Die rätselhafte Osterzeit

Ostern: Das zweitwichtigste und zweitbeliebteste Fest nach dem Tag des Toilettenpapiers, äh, Weihnachten. Halt, nein, nein, Stop! Dem ist gar nicht (unbedingt) so, denn für Christen ist Ostern das weitaus wichtigere Fest. Ohne Jesu Geburt wäre Ostern zwar nicht denkbar, doch „erst sein Leiden, das Sterben und die Auferstehung manifestieren den christlichen Glauben“, schreibt Mirko Krüger in Ostern aus der im Klartext Verlag erscheinenden Reihe Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten.

Hier liegt der Hase in den Zeilen

Doch damit nicht genug! Wenn eines als deutlicher Gradmesser für die Wichtigkeit von Feiertagen und Festen gesehen werden kann, dann wohl der Absatz von Süßigkeiten. Und dieser ist in der Woche vor Ostern am höchsten. Zwar wird von den jährlich circa 220.000.000 produzierten Schokoladenosterhasen rund die Hälfte exportiert, doch damit verbleiben immer noch mehr im Land, als die rund 100 Millionen Weihnachtsmänner, wie uns Krüger zu informieren weiß.

Sein Band, den wir nicht, wie die Produktion von Süßwaren sinnvollerweise stattfindet, antizyklisch vorstellen, ist eine bunte, wilde Mischung aus Religions- und Kulturgeschichte, Anekdoten, Lebensmittelfakten, Fun Facts und Spracharithmetik. Ein Buch also, in dem für jede und jeden etwas dabei sein kann und aus dem sich in der Tat so einiges mitnehmen lässt, womöglich gar die Lust, manches zu vertiefen. 

Bilby, Bunny und Boygroup

Das fängt bei den möglicherweise heidnischen Wurzeln des Osterfestes und der Wortherkunft an, geht über die Dauer der Osterzeit (bis Pfingsten, wir sind also früh dran!), erzählt uns einiges über Hasen, beispielsweise woher der Spruch „Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts“ stammt und was das mit einem Duell zu tun hat, was so mit Meister Lampe los ist und überhaupt Wissenswertes über Feldhasen, um schließlich zu erläutern, wieso in Australien der Bilby, ein Beuteltier, für Ostern steht und nich ein Bunny. 

Dann wird’s segensmäßig wissensreich: Eine kurze Geschichte der acht Tage von Jesu und seiner Jünger-Boygroup Reise nach Jerusalem bis zu dessen Kreuzigung und vermeintlicher Wiederauferstehung. Bei aller Kürze arbeitet Mirko Krüger hier fein heraus, wie sich die Darstellungen in den verschiedenen Evangelien unterscheiden und dass manch wissenschaftliche und historische Betrachtung ohnehin einige Abläufe anders einordnet; da fühlt man sich schnell an Jesus von Jens Schröter erinnert.

Ausgewogene Betrachtungen

Diese Gegenüberstellung unterschiedlicher Betrachtungen behält Krüger auch bei Fragen wie „Wann starb Jesus?“, der Art, wie genau er starb, was es mit dem Turiner Grabtuch auf sich hat oder wo genau Jesus seine Jünger speiste, bei. Dabei klingt Ostern. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten auch bei diesen Themen nie wie ein Lehrbuch oder eine Abhandlung. Krüger vermittelt dies alles knackig und kompakt, ohne zu sehr auf Auslassung zu setzen.

Auch „10 vorlaute Fragen“ zur biblischen Ostergeschichte bringt er ein wie auch diverse Redensarten, die sich aus der Ostergeschichte in unser aller Sprachgebrauch geschlichen haben, zum Beispiel „von Pontius zu Pilatus laufen“ – unterhaltsam erläutert er hier den Zusammenhang und die heutige Interpretation. 

Kalk hart Facts

Schließlich schafft er es geschmeidig von der Geschichte und solcher, die nur eine erzählte ist, zu den Eiern zu kommen, indem er diese als Symbol des Lebens skizziert und gleich mal erklärt, warum Eier eigentlich angemalt worden sind (Fastenzeit, um alte aka haltbar gemachte von frischen Eiern zu unterscheiden, wurden die gekochten bunt) und an Bäumen hängen. Es folgt nichts weniger als die Frage: „Was war zuerst da, Huhn oder Ei?“ (Eine Frage, deren Beantwortung er auf den Punkt nachvollziehbar formuliert – sehr fein!)

