Edel geht der Regisseur zugrunde

Beitragsbild: Leidet an Krankheiten, der Welt, dem Alter, verblassendem Ruhm und sich selbst: Salvador Mallo (Antonio Banderas) // Foto: ARTE France/© El Deseo DA

arte – ein ohnehin von uns geschätzter Sender, sollte das noch nicht aufgefallen sein – wird in diesem Jahr 30 – Happy Birthday! In diesem Rahmen gibt es ein besonderes Geburtstagsprogramm – mehr dazu an anderer Stelle. Ganz regulär berichtet arte auch in diesem Jahr wieder über das Festival de Cannes, das am 17. Mai (im Übrigen auch der Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie) beginnen soll und zeigt Filme, die im Wettbewerb der legendären Filmfestspiele liefen. Der deutsch-französische Sender beginnt hiermit schon etwas früher und lässt als Fanfare ein wahres Cannes-, Cineasten– und Queer-Highlight erklingen: Am heutigen Sonntag ist Pedro Almodóvars autofiktional geprägter Film Leid und Herrlichkeit in Erstausstrahlung zu sehen.

„Klatschgeschichten werden alt, genau wie Menschen“

Es ist, das lässt sich nicht anders sagen, nur naheliegend, dass ein Regisseur und Autor wie Almodóvar, der zur Premiere des Films 2019 bald 70 Jahre alt war, sich entscheidet ein autobiografisches Werk filmisch und nicht als 432-Seiten-Buch mit kleinem Bildteil zu veröffentlichen. Ebenso naheliegend ist es, diesen mit reichlich Fiktion anzureichern, denn Film ist auch immer Zauber. Bei Almodóvar, einem Meister darin, Realismus ordentlich durchzuschütteln, ohne marvelistisch werden zu müssen, sowieso. 

Schon während seiner Kindheit wurde deutlich, dass Salvador (Asier Flores) Talent hat. Singen, lesen, schreiben, bockig sein, … // Foto: ARTE France/© El Deseo DA

Wahrlich zauberhaft sind in Leid und Herrlichkeit schon einmal die Bilder von Almodóvars Stammkameramann José Luis Alcaine, die nicht nur die satten Farben sondern auch Stimmungen, ja Temperaturen einfangen. Ob in Paterna, wo Almodóvars filmisches Alter-Ego, der kleine Salvador Mallo (Asier Flores), gemeinsam mit seiner Mutter Jacinta (Penélope Cruz) und seinem Vater Venancio (Raúl Arévalo) aufwächst oder im heutigen Madrid, wo der bald 60-jährige Autorenfilmer Mallo (als Erwachsener: Antonio Banderas, in einer formidablen Leistung, die ihm zurecht die Goldene Palme als Besten Hauptdarsteller bescherte), unter sehr, sehr, sehr vielen verschiedenen körperlichen und seelischen Schmerzen und Wunden leidet – und unter dem Älterwerden sowieso.

„Hier ist alles komisch“

Dauerhafte Kopfschmerzen, wie sie auch Almodóvar selbst plagen, und mal leichte, mal schwerere Depressionen scheinen da noch das Erträglichste (als Mallo zu Beginn erläutert, was ihn plagt, das ist schon klasse gemacht). Dieses Gefühl steht im Kontrast zu seiner mit Kunst stilvoll vollgepackten Wohnung in poppigen Farben, durch alles weht ein Hauch Pop-Art-Seventies-Feeling. Abgeschottet von der Welt ist er; nur noch seine Haushaltshilfe Mari (Marisol Muriel) und seine Assistentin Mercedes (toll: Nora Navas) haben wirklich Zugang zu ihm.

Salvadors Mutter Jacinta (Penélope Cruz) wollte immer nur, dass es ihrem Sohn gut geht // Foto: ARTE France/© El Deseo DA

Doch dann soll sein 32 Jahre alter Erfolgsfilm „Sabor“ im Rahmen einer Retrospektive in einer restaurierten Fassung aufgeführt werden und er sieht ihn sich das erste Mal seit der Premiere wieder an. Und hasst ihn nicht. Damals überwarf er sich mit dem Hauptdarsteller Alberto Crespo (vielschichtig: Asier Etxeandia), doch scheint er ihm nun vergeben zu haben und sucht den Kontakt. Dabei bekommt er nicht nur den, sondern auch jenen zu Heroin, das er nie nahm, gesoffen und gekokst wurde, klar, aber Heroin blieb unangetastet. Mit einer „Friedensfolie“ soll sich das ändern.

„Ich will keine der Emotionen verlieren, …“

So folgen wir dem alternden Regisseur Mallo, der sich gänzlich seinem Leid hinzugeben scheint, ein wenig gemildert durch das Heroin, das ihn gleichsam immer wieder in die Vergangenheit zurückbringt und uns seine, natürlich stark katholisch geprägte, Kindheit, samt liebevoll-angespanntem Verhältnis zur Mutter zeigt. Dieses wird auf einer zweiten Rückblendenebene noch weiter ausgeführt, als Mallo seine kranke Mutter Jacinta (nun sehr bestimmt, aber auch fragend gespielt von Julieta Serrano) eine zeitlang bei sich in Madrid hat und pflegt.

