Bootsfahrt ins Glück

Kreuzfahrten sind in den letzten Jahren immer mehr in Verruf geraten. Nicht zu Unrecht, blasen die Schiffe doch zum lediglichen Zweck der Unterhaltung enorme Mengen an Treibhausgasen in die Atmosphäre. So ein Bootsausflug kann aber auch zur unmittelbaren Gefahr werden, wie die Teilnehmer einer Fahrt im Kölner Tatort: Hubertys Rache an diesem Sonntag erfahren.

Kapern

Der wegen Misshandlung einer Schutzbefohlenen verurteilte frühere Lehrer Daniel Huberty (Stephan Kampwirth) hat ein solches Ausflugsboot mit knapp 20 Passagieren und Besatzung in seine Gewalt gebracht, darunter, gemeinsam mit ihrer pubertierenden Tochter Amelie (Anna Bachmann), auch die Oberstaatsanwältin Dr. Svenja Poulsen (Christina Große), die ihn vor einigen Jahren verurteilte. Huberty fordert von der Polizei im Austausch gegen die Geiseln einige weitere von ihm bestimmte Personen, die ihn vermeintlich rehabilitieren könnten, denn er sieht sich als Opfer eines Justizirrtums, wenn nicht gar einer Verschwörung gegen den kleinen Mann.

Dr. Svenja Poulsen (Christina Große) will den Geburtstag ihrer Tochter Amelie an Bord eines Ausflugsschiffes verbringen. Doch hier trifft sie einen alten Bekannten wieder // © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Thomas Kost

Die Kommissare Freddy Schenk (Dietmar Bär) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) haben gemeinsam mit ihrem arg kleinen Krisenstab die Aufgabe, Hubertys Personenliste abzuarbeiten. Als weitere Aufgaben fallen die nach wenigen Minuten als erledigt zu betrachtende Aufklärung eines Todesfalls, die konflikt- und gewaltfreie Beendigung der Geiselnahme sowie eine Undercover-Aktion Ballaufs, der sich unter falscher Identität auf das Schiff schmuggeln lässt, an.

Fertig zum Entern

Die Aufklärung des Todesfalls tritt für die Kommissare der Mordkommission, wie aus der Gemengelage unschwer zu erkennen sein dürfte, relativ schnell in den Hintergrund. Hubertys Rache entpuppt sich ebenso schnell als ein Geiseldrama, das sich sowohl durch spannende wie auch durch manchmal etwas lang geratene Passagen auszeichnet. Einerseits fesseln uns Zuschauerinnen und Zuschauer die Geiselnahme, ihr Verlauf und auch manch eine Kameraeinstellung. Die Motive Hubertys schälen sich nach und nach heraus und wir beginnen zumindest ein wenig, seine Verzweiflung und seinen Wunsch auf Rehabilitation zu verstehen.

Video-Telefonat mit dem Entführer: Jana Künitz (Mathilde Bundschuh) spricht im Präsidium mit Daniel Huberty (Stephan Kampwirth, Mitte), der sich mit seinen Geiseln auf dem entführten Schiff aufhält. Kommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär, r) beobachtet die Reaktionen der jungen Frau // © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Thomas Kost

Dazu trägt auch bei, dass es immer wieder Fragen gibt, die uns beschäftigen. Was ist mit der Bombe, die Huberty an Bord platziert haben will und die laut Aussage einer Kollegin genügend Sprengkraft haben könnte, „um das Traumschiff in die Luft zu sprengen“. Oder wenn es um den Komplizen oder die Komplizin geht, die Huberty auf dem Boot zu haben scheint. Wer ist es? Wie könnte er oder sie in das Geschehen eingreifen?

Meuterei

Und dann gibt es aber wieder andere Passagen, da kommt uns dieser Tatort etwas lang vor. Manche Szenen sehen wir gefühlt mehrfach, ohne dass wir einen wirklichen Mehrwert erkennen können. Die Sache mit der Bombe beispielsweise erledigt sich am Ende relativ geräuschlos, auch wenn sie einmal ganz kurz vor der Detonation steht. Oder die Scharfschützen, die Huberty den Garaus machen sollen, machen ihren Job auch nicht gerade hervorragend…

Kommissar Norbert Jütte (Roland Riebeling) gehört zu dem Team, das aus dem Polizeipräsidium den Einsatz koordiniert und die Ermittlungen zum Mord und zur Entführung leitet // © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Thomas Kost

Der Tatort: Hubertys Rache hat somit ein bisschen von allem: starke und fesselnde Momente, ein paar witzige Situationen – Stichwort: Prostata-OP – und ein abgeklärtes Team, das dennoch vor allem in Person von Max Ballauf ein wenig an seine Grenzen kommt. Gleichzeitig ist der zu großen Teilen auf dem Boot auf dem Rhein inszenierte Tatort von Regisseur Marcus Weiler und dem Drehbuchteam Eva A. Zahn und Stefan Zahn aber an manchen Stellen trotz der Spannung etwas vorhersehbar und hält uns auch nicht 90 Minuten ohne Unterbrechung unter Hochspannung. Solide Unterhaltung zum Sonntagabend, aber nichts, woran mensch sich noch in einigen Jahren erinnern dürfte. In gewisser Weise reiht er sich hier aber an einige andere Fälle des Duos Ballauf und Schenk ein, beispielsweise den bis dato jüngsten Fall Tatort: Vier Jahre.

HMS

PS: „Humbert Humbert“, wunderbar… Hey, Vladimir Nabokovs Lolita!

Tatort: Hubertys Rache läuft am 27. März um 20:20 Uhr im Ersten und um 21:45 Uhr auf one; anschließend sechs Monate in der ARD-Mediathek verfügbar.

Tatort: Hubertys Rache; Drehbuch: Eva Zahn, Volker A. Zahn; Regie: Marcus Weiler; Musik: Olaf Didolff; Darstellende: Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär, Roland Riebeling, Joe Bausch, Tinka Fürst, Renan Demirkan, Stefan Kampwirth, Christina Große, Anna Bachmann, Mathilde Bundschuh, Enno Kalisch, Nils Kretschmer; Laufzeit: ca. 89 Minuten; Eine Produktion von Bavaria Fiction (Niederlassung Köln) im Auftrag des WDR für die ARD.

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