Nun geht es um unsere Ernährung, unseren Verbrauch und sogar Verbraucherschutz; ähnliches wird er wenige Seiten später bei den Lämmern wiederholen, die wir Deutschen so gern nicht verzehren, jedenfalls nicht häufig (unter „Lasst sie leben“ gibt’s in dieser Der Spiegel-Morgenlange Interessantes zu lesen). Außer eben zur Oster- oder auch Pessachzeit. Denn natürlich findet auch dieses traditionelle jüdische Fest Einzug in das stark bebilderte Büchlein.

Auch zum Ei gibt es wieder diverse Sprichwörter zu erkunden; so wusste ich beispielsweise nicht, woher der „Eiertanz“ kommt, und wie so vieles – auch in diesem Buch – hat es was mit dem guten, alten Hasen Johann Wolfgang von Goethe zu tun, dem wir unter anderem auch nochmals bei „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein“, also dem Faustischen Osterspaziergang und der Frage, wo dieser denn nun stattfand, begegnen (mein damaliger Lehrer war von Weimar überzeugt, andere Behauptungen wurden mit Punktabzug bewertet, ohne Scheiß). 

Auf zu Heidi nach Ostern mit ABBA

Noch einige Traditionen und solche, die es nie so recht werden sollten, werden erwähnt; ebenso Orte mit Oster- und Hasenbezug im Namen, was durchaus amüsant ist; botanisch wird’s und was Jesus Christ Superstar mit ABBA (zu denen es in der Reihe auch ein Buch gibt, unsere Besprechung folgt) zu tun hat oder wieso weder Monty Pythons Das Leben des Brian noch Scream oder Heidi in den Bergen am Karfreitag gezeigt werden dürfen, erfahren wir; die Ostermärsche und ihr Ursprung werden erwähnt. Nach zuletzt weniger Zulauf und durch Corona ohnehin Pausenzeit, fallen die in diesem Jahr wieder größer aus, dürfte es doch genug Leute geben, die skandieren möchten, die Ukraine solle ohne Waffen den Krieg gewinnen oder so einen Nonsens (Hallo, Rolf Mützenich!).

Apropos Waffen, Krieg und Blödsinn: Etwas unbeholfen integriert Mirko Krüger kurz vor Schluss das Massaker am Ostermontag auf der so genannten Osterinsel. Auf der einen Seite ist es fein, dass es erwähnt wird, auf der anderen wirkt es deplatziert und dann doch zu kurz gegriffen (den Blödsinn beziehen wir auf das Verhalten Jakob Roggeveens und der anderen Expeditionsteilnehmer; im Übrigen meine ich, dass die Gruppe am Ostersonntag und nicht -montag angekommen wäre, also am 5. und nicht 6. April 1722). Um dem Eindruck der Zufälligkeit entgegenzuwirken, hätte er noch das Karfreitagsabkommen einbinden können, zumal Irland im Buch auftaucht.

Die große Preisfrage

Eine Frage, die sich stellt, ist die Preisfrage: 16,95 Euro ist nicht wahnsinnig teuer, aber auch kein volles Schnäppchen. Verglichen mit den zwar nicht bebilderten aber inhaltlich noch kräftigeren Fettnäpfchenführern, der bunten 151-Reihe (beide Conbook) oder auch der Gebrauchsanweisung-Reihe im Piper Verlag kann mensch abwägen, ob er eher eine Art Romanerfahrung (Fettnäpfchen) oder ein buntes Nachschlagewerk wünscht; doch mit Blick auf Bücher zu Feiertagen oder auch Orten in ähnlicher Form, stellen wir fest, dass diese meist großformatiger und üppiger ausgestattet sind. Zumal man sich ein solches Buch für den Preis sicherlich nicht mal so spontan mitnimmt, da liegt die Schwelle wohl bei 14,95 Euro oder eher noch 12,95 Euro.

Wer diese Frage aber für sich mit „Ja, passt“ beantwortet hat, kann schließlich noch andere beantworten und herausfinden, ob die Lektüre verfangen hat oder vorm Suchen von Ostereiern und Co. noch ein Spiel spielen: Am Ende von Ostern findet sich ein 30-Fragen-Quiz. Es ist kaum zu glauben, wie viel Interessantes mensch einhundert Seiten später schon wieder zögerlich beantwortet. Also gleich nochmal, denn das Buch lädt durchaus dazu ein, ganzjährig immer mal wieder zur Hand genommen zu werden, ist es doch so amüsant wie informativ. Das relativiert dann auch den Preis. 

AS

Mirko Krüger: Ostern. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten; 1. Auflage, Februar 2022; 120 Seiten; zahlreiche farbige Abbildungen; Klappenbroschur; ISBN: 978-3-8375-2333-1; Klartext Verlag; 16,95 €

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