Reifende junge Liebe rastet nicht: „Love, Victor“ als Agent of Chaos?

ACHTUNG: Die Besprechung der dritten Staffel von Love, Victor geht davon aus, dass die Leser*innen die ersten beiden Staffeln der Serie kennen. Wenn das nicht der Fall ist – große Spoiler, außerdem wird der Cliffhanger der zweiten Staffel aufgelöst. 

Okay, also bevor wir in eine kleine Analyse der dritten und finalen Staffel von Love, Victor, einer Serie, die uns über 28 Folgen hinweg sehr viel gegeben hat, gehen, gleich vorweg die witzigste Stelle der gesamten Staffel, einem Austausch zwischen Pilar (Isabella Ferreira) und Lucy (Ava Capri):

„We might be the dumbest people in the history of high school.“ – „Nope. Earlier some kid snorted a line of kosher salt.“

„Apparently pandas are endangered“

So, nachdem wir das losgeworden sind, kann es losgehen und dabei bleiben wir bei solchen Sprüchen. In jeder Folge lassen sich ein, zwei oder drei dieser Momente finden, die eher ein wenig random sind und uns Zuschauende in schallendes Gelächter ausbrechen lassen. In den ersten zwei Staffeln gehörten diese Momente zumeist Lake (Bebe Wood), gern auch Felix (Anthony Turpel) in seiner ganzen knuffigen Unbeholfenheit. Nun verteilt sich das auch auf einige andere, nach wie vor aber kaum auf den titelgebenden Victor (beeindruckend in dieser Staffel: Michael Cimino).

Kein Ende ohne das berüchtigte Riesenrad: Victor (Michael Cimino) // Foto: © Gilles Mingasson/Hulu/Disney+

Dieser ist und bleibt trotz manch humorvollen Einwurfs eher von der ruhigen, besorgt-besonnenen und nachdenklichen Sorte. Was gerade im Kontext seiner nicht selten stürmischen Familie – Mutter Isabel (Ana Ortiz) stellt auch an einer Stelle fest, dass sie wohl eher nicht zu leisen Tönen und ruhigen Diskursen neigen – durchaus hilfreich sein kann. Ruhiger wird es allerdings schon einmal, als Isabel und Armando (Mateo Fernandez) verkünden, dass sie sich nicht scheiden lassen werden.

„In a feeling-y way“

Tochter Pilar freut das, dennoch komplimentiert sie ihre Eltern fix hinaus, denn sie war dabei, heimlich mit Felix zu knutschen, haben die beiden doch ihre gegenseitige Zuneigung entdeckt. Ebenso sind Lake und Lucy noch nicht ganz offiziell ein Paar, wenn sich das auch nach der schweigenden Trennung von Felix schnell abzeichnet: „We rebound fast“, sagen sie, was sinngemäß bedeutet, sie sind schnell bei was Neuem dabei.

Neue Wege: Lake (Bebe Wood) und Lucy (Ava Capri) // Foto: © Kelsey McNeal/Hulu/Disney+

Das kann für Victor in dieser Staffel nur bedingt gelten. So holprig es mit dem geschätzten Benji (George Sear) in den vorhergehenden Staffeln auch war und auch wenn Rahim (Anthony Keyvan) Victor zum Ende der zweiten Staffel küsste und wir mit dem Cliffhanger, vor wessen Tür Victor wohl stehen würde, endeten: Die Wahrscheinlichkeit, dass es Benji sein würde, war recht groß.

Stress dressing and stress combing

Doch da wir uns in einer Dramedy befinden, ist natürlich nicht in Folge eins von nur acht alles in Sack und Tüten und Tuttifrutti. Stattdessen kommt Benjis Alkoholabhängigkeit der Beziehung in die Quere und Rahim ist sauer auf Victor, da er kommentarlos in den Freundschaftsmodus umschaltet. Immerhin ist Andrew (Mason Gooding), seit er mit Mia (Rachel Hilson) zusammen ist, nett und, mensch glaubt’s kaum, Victor hier und da eine solide Stütze und für uns ein charmanter Unterhaltungsfaktor.

Wartet Rahim (Anthony Keyvan) umsonst? Foto: Kelsey McNeal/Hulu/Disney+

Natürlich ist aber auch diese Beziehung an mancher Stelle gefährdet. Wie jede in dieser Staffel, die zwar nicht von Beginn an Abschied aber doch Veränderung vermittelt. Bei manchen geht es hin und her und nicht jeder Konflikt wirkt natürlich, der eine oder andere sehr hinkonstruiert, um kurz vor Ende noch einmal alles fragwürdig erscheinen zu lassen. Damit lässt sich aber leben, da auch Unsicherheit eine wesentliche Handlungsmotivation in dieser letzten Staffel Love, Victor ist.

„Like the gay rainbow flag“

Ein weiterer wesentlicher Punkt sind hier die Konflikte der Teenager mit ihren Eltern. Lag der Fokus durch Selbstfindung und Coming-out Victors, wie auch die Eheprobleme in den ersten zwei Staffeln auf den Salazars und ein wenig auf Felix’ Mutter Dawn (toll: Betsy Brandt), geht es in dieser Staffel noch mehr um Mia und ihren Vater Harold (Mekhi Pfeifer), Rahims homofeindlichen Onkel aus dem Iran, Lake und ihre immerfort nörgelnde Mutter Georgina (immer wieder yay: Leslie Grossmann) und ganz wichtig Benji und dessen Eltern, die bei aller Sorge niemals im Leben, never ever, Eltern des Jahres oder wohl auch nur Tages würden.

