Zu verzeihen, aber nie zu vergessen

Staatsräson? Verantwortung? Sekunde… uhm, mal kurz gekramt, einen Moment… gleich sind wir soweit. Ah! Hier, ja, hihi. Da war ja was und das hatte irgendwie mit Israel zu tun. Nee, nun erinnern wir uns wieder. Cool. 

So oder so ähnlich muss es wohl im Kopf unseres Bundeskanzlers Olaf Scholz abgelaufen sein, als der Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde Mahmud Abbas während einer Pressekonferenz am 16. August im Bundeskanzleramt davon sprach, dass Israel seit 1947 bis zum heutigen Tage „50 Massaker in 50 palästinensischen Orten begangen“ habe und dies also „50 Massaker, 50 Holocausts“ seien. Anders jedenfalls lässt sich die Nicht-Reaktion des Mannes, der immerfort von Respekt redet, nicht erklären.

Nun wurde zackig danach kolportiert, dass die Pressekonferenz durch den Sprecher Scholz’, Steffen Hebestreit, für beendet erklärt wurde und Scholz, sonst nicht unbedingt um eine pieksende Anmerkung verlegen, gar nicht mehr die Möglichkeit gehabt hätte, etwas zu erwidern. Sein finsterer Blick sagte wohl alles und später gab es ein Statement für die ach so geschmähte BILD-Zeitung.

Ernsthaft? Dieser Mann, der durchaus in der Lage ist, andere Politiker*innen, Moderator*innen und Journalist*innen abzukanzeln, soll es nicht geschafft haben seinem Pressesprecher ein Zeichen zu geben, dass er in seinem Haus gern noch eine Anmerkung bringen wollen würde? Abbas redete nach den oben genannten Aussagen durchaus noch einige Momente weiter. Es gibt Momente, in denen mensch etwas sagt oder sie werden verpasst – dann ist es zu spät. Egal wie entschlossen anschließend darüber geredet wird, dass das ja eigentlich alles total klar sei. 

Olaf Scholz hätte nicht nur die Möglichkeit sondern auch die Pflicht gehabt, hier reinzugrätschen. Mensch muss sie nicht gemocht haben, aber eine Angela Merkel hätte in diesem Moment anders reagiert, sie hätte Mahmud Abbas ermahnt, sie hätte daran erinnert in welchem Land er zu Gast ist, sie hätte wohl betont, dass sich bei allen Konflikten manches verbietet – zumal auf deutschem Boden, zumal im Herz der Regierungsarbeit.

Apropos Regierung: Es ist erstaunlich respektive erschreckend, dass aus keinem Haus – weder dem Außen-, Innen- oder sonst so ambitionierten Wirtschaftsministerium – etwas zu vernehmen ist. An dieser Stelle mögen wir uns schon fragen: Greift hier die Richtlinienkompetenz des Kanzlers?

Scholz jedenfalls wählte den Weg des Ignorierens und der Ausrede. Es auf seinen Sprecher und die Situation zu schieben, erst einige Zeit später mit einem zwar verurteilenden aber gleichwohl die Situation relativierenden Statement um die Ecke zu kommen, das ist nicht nur respektlos, es ist vor allem durchsichtig und billig. Immerhin etwas, sonst ist es ja kaum mehr was.

AS

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