Eine Liebe für die Ewigkeit im Verborgenen

Die Liebe „sie verträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles“, so heißt es im 1. Korintherbrief 13.7. Und es lässt sich, auch wenn wir hier alles andere als der Institution Kirche zugewandt sind, kaum ein besserer Satz finden, um einen Text zu Filippo Meneghettis Regiedebüt Wir beide zu beginnen und den Film gleichzeitig zu beschreiben. Es geht um eine lesbische Liebe, Jahrzehnte im Geheimen gelebt, nun auf dem Weg ins Offene, doch vereitelt durch Angst und einen Schicksalsschlag.

Jahrzehnte der Heimlichkeit

Oder auch einfach durch das Leben, denn das, das wissen wir, läuft nicht selten anders, als wir es uns ausmalen. Im Zentrum stehen die verwitwete Französin Madeleine (Martine Chevallier) und die Deutsche Nina (Barbara Sukowa), die, beide in ihren Siebzigern, seit vielen Jahren als Nachbarinnen auf dem selben Stockwerk leben. So ist Nina für die mittlerweile erwachsenen Kinder Madeleines, Anne (Léa Drucker) und Frédéric (Jérôme Varanfrain) etwa Mme Dorn von gegenüber, wohingegen sie für Mado, wie Nina Madeleine nennt, ihre Partnerin ist, mit der sie sich seit dem Tod ihres Mannes im Grunde ihre Wohnung teilt.

Madeleine (Martine Chevallier, li.) und Nina (Barbara Sukowa, re.) träumen von einem gemeinsamen Leben in Rom. Doch bisher können sie ihre Liebe nur im Verborgenen ausleben // © 2022 ARD/Degeto

Nach Jahrzehnten der Heimlichkeit wollen die beiden Frauen ihren Lebensabend in Rom, wo sie sich kennenlernten, verbringen. Doch zuvor soll und will Mado ihre Wohnung verkaufen und ihren Kindern reinen Wein einschenken, ihnen sagen, dass Nina ihre große, wahre Liebe ist. Doch wieder kann Madeleine sich nicht überwinden, ihren Kindern klar zu machen, dass sie eben nicht die ewig trauernde Witwe ist. Es kommt zum Streit der zwei Liebenden – kurz darauf erleidet Mado einen Schlaganfall.

Ein Sog sondergleichen

Als dies in einer so subtilen wie packenden, von Aurélien Marra mit brutzelnder Eleganz gefilmten, Einstellung geschieht, läuft der Film gut zwanzig Minuten und Regisseur und Autor Meneghetti und seine Co-Autorin Malysone Bovorasmy haben es bereits fertiggebracht uns ein sehr genaues Bild der Dynamik zwischen den beiden unterschiedlichen Frauen und dem Kontext, in dem sie leben, zu zeichnen. Ebenso einen ruhigen, sich steigernden Sog zu entwickeln, der uns im Lauf der kommenden sechzig Minuten immer weiter in sich hineinziehen soll.

Madeleine (Martine Chevallier) kann sich nicht überwinden, ihren erwachsenen Kindern die Wahrheit zu sagen. Für alle bleibt sie die Witwe, die um ihren verstorbenen Ehemann trauert // © 2022 ARD/Degeto

Dies geschieht schleichend, beinahe bemerken wir gar nicht, wie sehr Wir beide uns vereinnahmt. Wie sehr Momente, die eher einem Thriller als einem Drama entsprechen, sich ganz natürlich in den Film einschleichen, so wie sich Nina in die Wohnung Mados, nachdem sie einfach auf ihre Rolle als fürsorgliche Nachbarin zurückgeworfen wird und an der skeptischen Pflegerin Muriel (Muriel Bénazéraf) vorbeikommen muss. 

Famos: Sukowa und Chevallier

Barbara Sukowa spielt ihre Nina mit einer solch bebenden Liebe und Energie, dass der Bildschirm wackelt (etwas, das wir auch von ihren Zusammenarbeiten mit Margarethe von Trotta etwa für Hannah Arendt kennen, hier aber noch emotionaler wirkt), währenddessen Martine Chevallier ihrer Mado eine Zurückhaltung auf den Leib spielt, die, wie wir uns vorstellen mögen, durch die Ehe mit einem unterdrückerischen Mann, noch verstärkt wurde. Aufregend und aufreibend zu sehen ist es, wie sich Mado nach dem Schlaganfall in die Welt der Gesten und vor allem Worte zurückzukämmen versucht, um endlich aus ihrer Lebenslüge ausbrechen können.

Nina (Barbara Sukowa) kommt nicht damit klar, dass sie nicht bei Madeleine sein kann. Sie nutzt jede Gelegenheit, um sich ihr anzunähern // © 2022 ARD/Degeto

Dass der Film des aus dem italienischen Padua stammenden Filippo Meneghetti 2021 als französischer Beitrag in der Kategorie Bester Internationaler Film ins Rennen um den Oscar geschickt wurde und sich dabei gar gegen François Ozons ebenfalls fantastischen Film Sommer 85 durchsetzte, erstaunt ebensowenig wie die Auszeichnung Sukowas als erster deutscher Schauspielerin mit dem Prix Lumière, mit dem auch Chevallier völlig zurecht bedacht wurde. Auch gab es unter anderem den César für das Beste Erstlingswerk.

Alles nur aus Liebe

Nun en détail zu beschreiben, was Wir beide (im Französischen schlicht Deux) so besonders macht, welche Momente es sind, die sich fest in den Köpfen und manches Mal auch Herzen der Zuschauer*innen verankern dürften, würde ein wesentliches Momentum dieses beinahe meisterhaft zu nennenden Films zertrümmern. Ähnlich wie manch ein Zukunftstraum der beiden Frauen zertrümmert zu werden droht.

Anne (Léa Drucker, re.) ahnt nichts von dem Geheimnis ihrer Mutter (Martine Chevallier, li.) // © 2022 ARD/Degeto

Woran sie auch nicht immer ganz unschuldig sind – gerade die häufig barsche Nina fordert das Schicksal oder eben Leben nicht selten heraus, ist immer fieberhaft. Alles geschieht aus Liebe und Sorge, im Übrigen auch die Reaktion von Tochter Anne, die natürlich irgendwann ahnen und später wissen muss, was vor sich geht, doch heiligt dies alle Mittel? Eine Frage, die sich jede*r nur selbst beantworten kann.

Exquisit ohne Gier

Es ist das Zusammenspiel aller Elemente, aller Feinheiten, aller alltäglichen Usancen, aller großen Gefühle, die mal laut und mal leise Raum finden, aller klangvollen Untermalungen und aller zugeschriebenen Erfahrungen, die Wir beide so besonders machen und den Film, der sich nie der Realität entzieht und nie gierig nach unserer Zuwendung greift, auf eine ganz exquisite Ebene heben.

AS

arte zeigt Wir beide am heutigen Donnerstag, 24. August 2022 um 20:15 Uhr (Wdh.: 26.8.22, 14:15 Uhr) und ist bis zum 6. September 2022 in der arte-Mediathek zu sehen.

Wir beide; Frankreich, Luxemburg, Belgien 2019; Regie: Filippo Meneghetti; Buch: Malysone Bovorasmy, Filippo Meneghetti; Kamera: Aurélien Marra; Musik: Michele Menini; Darsteller*innen: Barbara Sukow, Martine Chevallier, Léa Drucker, Muriel Bénazéraf, Jérôme Varanfrain, Augustin Reynes, Eugénie Anselin, Stéphane Robles; Laufzeit ca. 92 Minuten; FSK 6

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