Das absurde Reifen der Einsamkeit

Zugegeben: Meine Erfahrung mit Graphic Novels, die sich eine wegweisende literarische Vorlage zueigen machen, ist gering. Gerade in dieser Hinsicht war die Entscheidung für Der Tod in Venedig – Nach Thomas Mann wohl völlig richtig, gibt es hier doch neben unzähligen Interpretationsmöglichkeiten des Buches noch eine gefeierte filmische Umsetzung von Luchino Visconti, die sich in nicht wenigen Motiven von der Novelle entfernt und durch manch eine Entscheidung in der Inszenierung wieder ganz neue Interpretationsmöglichkeiten der Geschichte schafft.

Kein formelhafter Stil

In dieser Hinsicht ist Susanne Kuhlendahls hervorragend aquarelliert illustrierte Graphic Novel, die im Knesebeck Verlag erschienen ist, beinahe ein Hybrid aus Buch und Film: Manche Bilder, wie den Suchenden Gustav von Aschenbach am Strand und vor allem die die Geschichte abschließenden Momente des Sterbens (zuerst sollte hier „Dahinsiechens“ stehen, doch im Grunde geschieht dies durchweg schleichend), erinnern eher an Viscontis Umsetzung als an Bilder, die beim Lesen von Thomas Manns Novelle auftauchen mögen (Susanne Kuhlendahl gab in einem Austausch mit uns übrigens an, den Film nicht gesehen zu haben, gerade um keine speziellen Bilder im Kopf zu haben). Natürlich sei allen Lesenden und Betrachtenden sowieso ihr eigenes Bild der Geschichte des Schriftstellers, der an den Lido reist, dort dem schönen Tadzio und am Ende selber verfällt, erlaubt, im wörtlichen wie übertragenen Sinne.

© Susanne Kuhlendahl/Knesebeck Verlag

Für jene, die mit der Vorlage nicht vertraut sind oder sie nur noch weit im Hinterkopf haben, könnte der Einstieg ein wenig schwerfallen. Die stimmungsvollen Bilder und klangvollen Worte dürften dennoch gefallen; die Lust, sich mit dem Ursprungsmaterial zu befassen, sollte sicherlich geweckt sein. Es ist allerdings ein kleines Fest, wie Susanne Kuhlendahl an so gut wie jeder Stelle die entsprechend prägenden Aussagen des Buches zu finden und platzieren weiß, wenn natürlich auch zumeist verkürzt. So richtet sich Der Tod in Venedig – Nach Thomas Mann recht streng an den Kapiteln der Vorlage aus, das heißt für jene, die diese zur Hand haben sollten, lassen sich, vielleicht nach einer ersten vollständigen und aufmerksamen Betrachtung der Graphic Novel, manche Lücken füllen.

„Was galt ihm noch Kunst und Tugend…“

Apropos Lücken: Interessant ist, in welchen Momenten die Graphic Novel ausführlicher ist und in welchen sie abkürzt. So wird dem allmählich stärker werdenden Verlangen Gustav von Aschenbachs und das Suchen nach innerer Rechtfertigung desselben in Form der Geschichte und Gedanken über Schönheit, gerichtet von Sokrates an „meinen Phaidros“, viel Platz gegeben, der durch die Seuche aufziehenden Gefahr und dem alles verschluckenden inneren Venedig hingegen weniger.

© Susanne Kuhlendahl/Knesebeck Verlag

In diesem – wiederkehrenden und sich bildlich verändernden – Motiv wird Kuhlendahl sprachlich teils auch recht explizit, jedenfalls vermag ich mich an ein Vermischen tierischer Art bei einem Mangel an Ehrfurcht vor Schönheit nicht in dieser Form zu erinnern, sondern eher an eine „heilige Angst“. Was allerdings durchaus als „auf tierische Art vermischen“ interpretiert werden kann. So oder so sprechen die von Kuhlendahl geschaffenen Bilder für sich und erlauben dem Text eine ganz eigene Einordnung. 

