„Klangliche Vollkommenheit und Selbstpoesie“

Beitragsbild: The Wedding in Pasolini’s 120 Days of Sodom, Aquarellfarbe, 100 x 210 cm, 2016 // © Rinaldo Hopf

Heute vor 100 Jahren wurde der Regisseur, Journalist, Autor und Dichter Pier Paolo Pasolini geboren. Der Schriftsteller Wolf Wondratschek nähert sich ihm über dessen Gedichte, die in einem Hörfeature von Christian Reiner eingesprochen werden. Ein Wahnsinnsstück, dessen Betrachtung wir mit der außerordentlichen Malerei des Künstlers Rinaldo Hopf angereichert haben.

Am 5. März 1922 wurde Pier Paolo Pasolini geboren, der sich später selbst als „ungewöhnlich kapriziöses, wahrscheinlich neurotisches, aber gutartiges Kind“ beschrieb, erzählt uns Wolf Wondratschek im WDR 3 Kulturfeature: Geschichte ist das, was zerstört – Pier Paolo Pasolini, der vom Leben verurteilte Dichter, das heute Mittag gesendet und morgen wiederholt wird.

Diesem Zitat knüpft sich, zu Beginn des zweiten Drittels des alle Aufmerksamkeit erfordernden, dafür auch alle Sinnen kitzelnden Hörfeatures, ein Gedicht der verzweifelten Liebe zur Mutter, Susanna Colussi, an, das sich darüber hinaus mit dem Verdammtsein zum Alleinsein und der Knechtschaft für den einen und die Liebe zu der und der anderen beschäftigt. Schwierig, verzwickt, fürwahr. Eben auch wunderbar formuliert, poetisch, mit leichtem Pathos, mehr aber noch resignativer Kraft. Familie halt.

Der Dichter der Armen?

Einsamkeit, Verlorensein, das beschäftigte Pasolini als Schreibenden, Dichtenden nicht selten. Auch, aber nicht nur, mit Blick auf Armut (mit „Land der Arbeit“ aus dem Jahr 1956 eröffnet das Feature; alle Gedichte sind famos eingesprochen von Christian Reiner), wenn er auch hier alle Zurückgelassenen zu finden vermochte. Wondratschek, selber ein renommierter und ausgezeichneter Schriftsteller und Dichter, wundert sich an einer Stelle, wie nah doch unterschiedliche Gemüter manches Mal sein könnten, als er in den Tagebüchern Albert Camus’ einen Eintrag findet, der dem Mitschnitt eines Gesprächs zwischen diesem, Kafka und Pier Paolo Pasolini entnommen sein könnte, in dem es um Einsamkeit, Zivilisation und den Umgang des Wissens desjenigen geht, der einer der letzten mit dem Wissen um eine letzte Chance für eine bestimmte Zivilisation ist.

Dem schließt sich Pasolinis Gedicht „Die Einsamkeit“ an, für die man gute Widerstandskraft, gute Beine und gute Gesundheit brauche und für die Furcht kein guter Ratgeber sei. 

„Je wärmer und lebendiger der entgegenkommende Körper,

der mit seinem Samen salbt und weiterzieht,

desto kälter und sterblicher die geliebte Wüste ringsum.

Sie ist es, die uns froh macht wie ein wunderbarer Wind,

nicht das Unschuldslächeln oder die finstere Anmassung dessen,

der dann fortgeht, im Schlepptau seine Jugend,

unvergleichlich jung.“

aus „Die Einsamkeit“ von Pier Paolo Pasolini

„Innenansichten des römischen Subproletariats“

Finsterer Wohlklang. Klangliche Vollkommenheit – die gab es schon früh mit auf den Weg, denn immerhin, so Wolf Wondratschek, stellte die Mutter mit der Wahl der zwei Vornamen ihres Sprösslings „unter Beweis, was für ein feines Gefühl sie für die Melodie und den Wohlklang der Sprache hatte – Pier Paolo Pasolini.“ 

Der Künstler Rinaldo Hopf zu seinem Bild: „1991 habe ich ein erstes großes Portrait Pasolinis geschaffen, auf Seiten seines Romans ‚Ragazzi di Vita‘ – dieses Bild wurde im selben Jahr in der New Yorker Galerie Wessel & O’Connor gezeigt, vermittelt durch den Berliner Kurator Frank Wagner. Die Ausstellung hieß ‚White Heat‘ und mir gefiel, dass ich zusammen mit Madonnas Bruder Christopher Ciccone ausstellte. Leider habe ich Madonnas Auftritt in der Galerie verpasst. Das Bild wurde dort von einem Sammler aus Detroit gekauft.“ // © Rinaldo Hopf

