Kummerling

Montag is Schontag, Montagsblues, „Wie nennt man Menschen die montags gute Laune haben?“ – „Arbeitslose.“, immer wieder Montag – der Tag hat keinen guten Ruf; in der quasi letzten Dekade hat der rechte Populismus dies noch verschärft, wie zuletzt deutlich bissig charakterisiert in Heike Geißlers für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiertem Roman Die Woche, in dem ihre Protagonistin immer wieder Montage mit aller ihrer Le- und Pegida-Scheiße durchlebt.

Klagen der Tage

Oder anders: Kummer wird an Montagen zumindest gefühlt größer, auch für jene, die diesen gewohnt sind. Wie passend, dass unsere Lieblings-Drag-Künstlerin Cassy Carrington sich für einen Song namens „Bin Kummer gewohnt“ mit der Musikerin Franca Morgano zusammengetan und diesen rockig-vorwärtsgehend aufgeladen hat.

Franca Morgano und Cassy Carrington im Video zu „Bin Kummer gewohnt“ // © Cassy Carrington/Conny Beißler

Im Song, der sich auf einer Beerdigung samt vermeintlichem Leichenschmaus abspielt, besingen die sich auch für Menschenrechte engagierende Cassy Carrington und die ECHO-prämierte Franca Morgano Probleme, die uns dieser Tage beschäftigen: Selbstzweifel und Body Shaming, mediale Daueraufmerksamkeit und Populismus, Naturkatastrophen und Umweltzerstörung. Noch immer beschäftigen, muss wohl leider dazu gesagt werden. Natürlich ist „Bin Kummer gewohnt“ kein ausschließliches Klagelied, sondern eine Aufforderung gemeinsam zu stehen und Barrieren zu überwinden:

Wir halten aus / Wir halten durch / Es kann nur noch besser werden / Wir bleiben stark / wir bleiben ruhig / Davon werden wir nicht sterben

aus „Bin Kummer gewohnt“

„Nur Ghosting statt Date“

Dazu kommt der Song wunderbar dunkel und rockig daher, die sanft-geerdete Stimme von Cassy, die zuletzt beim großartigen „Tattoo“ noch ganz andere Töne anschlug, und der röhrende Klang Francas, die mit Magic Affair und „Omen III“ berühmt wurde, ergänzen sich ganz wunderbar und machen „Bin Kummer gewohnt“ zu einer runden Sache. Dass diese so rund wurde, liegt sicherlich auch wieder an Cassys vertrautem Team: dem Komponisten und Produzenten Stefan Rebelski, der den richtigen Sound zu den von Cassy verfassen Worten findet, Regisseur Joseph Vicaire und Kamerafrau Conny Beißler, die schon wie in Cassys letzten Videos die richtige Bildsprache ans Publikum tragen.

Im Video treten Cassy und Franca als ungebetene Gäste bei besagter Trauergesellschaft hinzu. In dieser tummeln sich unter anderem eine Schwarze Witwe, ein lüsterner Priester, ein Fetish-Lover mit Harness (nein, nein, das sind nicht die selben), ein Künstler und natürlich eine Leiche… oder?! Dass im Track die Zeile „Nur Ghosting statt Date“ fällt, ist angesichts der Umgebung recht wunderbar. Das Video, das seine Premiere übrigens kürzlich auf dem Blog und Archiv für queere Musik, https://www.bouygerhl.com/, feierte, sei also unbedingt allen ans Herz gelegt, nicht nur weil es den Song noch einmal mit sprichwörtlich anderen Augen wahrnehmen lässt, sondern weil es schlicht wunderbar unterhaltsam und bissig ist und, jippie, mit einer feinen Pointe daherkommt. 

Ganz ohne Pointe dies: Dem Vernehmen nach dürfen wir im Herbst 2022 mit einem neuen Album und Bühnenprogramm Cassy Carringtons rechnen. Sollte dies nun an einem Montag erscheinen, stünde das allem entgegen, woran wir glauben!

Eure queer-reviewer

Hier findet ihr den Song uns alles weitere und natürlich gibt’s ihn auch in unserer QUEER SOUNDS-Spotify-Playlist.

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