Mit dem Hauptdarsteller seines Erfolgsfilms „“Sabor““ Alberto Crespo (Asier Etxeandia) hatte sich Salvador bei den Dreharbeiten zerstritten – nun schaut der sich die Abhängigkeit an // Foto: ARTE France/© El Deseo DA

Es finden sich also die typischen Motive Pedro Almodóvars in Leid und Herrlichkeit wieder: Das provinzielle Aufwachsen, der Weg in die Priesterschule beziehungsweise das Thema katholischen Glaubens, das komplexe Mutter-Sohn- oder Mutter-Kind-Verhältnis und auch das sexuelle Erwachen beziehungsweise sexuelle Identität. Dieses zeigt Almodóvar hier sehr subtil, dennoch enorm ästhetisch, als etwa der junge Salvador den analphabetischen Nachbarn Eduardo (César Vicente), dem er im Gegenzug dazu, dass er das Höhlenhaus, in dem die Mallos leben, renoviert, Lesen und Schreiben beibringt, beim Waschen zusieht. Ein kurzer Moment und eine Reaktion reichen, und alles ist gesagt. 

„…die ich in die Abhängigkeit gesteckt habe“

Dennoch ist Leid und Herrlichkeit in der Tat mal ein ganz anderer Film des wohl bekanntesten spanischen Regisseurs. Zum einen ist er weit ruhiger als viele seiner Filme, zu Beginn beinahe distanziert, so dass es ein wenig braucht, um mit Salvador Mallo und seinen Befindlichkeiten warm zu werden (es werden sich ohnehin die Geister scheiden, ob es „sympathisch“ ist, mit bald 60 Jahren noch Heroin zu probieren. Die Meinung des Rezensenten: Klar, super Alter dafür, finanziell abgesichert ist er auch und die Konsequenzen müssen weniger lang getragen werden…). 

Ebenso ist er sehr rund und zeigt uns die verschiedenen Facetten vieler Figuren – es kommt noch eine alte Liebe Salvadors, Federico (Leonardo Sbaraglia), ins Spiel – und lässt sie nicht einfach nur mal eines Satzes wegen auftreten. Durchaus eine Schwäche manch anderer Almodóvar-Filme. So wird die Kindheit mehr als nur einmal auch aktiv das Jetzt beeinflussen, mal durch Zufall, mal durch freien Willen (so der denn existiert, ja, bla bla). Dieses Runde passt auch insofern, als dass Leid und Herrlichkeit den Abschluss der Trilogie um Filmemacher bildet, die mit Das Gesetz der Begierde 1987 begann und La Mala Educación – Schlechte Erziehung 2004 schon einmal ein Highlight hervorgebracht hat.

Das Leid und seine Herrlichkeit: Der gealterte Filmemacher Salvador (Antonio Banderas) steckt in einer tiefen Sinnkrise… und im Pool // Foto: ARTE France/© El Deseo DA

Das Salvador Mallo an einer Stelle im Film von einer Lebensbeichte redet, in der er nicht erkannt werden will, ist überdies ein feinsinniger Zug Almodóvars, der durch die Mischung von Autobiografie und Fiktion natürlich auch den Menschen Almodóvar hinter der Figur Mallo verschwinden lassen kann. Doch soll es beim Schauen dieses Melodrama-freien, angenehm getragenen, bittersüßen, oft doppelbödigen Films nicht darum gehen, zu raten, was ist was, sondern darum, zu sehen wer mensch ist und was sein kann. Denn ein Verfall, nur weil man ihn zu sehen meint, nein, der ist nicht zwingend. Leid und Herrlichkeit ist auch Licht und Hoffnung.

AS

PS: Pedro Almodóvar ist der Lieblingsregisseur von Élites Patrick Blanco Commerford.

PPS: Leid und Herrlichkeit war als bester Internationaler Film 2020 für den Oscar nominiert. Ausgezeichnet wurde in dem Jahr Bong Joon Ho’s Parasite, den arte am kommenden Sonntag, 15. Mai 2022, um 22:30 Uhr zeigt.

PPPS: „Ich mag keine Autofiktion.“ – „Was weißt du denn davon?“ – „Das hast du mal in einem Interview gesagt.“

Antonio Banderas / Pedro Almodóvar – Der Meister und seine Muse: Banderas wurde zwar dank seiner US-amerikanischen Karriere zum weltweit bekanntesten spanischen Schauspieler, sein wahres Können zeigte und zeigt er jedoch in den Werken Almodóvars (hier in Leid und Herrlichkeit)// Foto: ARTE France/© Lifestyle pictures/Alamy Stock Photo

PPPPS: Im Anschluss zeigt der Sender die Dokumentation Antonio Banderas / Pedro Almodóvar – Der Meister und seine Muse von Nathalie Labarthe, die bereits in der arte-Mediathek verfügbar ist.

Leid und Herrlichkeit ist heute Abend um 20:15 Uhr in deutscher Erstausstrahlung auf arte zu sehen.

Leid und Herrlichkeit; Spanien 2019; Regie und Drehbuch: Pedro Almodóvar; Kamera: José Luis Alcaine; Musik: Alberto Iglesias; Darsteller*innen: Penélope Cruz, Antonio Banderas, Asier Etxeandia, Nora Navas, Leonardo Sbaraglia, Julieta Serrano, César Vicente, Cecilia Roth, Raúl Arévalo, Pedro Casablanc, u. v. m.; FSK: 6; Laufzeit: ca. 110 Minuten

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