Es wird uns erläutert, wie Pasolini, noch als Lehrer (als Homosexueller sollte er später entlassen werden) in Rebibbia, „das Subproletariat als revolutionäre Gegengesellschaft entdeckt, vergleichbar der frühchristlichen Gesellschaft. Demut und Armut als Gegensatz zu den Idealen der Bourgeoisie, Arroganz des Geldes und die Jagd danach. Außerdem beschenkt ihn, der die jungen, in seinen Augen noch unverdorbenen Männer liebt, das Leben an den Rändern Roms mit genug Proviant.“ Politik und Sex, House of Rebibbia. 

Seine ersten Filme wird er dort drehen, mit Darstellenden von der Straße, findet er doch genau hier die Ragazzi di vita, so auch der Titel eines seiner Romane aus dem Jahr 1955 (in Deutschland 2014 in der Übersetzung von Moshe Kahn im Verlag Klaus Wagenbach erschienen), „der eine Innenansicht des römischen Subproletariats an den Außenbezirken der ewigen Stadt bietet.“ Momente, Orte und Empfindungen, in die, so Wondratschek, sich ein Rombesucher kaum jemals verirren wird. Dem, dürfte nicht nur mit Blick auf Jörg Ernestis Band Deutsche Spuren in Rom zuzustimmen sein.

Wie ein Caravaggio

Pasolini feiere dort die neugeborene, sinnliche Schönheit, wie Caravaggio sie gemalt habe (der, so jedenfalls meint der Autor dieser Zeilen, diese sinnliche Schönheit mit brutalen Motiven verband, wie auch Pasolini es in manchen seiner Filme tat). Auch sei Pier Paolo Pasolini hier „zum Erzähler einer Welt, die er verschwinden sieht“ geworden; sich dieser Sicht anzuschließen fällt zuerst leicht, wenn sich auch nach kurzem Nachdenken die Anmerkung herausbilden mag, dass die Geschichten und Wahrnehmungen durchaus schon in ihm gewesen sein mochten, nur die Mittel und Momente nicht gegeben. 

Pasolinis letzte Worte und der Band Nach meinem Tod zu veröffentlichen. Späte Gedichte – beide Besprechungen und mehr zu Pier Paolo Pasolini gibt es bald // © the little queer review

Spannend ist es in jedem Fall, wie Wondratschek Pasolinis vermeintliche gedankliche Verhärtung, in Bezug auf Fortschritt, Klasse, den Drang anderer zur Selbstvergewisserung und den Mangel an Utopie in diesem Feature, dieser Hommage, poetisch auflädt. An richtiger Stelle weiß er sich dabei auf die Stimmen anderer zu verlassen, die Pasolini schon kurz nach seinem Tode, dessen Umstände und, nennen wir es Rezeption, ebenfalls recht unnachahmlich in diesem Stück behandelt werden, unverklärt zu deuten wussten.

Nicht einfach, bei einem Mann der – scheinbaren – Widersprüche: Tief gläubig, katholisch; gegen das Eigentum; homosexuell; ein Aufmüpfiger; Kommunist, mit Hang all jene, die sich so bezeichneten, schon fast wieder als bourgeoisen Dünkel zu sehen (womöglich auch, weil er, mal wieder als Homosexueller, aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen wurde); einer, der Politik über Dichtung machen wollte. Auch diese Widersprüche arbeitet das Feature größtenteils fein heraus. Auch jenen, dass er doch eigentlich nach dem Einfachen strebte.

„Die Gewalt der Vernunft“

Die – behutsame – Verknüpfung mit den Gedichten erweist sich als genialer Griff, der den geneigten Hörer:innen nicht nur dabei hilft, Übergänge einzelner Themen- und Lebensepochen besser, auch im Sinne des hier von Wondratschek und uns betrachteten Objekts, Pasolini, zu erfassen, sondern der auch für eine Auflockerung der sehr reichhaltigen knappen Stunde sorgt.

