrens unterbrochen wird, unterstrichen durch eine aufgerasterte visuelle Zäsur. Ebenso wird die klassische Erzählweise, der sich gegenüberstehenden Seiten aufgebrochen, Aufklappseiten eröffnen neue Denkanstöße, in Form geschnittene Seiten ermutigen zur positiven Koexistenz aller Wesensformen. Das Nonbinäre wird zelebriert, das Auflösen von Grenzen thematisiert. Very bold!“

Für alle Wahrnehmenden

Schon aus den Statements lässt sich herauslesen, dass die Jury, bestehend aus Gestalter*innen und Hochschulexpert*innen, nicht nur auf die „technische Perfektion“, sondern vorrangig auf Konzeption und Innovation schaut. Die Teilnahmebedingungen und Weiteres zum Förderpreis, der sich an Gestalter*innen, Typograf*innen, Hersteller*innen und Studierende richtet und natürlich auch 2023 wieder vergeben wird, findet ihr hier.

Das Einbandmaterial (Cover oben) des 29,7 x 42,0 cm großen Bandes: MaxiSilk 150g/qm / vollflächig beidseitig kaschiert mit Orafol 631-gelb, auf Format geschnitten + beidseitig beklebt mit Folienplott aus 631-magenta // © Stiftung Buchkunst / Pixelgarten

Selbstredend empfehlen wir euch einen Besuch im einBuch.haus – im Übrigen mit angeschlossenem Buchshop, huzzah! – das in den Ausstellungskonzepten die Form des Buches in den dreidimensionalen Raum überträgt. Schließlich haben sowohl Gebäude als auch Bücher ihre ganz eigenen systematischen Strukturen. Ihr seht also: Nicht nur etwas für Lesende, diese Buchsituation.

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