Kommen sich weiter näher: Felix (Anthony Turpel) und Pilar (Isabella Ferreira) // Foto: © Mike Taing/Hulu/Disney+

Auch die Lernkurve von Victors Eltern entpuppt sich hier bis kurz vor Schluss wieder eher als Ebene; Sorge hin und oder her, den Kindern erst einmal misstrauen und sie anzubrüllen, statt sich bewusst ins Gespräch zu begeben ist… naja, suboptimal. Dennoch wir sind ja in einer Teen-Soap. In diesem Zusammenhang muss von uns auch manch ein Konflikt, der in einer Szene entsteht, in der nächsten eskaliert, um in der dritten aufgelöst zu werden, einfach als Soapfaktor und gutgemeinte Geste verstanden werden. Mit dem wahren Leben hat dies hier natürlich nichts mehr zu tun.

„He’s not a dick, he just wants dick“

Wunderbar fein ist dann aber doch, dass Victor ein wenig mehr schwules Leben erfährt: Neuzugang Nick (Nico Greetham, Dramarama und AHS: Double Feature) wird Vics Freund mit Extras, für Liam (kurz, aber wunderbar: Joshua Colley, Senior Year) versucht er ein Simon zu sein (der leider nicht mehr auftaucht, andererseits sagte Victor ja am Ende der zweiten Staffel, er brauche ihn nicht mehr) und Rahim ist ebenfalls sehr präsent und bringt eine ganz andere Art von Gay- beziehungsweise Queerness mit ein.

Nick (Nico Greetham), und Victor (Michael Cimino) – Anziehung auf das erste Lächeln // Foto: © Mike Taing/Hulu/Disney+

So weist er Victor auch darauf hin, dass schwules Leben nicht gleich schwules Leben und schwules Ausleben und Erleben in der Tat sehr unterschiedlich ablaufen können. Ein weiterer, wohl platzierter Unterton dieser Abschlussstaffel: Wie werden wir wahrgenommen und wie wollen wir gesehen werden? Wie fürchten wir, dass andere uns sehen und wir sie so enttäuschen könnten?

„You’re out an proud, when you’re in the mood“

So gesehen erzählt die Serie sehr erwachsene, teils sehr bewegende und im Kern gar düstere Geschichten um das Selbst, die Angst und den Wunsch zu genügen. Dass sie dies ihren Figuren so zugewandt tut, ist ein Pluspunkt; vor allem einer, der uns darüber hinwegsehen lässt, das Love, Victor – bei aller Herzlichkeit, allem Charme, allem Awww-Faktor – teils recht gehetzt ins Finale geht. Sonst wäre es den Macher*innen um Isaac Aptaker und Elizabeth Berger wohl auch kaum gelungen, jeden noch nicht aufgelösten Punkt, der seit Folge eins angesprochen wurde, doch irgendwie rund abzuschließen, auszumalen und fett zu hinterlegen. Dafür dürfen wir mit einem guten Gefühl Abschied nehmen. 

Primär unbehaglich: Andrew (Mason Gooding), Mia (Rachel Hilson), Lake (Bebe Wood), Lucy (Ava Capri), Rahim (Anthony Keyvan), Pilar (Isabella Ferreira), Felix (Anthony Turpel), und Victor (Michael Cimino) // Foto: © Kelsey McNeal/Hulu/Disney+

Macht’s gut, Victor, Felix, Lake, Pilar, Benji, Andrew, Lucy, Nick und Liam. 

AS

PS: Adrian (Mateo Fernandez), Victors jüngerer Brüder, findet übrigens so gut wie nicht statt; so wenig, dass wir immer erstaunt sind, wenn er auftaucht und uns kurz fragen, wer das eigentlich noch gleich war.

PPS: Vielleicht gibt’s ja ein Ein-Staffel-Spin-Off für Nick und Liam? Wir wären dabei!

PPPS: In kleinen Gastrollen dürfen wir uns über Tracie Thoms, als Mias Mutter, und Nia Vardalos, als Emotions-Nemesis für Isabel, freuen. Juchhu!

PPPPS: Offensichtlich haben wir’s auf Englisch geschaut und empfehlen dies auch. 

Love, Victor; Staffel 3; USA 2022; Idee: Isaac Aptaker & Elizabeth Berger; Musik: Siddhartha Khosla, Lauren Culjak; Darsteller*innen: Michael Cimino, Rachel Hilson, Anthony Turpel, Bebe Wood, George Sear, Mason Gooding, Isabella Ferreira, James Martinez, Ana Ortiz, Mateo Fernandez, Nico Greetham, Tyler Lofton, Anthony Keyvan, Sean O’Bryan, Betsy Brandt, Ava Capri, Mekhi Pfeifer, Sophia Bush, Tracie Thoms, Nia Vardalos, Joshau Colley, Eureka O’Hara; 8 Folgen, ca. 25 – 33 Minuten; seit 15.. Juni 2022 auf Star von Disney+

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