Himmelfahrtskommando auf Erden

Ganze Inselstaaten werden verschwinden. Der Klimawandel lässt die Polkappen und Eisschilde in Arktis und Antarktis schmelzen, wodurch der Meeresspiegel ansteigen und Staaten wie Tuvalu verschlingen dürfte. Kleine Nationen wie Mikronesien oder eben Tuvalu sehen buchstäblich ihrem Untergang entgegen, was die Bewohnerinnen und Bewohner vor nicht unerhebliche Probleme stellen wird.

Und doch werden diese Länder nicht die ersten sein, die auf der Weltkarte nicht mehr auftauchen. Bereits in der Vergangenheit haben zahlreiche Länder das Zeitliche gesegnet, allerdings sind sie zumeist eher im übertragenen Sinn untergegangen. Eine kleine Auswahl dieser Staaten hat der britische Archäologe und Anthropologe Gideon Defoe zusammengestellt. Sein Buch Atlas der ausgestorbenen Länder – Die erstaunliche Geschichte von 48 Ländern, die von der Landkarte verschwunden sind ist im Februar 2022 in der Übersetzung von Ralf Pannowitsch bei Knesebeck Stories erschienen.

Fliehkräfte, Spielbälle, Glücksritter

Titel und Untertitel sagen bereits relativ viel darüber aus, was Defoe sich in seinem Sammelband vorgenommen hat: 48 einst existierende Staaten werden auf ihren letzten Tagen begleitet, wobei es dabei meist auch darum geht, warum dieser oder jener Staat eigentlich gegründet wurde. Ähnlich wie Peter Zudeick das Ende deutscher Kanzlerschaften teils ab oder sogar noch vor deren Beginn beleuchtet, setzt sich auch Defoe in der Regel mit dem Zustandekommen und den wesentlichen Fliehkräften innerhalb der jeweiligen Staaten auseinander.

Der Freistaat Flaschenhals war eine Kuriosität der Geschichte // © Gideon Defoe/Knesebeck Verlag

In vier nicht immer disjunkten Abschnitten kategorisiert er seine Fallbeispiele: Glücksritter & Spinner, in denen übermütige Staatsmänner auf teils abgelegenen Inselchen ihr Glück versuchten; Malheure & Mikronationen behandeln Kuriositäten der Geschichte und Grenzziehung wie beispielsweise den Freistaat Flaschenhals oder das napoleonische Fürstentum Elba; Lügen & verlorene Königreiche wie Libertalia, die auf dem Gutdünken von wemauchimmer basierten; und Marionetten & politische Spielbälle – beispielsweise die „Republik Krim“, die DDR oder Jugoslawien, die irgendwie alle eine komische Verbindung zu Moskau gehabt zu haben scheinen. Abgeschlossen wird das ganze mit einem kurzen Exkurs zu Flaggen und Hymnen und deren symbolischer Bedeutung.

Auf- und Untergang gibt‘s nicht nur bei der Sonne

Die Kapitel sind dabei in der Regel kurz und prägnant, geben auf ca. drei Seiten Textteil die wesentlichen Rahmendaten zum Erscheinen, Werde- und Untergang des jeweiligen Staats wieder und werden von Defoe um wichtige biografische Daten wie Lebensdauer, Einwohner, Sprache und Todesursache ergänzt. Außerdem findet sich stets eine illustrierte Karte mit dem Umriss des jeweiligen staatlichen Gebildes, Flaggen und sonstigen wesentlichen Insignien – teils auch solcher, die für das Ableben des jeweiligen Staats (mit-)verantwortlich war.

Bayern war auch mal unabhängig – und fühlt sich heute auch noch manchmal so… // © Gideon Defoe/Knesebeck Verlag

Wo möglich, gibt Defoe – anders als beispielsweise Lisa Graf-Riemann in ihrem Überblicksbuch Spanien 151 – auch kurze Querverweise zwischen Akteuren oder Verhaltensmustern, die sich immer mal wieder zeigen. Das ist überaus charmant, hilft es uns doch manche Details zu vorangegangenen Kapiteln immer wieder in Erinnerung zu rufen oder einen Ausblick auf noch Kommendes zu wagen. Dem tieferen Verständnis für das Buch ist das auf jeden Fall sehr zuträglich.

Humorvoll, kurzweilig und informativ

Die Inhalte werden dabei doch sehr humorvoll bis salopp, kurzweilig und dennoch informativ verpackt. Als Leserin oder Leser spüren wir immer wieder den lakonischen Witz, mit dem Defoe seine Anschauungsobjekte betrachtet, ähnlich wie dies beispielsweise auch Randall Munroe in seinem Erklärwerk What if!? mit naturwissenschaftlichen Fragestellungen unterschiedlichster Couleur tut.

Mag manch ein Witz auch ein wenig platt sein, bierernst geht es bei Defoe definitiv nicht zu, auch wenn den jeweiligen Toden zumeist doch ernsthafte Gründe und vermutlich auch der eine oder andere Schrecken und Gewalttaten zugrunde liegen mögen. So eine Revolution fordert eben auch immer Opfer und in den seltensten Fällen – nur verhältnismäßig wenige der verschwundenen Staaten „lebten“ im 20. oder 21. Jahrhundert – ist ein solcher Tod ohne Blutvergießen oder andere Gewaltanwendung vonstattengegangen. Und vollständig ist die Liste natürlich nicht, aber den Anspruch erhebt Defoe ohnehin nicht.

Zankapfel Krim

Ein Kritikpunkt muss aber dennoch erlaubt sein: Im Fall der so genannten „Republik Krim“, die 2014 für ganze zwei Tage das Licht der Welt erblickt zu haben glaubt, nur um sich direkt danach Russland anzuschließen (dasselbe Prinzip sehen wir derzeit mit den so genannten „Volksrepubliken“ im Osten und Süden der Ukraine), lässt Defoe doch ein wenig den Ernst der Situation vermissen.

Venedigmit und ohne Tod // © Gideon Defoe/Knesebeck Verlag

Klar, das Buch erschien in der englischsprachigen Originalfassung bereits 2020 und auf Deutsch wurde es an einem denkwürdigen Tag – dem 24. Februar 2022, also dem Tag des Einmarschs Russlands in die Ukraine – herausgegeben, konnte also die Folgen für die Ukraine und die Welt nicht vorhersehen. Dennoch lässt das Buch an genau dieser Stelle trotz aller Flapsigkeit die kritische Distanz zu diesem illegitimen ersten Schritt vor acht Jahren ein wenig vermissen.

Ansonsten aber ist der Atlas der ausgestorbenen Länder von Gideon Defoe eine zumeist humorvolle und anregende Sammlung geopolitischer Zankäpfel und übermütiger „Staatsmänner“, die ihre Leserinnen und Leser entweder am Stück oder auch in kleinen, leicht verdaulichen Portionen durch das Kuriositätenkabinett der Geschichte führt. Ob zu Weihnachten oder einfach für zwischendurch, gute Unterhaltung wird hier zumeist geboten.

HMS

Gideon Defoe: Atlas der ausgestorbenen Länder – Die erstaunliche Geschichte von 48 Ländern, die von der Landkarte verschwunden sind; Februar 2022; Aus dem Englischen von Ralf Pannowitsch; 240 Seiten mit 50 Illustrationen; Hardcover, gebunden mit Lesebändchen; ISBN 978-3-95728-542-3; Knesebeck Verlag; 22,00 €

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