„In Pasolinis Filmen habe ich viele Elemente gefunden, die mich in meiner Kunst und meinem Leben bis heute beschäftigen und inspirieren: Schönheit – Außenseitertum – Geschichte – Lebensfreude – Erotik – Politik.“

Der Künstler Rinaldo Hopf über seinen Bezug zu Pier Paolo Pasolini

Natürlich verbinden sich auch in Geschichte ist das, was zerstört – Pier Paolo Pasolini, der vom Leben verurteilte Dichter jene Elemente, die der Filmemacher, Journalist und Dichter auch in seinem Werk immer wieder zusammenbrachte: Sexualitäten, Gewalt, Romantik, Erliegen, Leiden, Streben. Und dramatische Tragik, wenn etwa Wolf Wondratschek es in Bezug auf die Mutter Pasolinis so formuliert: „Unvorstellbar ihr seinen Tod zu ihren Lebzeiten zuzumuten. Gut nur, dass er den Schrei nicht mehr hören konnte, den sie ausstieß, als ihr die Nachricht seines Todes mitgeteilt wurde.“

Von Pasolini selber ist, soweit wir wissen, kein lauter Schrei der Verzweiflung bekannt. Wenn er sich auch in einem offenen Brief angewidert von einem Italien zeigte, das für ihn ein Land sei, das ihn zwei Jahrzehnte lang einsperrte (das dürfen wir sinnbildlich verstehen), mit Prozessen überzog, verfolgte, quälte und „an meinem Namen Lynchjustiz übte.“

„‚Kein Kompromiss!‘, ruft er“

Wenn Wolf Wondratschek uns, wohl auch sich, und die Welt fragt: „Was war das, was mit diesem Leben begann?“ und diverse Möglichkeiten, Erzählperspektiven und überschriftsartige Analysen anbietet, fühlen wir uns ganz kurz auf einem biografisch erzählerischen Gipfel, um uns und sich dann fix wieder mit lakonischer Verve zu erden. Wahnsinn!

Ein älterer Pier Paolo Pasolini. Man achte auch die herausstechenden Augen; Farbe auf den Buchseiten von „Ragazzi di Vita”, 200 x 140 cm, 2011, Sammlung Schwules Museum, Berlin // © Rinaldo Hopf; https://www.rinaldohopf.com

Wahnsinn auch, was Pier Paolo Pasolini alles war, wer ihn alles wollte, wenn schon nicht das Land, das seine Heimat war; „einer, der sich auch gegen sich selbst empört“, heißt es und sagt vieles, wenn auch nicht alles. Dass Pasolini es ernst meinte, zeigt die auftauchende Aufzählung all der Dinge und nach seinem Empfinden Ungerechtigkeiten und Missstände, gegen die er schreibend und inszenierend ankämpfte. 

Vollständig, so Wondratschek, könne weder seine Aufzählung sein, noch ist es diese Hommage, die dennoch einen erweiterten Blick auf den Mann wirft, der gern schlicht als enfant terribile, das er zweifelsohne auch war, abgetan wird. Es muss mensch nur einmal das Wort „Salò“ sagen und die Gesichter der meisten verziehen sich zu schreckensvollen Grimassen des Unwillens. Am besten rufen sie noch „Sexist!“ und schon weiß jemand selber, dass Ahnungslosigkeit und Ignoranz immer laut sein werden.

„Indem ich sterbe, mache ich Dichtung“

Die Erkenntnis, dass Pier Paolo Pasolini sehr viel mehr war, setzt sich glücklicherweise immer weiter durch. Radikal in jedem Fall, nachdenklich, bewusst, verzweifelt, sanft, komisch, intellektuell, still, utopistisch, … auch hier kein Anspruch auf Vollständigkeit. Was zum unvollständigen Leben Pasolinis passt.

„Am Morgengrauen des Sonntags, 2. November 1975, lag eine Leiche auf einem Fußballplatz in Ostia, derart entstellt, dass erst nach wiederholter Überprüfung klar wurde, dass es sich nicht um einen ‚Haufen Müll‘ handelte, wie jemand gesagt hatte, sondern um den massakrierten Körper von Pier Paolo Pasolini.“

Wolf Wondratschek in Geschichte ist das, was zerstört – Pier Paolo Pasolini, der vom Leben verurteilte Dichter

AS

Geschichte ist das, was zerstört – Pier Paolo Pasolini, der vom Leben verurteilte Dichter wird am Samstag, 5. März 2022 um 12:04 Uhr in WDR 3 ausgestrahlt;Wiederholung am Sonntag, 6. März 2022 um 15:04 Uhr. Ebenso findet ihr das Hörfeature in der WDR-Mediathek

Geschichte ist das, was zerstört – Pier Paolo Pasolini, der vom Leben verurteilte Dichter; Autor, Sprecher und Regisseur: Wolf Wondratschek; Sprecher Gedichte: Christian Reiner; Redaktion: Adrian Winkler; Eine Produktion des WDR, 2022

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