The Real Housepeople of Escondido

Wir haben uns schon häufiger über das Zusammenspiel von Kirche, Glauben und Homosexualität ausgetobt. Nun stelle man sich vor, es käme noch die Provinz dazu. Und die 90er-Jahre. Was eine Mischung! Die gibt es in Jonathan Wysockis Debütfilm Dramarama, der einen Kreis von fünf befreundeten High-School-Absolvent*innen bei ihrem Abschiedstreffen in Form eines Kostüm-Krimi-Dinners im Fokus hat. Leider verliert der Film, der hierzulande im Verleih von Pro-Fun ist, diesen ab und an selbst.

Not so out…

Rose (Anna Grace Barlow), Claire (Megan Suri), Ally (Danielle Kay), Gene (Nick Pugliese) und Oscar (Nico Greetham) sind engste Freunde und planen eine letzte große Nerd-Sause, bevor es für die meisten von ihnen in Richtung College geht. Gene plant außerdem sich an diesem Abend vor seinen Freund*innen als schwul zu outen. Also grundsätzlich jedenfalls. Denn das mag sich im Jahr 1994 in Escondido, San Diego County, Kalifornien, schwieriger gestalten als zuerst von ihm angenommen.

Mit Mina Harker aka Ally (Danielle Kay), Alice im Wunderland aka Claire (Megan Suri), Dr. Jekyll aka Gene (Nick Pugliese) und Sherlock Holmes aka Oscar (Nico Greetham) kann es losgehen // © PRO-FUN MEDIA

Vor allem wenn die Freund*innen recht konservative Christen sind – und du zuvor schon verkündet hast, eigentlich nicht (mehr) an Gott zu glauben. Hoppala! Leichter wird es auch nicht, wenn sie alle recht selbstbezogene Individuen sind, die im Umgang miteinander kritischer sind, als Dorinda Medley gegenüber Tinsley Mortimer, wenn sie in den Berkshires einen über den Durst getrunken hat. 

…or proud…

Zudem mag die Frage gestattet sein, ob mensch möchte, dass der beste Freund die Freundschaft davon abhängig macht, dass du treu bist wie eine Labrador. Das ist recht verquer. Dabei mag es auch etwas mit Eifersucht zu tun haben, denn die Gay-Vibes die zwischen Gene und Oscar fliegen, sind kaum zu leugnen. 

Sherlock und die im Spiel eigentlich verstorbene Amelia Havisham aka Rose (Anna Grace Barlow) // © PRO-FUN MEDIA

Ebensowenig ist zu leugnen, dass Dramarama ein wirklich breites Themenspektrum abdeckt: Ob nun das vermeintlich anstehende Coming-out; Erwartungsdruck und die Sorge, nicht zu genügen; Neid; Eifersucht; Unwahrheiten; unerwiderte Liebe und, und, und. Allerdings ist dadurch sehr viel los über die 90 Minuten Laufzeit. So viel gar, dass Jonathan Wysocki seine durchaus gern auch schlagfertigen Fünf nicht immer im Griff hat.

…yet quite loud.

Wenn dann mit JD (Zak Henri) noch ein weiterer Charakter auftaucht, dem aus eher weniger solide ausgeführten Gründen alle gefallen wollen, wird’s zwischendurch sehr unfokussiert, was dem Film durchaus manche Länge beschert. In anderen Momenten funktioniert die Chemie zwischen den Freund*innen hingegen sehr gut, wenn auch die wirkliche Bedeutung, die diese Freundschaften im Lauf der High-School-Zeit gehabt haben sollen, letztlich nur vermutet werden können beziehungsweise behauptet werden.

Freund wie ein Labrador? Gene und Oscar // © PRO-FUN MEDIA

Da ist mehr Potenzial sichtbar, als Wysocki es letztlich auszuschöpfen vermag. Interessant ist, wie immerfort herausgearbeitet wird, dass Religion eigentlich eine persönliche Sache sei und sie doch die Meinung aller über die jeweils anderen beeinflusst. Dieser Subtext hat unbedingt etwas für sich. Ein solider Coming-of-Age-Film ist Dramarama also allemal und dass es ein persönliches Herzensprojekt von Autor und Regisseur Jonathan Wysocki ist, ist deutlich zu merken. Das allein ist zauberhaft genug, um sich die neunzig Minuten für den Film zu nehmen. 

AS

PS: Supersperm. 

Dramarama; USA, 2020; Regie und Drehbuch: Jonathan Wysocki; Kamera: Todd Bell; Musik: Chanda Dancy; Darsteller*innen: Megan Suri, Nico Greetham, Zak Henri, Anna Grace Barlow, Nick Pugliese, Danielle Kay; Laufzeit ca. 91 Minuten; FSK: 6; erhältlich als DVD und Video on Demand

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