Wasser oder Liebe?

Glück im Spiel, Pech in der Liebe. Ein Sprichwort so bekannt wie Helene Fischer, das natürlich auch umgekehrt super funktioniert; wenn wir so wollen, im übertragenen Sinne ein sprichwortgewordenes Palindrom. Gleichsam ist es ein Rätsel, wohl ein kaum zu knackendes. Das muss auch der ehrgeizige Erez (Omer Perelman Striks) erfahren, der im abgelegenen Trainingscamp des israelischen Schwimmverbands mit vier anderen extrem heißen jungen Männern um das Ticket für die Olympiateilnahme kämpft – und mit seinen Gefühlen für Mitschwimmer, Konkurrenten und neuen Buddy Nevo (Asaf Jonas).

„Ein dummer Hund beißt nicht“

Das Opening von Adam Kalderons zweitem Langfilm Der Schwimmer (deutscher Verleih: Salzgeber) bringt uns gleich in die richtige Stimmung: Formvollendete Sexyness, auf die die Glut der Hitze drückt und vermuten lässt, dass es hier nicht nur oberflächlich um schöne Körper und kurvig gefüllte Speedos, sondern auch eine gut ausgefüllte Spannungskurve gehen dürfte. Erkunden lässt sich dies in diesem Monat gleich mehrfach: zum einen auf dem heute beginnenden Queerfilmfestival und zum anderen im Rahmen der Queerfilmnacht

Ausnahmsweise mal nicht in Speedos – die Jungs vom Schwimmverband // Foto: © Ingenue Productions 2021/Salzgeber

Eine Erkundung die sich lohnt, wie wir meinen. Der Schwimmer, den Kalderon auch geschrieben hat und dem er Omer Perelman Striks Erez auf den sonnengeröteten Leib (feines Detail übrigens die Schwimmbrillenringe der meisten Anwärter) geschrieben hat, beeindruckt nicht nur durch intensive Körperaufnahmen, sondern, dank Kameramann Ofer Yinov, allgemein durch wunderbare Ansichten eines an sich eher tristen Trainingslagers und der staubigen (Negev-)Wüste.

„Wär ich doch in Sibirien geblieben“

Darüber hinaus stehen im Zentrum der Geschichte mit Erez, dessen Vater schon Schwimmer war, und dem nicht minder ehrgeizigen, ansonsten aber doch gänzlich anders tickenden Sohn eines Generalkonsuls Nevo zwei Figuren, die als Charaktere wunderbar ausgeformt und deren nicht immer leicht nachzuvollziehende Verhaltensweisen und Eigenheiten nie im Widerspruch zum Rest der Person stehen. Anders gesagt: Kein Drama – wovon es durchaus reichlich gibt – zuungunsten der Figurenzeichnung. 

Foto: © Ingenue Productions 2021/Salzgeber

Gleiches gilt für den nicht gerade homofreundlichen, trinkenden und aus purem Egoismus statt aufgrund von Sportsgeist von Gewinn und Erfolg besessenen Trainer Dima (überzeugend grässlich: Igel Reznik), der Erez nicht nur an einer Stelle rät, besser nicht mit anderen involviert zu sein, sonst würden es alle erfahren, sondern den einmaligen Favoriten mit gezieltem Mobbing an den Rand des Wahnsinns zu treiben droht.

„Depressionen gedeihen hier prächtig“

An den Rand des Wahnsinns mag Erez in diesem kompetitiven Umfeld allerdings nicht nur des wenig sympathischen Trainers wegen kommen, der im Übrigen durch die nicht minder ambitiöse, aber wesentlich menschlichere Co-Trainerin Yael (Aviv Karmi) und die gute Seele des Teams Paloma (Nadia Kucher) etwas ausgeglichen wird, sondern auch der unerwarteten Erfahrung wegen, sich in Nevo verliebt zu haben. Und doch an allen Ecken und Enden den typisch breitbeinigen, homofeindlichen Sprüchen der Team“kollegen“ ausgesetzt zu sein. Druck und Einsamkeit tun ihr Übriges.

Hoppala // Foto: © Ingenue Productions 2021/Salzgeber

Und doch schafft er es immer wieder, sich kleine Oasen und Momente der inneren Einkehr zu schaffen. Sei es durch zu harte Liegestütze, ein wenig Manipulation sowie Masturbation, rötlich-intensiven Tanz (die Musik, primär von The Penelopes, ist famos, leider jedoch nirgendwo verfügbar wie es scheint) oder ein Besuch mit Nevo an den Ort, an dem Erez’ Vater und seine Mutter einst ihre Liebe zelebrierten. 

„Leistungssport ist für Körper und Seele eine Tragödie“

So schwimmt schlussendlich für Erez nicht nur die Frage im Becken, ob er sich seiner (großen) Liebe zu Nevo hingeben, eine zu deren Beantwortung im Übrigen immer zwei gehören, und von ihr ablenken lassen will oder doch lieber mit allem Ehrgeiz sein Ziel des Olympiatickets verfolgt. Nein, auch die Frage, wer er sein und wem er hörig sein will: Personen, die ihn nicht annehmen oder doch lieber sich selbst und dabei jenen zugewandt, die ihn für den etwas durchgeknallten, unberechenbaren und aufmüpfigen jungen Mann nehmen, der er ist.

Foto: © Ingenue Productions 2021/Salzgeber

Die Beantwortung dieser Fragen scheint in Der Schwimmer lange nicht klar; immerfort gibt es kleine Brüche und Überraschungen. Momente, in denen wir mit Explosion rechnen, wenden sich zu Verständnis und umgekehrt. Die leichten Wellen, die Adam Kalderon bis zu seinem glitzernden Finale schlägt, wissen uns konstant gespannt sein zu lassen (was ja auch die Körperhaltung verbessert) und bei allen Ansichten, die manche*n noch in die Nacht begleiten dürften, nicht vergessen, wie viel Mensch, Emotion und Liebe in jedem Körper stecken kann.

JW

Der Schwimmer ist ab dem 8. September zu verschiedenen Terminen im Rahmen des Queerfilmfestivals zu sehen (am 8.9. ist Regisseur Adam Kalderon um 20:00 Uhr zur Vorführung im Leipziger Kino Passage, am 9.9. um 19:00 Uhr im Berliner Delphi Lux, am 10.9. um 19:45 Uhr im Wiener Votiv Kino, am 12.9. um 20:30 Uhr im Nürnberger Casablanca und am 13.9. um 18:00 Uhr im Frankfurter Harmonie anwesend) und läuft außerdem im September in der Queerfilmnacht.

Der Schwimmer; Israel 2021; Buch und Regie: Adam Kalderon; Kamera: Ofer Yinov; Musik: The Penelopes; Darsteller*innen: Omer Perelman Striks, Asaf Jonas, Ofek Nicki Cohen, Gal Ben Amra, Roy Reshef, Aviv Karmi, Igel Reznik, Nadia Kucher; Laufzeit ca. 90 Minuten; hebräische Originalfassung mit deutschen Untertiteln

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