„…gegenüber den Vorteilen des Chaos?“

Schwer einordnen, oder eher finden, lässt sich „Tadzios Leiden unter den ständigen Verfolgungen“ des ihn Begehrenden, wie es auf dem Buchrücken beschrieben ist. Deutlich wird die zunehmende Rücksichtslosigkeit – auch sich selbst gegenüber – des dahinsiechenden (sag ich ja…) Mannes. Einige Zeichnungen haben sicherlich etwas von einem Stalker, der sein Opfer verfolgt. So ich es aber nicht übersehen habe, fehlen jedoch Hinweise, wie jene im Buch, in denen Gustav von Aschenbach das Gefühl hat, so wie man Tadzio rufe, rufe man den Jungen von ihm weg (und erwägt sich dadurch gekränkt zu fühlen). 

Das (ehemalige) Grand Hotel des Bains am Lido di Venezia // Foto: Von Florian Fuchs, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8302138

Eher wirkt es, als würde die Graphic Novel ähnlich dem Film von Visconti einen von seiner Erscheinung und Wirkung zwar verunsicherten, aber auch mit ihr kokettierenden Jungen zeigen, der darin im Sinne eines gelangweilten, wohlhabenden Teenagers ein zwar irritierendes, aber doch, ein Spiel sehen mag. Beide Umsetzungen stellen die Frage, inwieweit die Einbildungskraft von Aschenbachs, eines angesehenen und berühmten Mannes, der hier auch an den eigenen Empfindungen verzweifelt, manches vermeintliche Auftreten Tadzios beeinflussen mag, nicht. 

„Immer zum Abgrund“

Was jedoch an der Wirkkraft der Bilder nichts ändert und Momente wie jene mit den „nicht recht erfreulichen“ Zähnen, der Sanduhr, dem Kampf am Strand oder dem ersten klaren Blick auf von Aschenbachs Hand kurz vor seinem Ende, als er zu wissen meint, was er fassen können muss, beeindrucken in ihrer zeichnerischen Umsetzung. Eindrücklich auch jene Seite, der sich selbsteingestandenen Liebe zu dem kränklichen Tadzio; dem Wimmern auf der Bank; dem Blick des Jungen und seiner auf von Aschenbach fallenden Locke. Susanne Kuhlendahl arbeitet durchaus abwechselnd mit sehr kräftig kolorierten und nahezu verhangenen Bildern, diese Farbstärke und stechende Motivkraft aber wählt sie selten. Wenn, dann ist es mit einer Ausnahme ein Treffer.

© Susanne Kuhlendahl/Knesebeck Verlag

Bedauerlich ist es, dass sowohl der Moment im Salon als auch einer der wesentlichen Momente – der Albtraum von Aschenbachs – ein wenig kurz geraten, beziehungsweise der Albtraum entsprechend düster, aber ohne die Schärfe der bitteren Grausamkeit, die er in der Novelle hat, umgesetzt ist. Das sind jedoch kleinere Punkte der Kritik an einer ansonsten ausgezeichnet gelungenen Übertragung der Geschichte um das späte Begehren – und den zumindest verwerflichen Versuch diesem nachzugeben – eines Mannes, der es sich wohl zeitlebens verbat zu leben.

AS

PS: Der Band öffnet übrigens sehr passend und uns direkt in die Gemütswelt Gustav von Aschenbachs ziehend mit einer Zeichnung des Jünglings Antinoos – einer Statue von Franz Jakob Schwanthaler, die in München südwestlich des Englischen Gartens steht (vielmehr eine Kopie derselben, das Original befindet sich mittlerweile im Residenzmusuem). Antinoos steht an einer Tafel gelehnt, auf der zu lesen ist: HARMLOS. WANDELT HIER. DANN KEHRET. NEU GESTÄRKT . ZU JEDER. PFLICHT ZURÜCK.

Susanne Kuhlendahl: Der Tod in Venedig – Nach Thomas Mann; September 2019; Gebunden; 96 Seiten; ISBN: 978-3-95728-268-2; Knesebeck Verlag; 22,00 €

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