Einmal Urlaub für Naturisten, komplett ohne alles bitte

Beitragsbild: Das Hintergrundbild zeigt die Spitze vom Cap d’Agde. Hier geht’s in der so genannten Schweinebucht, so erfahren wir im Buch, „nur ein paar hundert Schritte vom Familienbereich entfernt“ eben schweinisch zu.

Heute ist der Internationale Tag der Nichtbinarität, der seit 2012 begangen wird – juchhe (ausgerechnet heute holt die Humboldt-Universität zu Berlin übrigens den Vortrag von Marie-Luise Vollbrecht nach, wenn es später auch eine Podiumsdiskussion zur Kontroverse geben wird). Heute ist aber auch noch der Internationale Tag der Nacktheit. Woher ich das weiß? Von Seite 61 aus Marc Engelhardts kompaktem Büchlein Reise-Hacks für Nackte. Ein schamloser Wegweiser, der kürzlich bei Conbook erschienen ist. 

Vorbereitungszeit // © Conbook/Marc Engelhardt

Auf der selben Seite las ich auch vom „Krieg der Frauen“, in dem sich im November 1929 „Nigerianerinnen gegen eine besonders ungerechte Steuer [wehrten], indem sie nackt vors Verwaltungsgebäude zogen und damit die Kolonialisten beschämten.“ Die Steuer wurde wieder abgeschafft. Nackter Protest kann also sehr effektiv sein, lernen wir im fünften Kapitel „Fortbewegen für Nackte“.

Kein Fetisch, aber viel Spaß

Darüber hinaus lernen wir jedoch vor allem, wie vielfältig die Welt des Reisens für Naturisten ist und für all jene, die sich immer dachten, „muss geil sein“, heißt es: eher nein. Also schon, aber eben so auf der Erfahrungsebene. Um sexuelles Ausleben im Sinne eines Fetischs geht es hierbei eher nicht (natürlich dürft ihr auch im Nackturlaub Sex haben und sicherlich gibt es ebenso Lifestyle-Urlaube mit Swinging-Sexties-Attitude). 

In neun Kapiteln geht Engelhardt (der im vergangenen Jahr die unverhüllte Kulturgeschichte Ich bin dann mal nackt veröffentlichte) so knapp wie manches Mal spitz auf die wichtigsten Go’s und No-Go’s des Nacktreisens ein, gibt Hinweise, was wie wo wann am Lohnenswertesten ist, hilft bei der Abwägung von Verkehrsmitteln, vermittelt Verhaltensweisen und gibt dabei so wie am Ende nochmals gebündelt Hinweise für weiterführende Informationen oder auch zu Verbänden wie dem Deutschen Verband für Freikörperkultur oder dem Österreichischen Naturistenverband

Nackt rund um die Welt

Ganz zu Beginn gibt’s ein launiges Quiz zur Frage, wie urlausbsreif wir seien, um anschließend saisonal durch die Welt zu gehen und etwa auf dem Nacktfestival in Japan, dem Hadaka Matsuri, den World Naked Gardening Day im Mai, den weltweiten Naked Bike Ride (an dem in diesem Jahr Schauspieler Augustus Prew teilnahm) oder den im Juli stattfindenden Internationalen Naturistenlauf am Rosenfelder Strand hinzuweisen.

Tipps für eine perfekte Route // © Conbook/Marc Engelhardt

Überhaupt finden sich immer wieder kleine Teile im Buch, die in diverse Orte auf der Welt führen – wobei es doch auffällig häufig nach Frankreich geht, womit zumindest ich als frankophiles Viech keine Probleme habe – etwa bei den Top-10-Ländern sowohl für nackte Profis wie auch Einsteiger. Hier wird nach den Kriterien „Toleranz“, „Vielfalt“ und „Exotik“ geschaut – ob in den USA, Südafrika, Saudi-Arabien (eine Gegend allerdings, die allein wegen ihres Standings womöglich dennoch schlicht ausgelassen werden sollte…) oder Finnland und Montenegro. Dass es auch in den Vatikan geht oder eben eher nicht, darf sicherlich als Scherz abgetan werden.

Humor und solide Wissensdichte

Überhaupt findet sich in Marc Engelhardts Reise-Hacks für Nackte manch heitere Stelle (es soll ja auch Spaß machen, wie er schreibt), wenn das Buch auch mitnichten auf der Humorschiene der ebenfalls bei Conbook erscheinenden Fettnäpfchenführer-Reihe (nackt)wandelt. Einen bierernsten Ratgeber hat er dennoch nicht verfasst. Manch ein Witz entsteht auch schlicht durch die Absurditäten des Lebens, wenn es etwa um Gesetze zu Nacktheit geht. Hier schießt, für USA-Kenner*innen wohl wenig überraschend, Florida mal wieder den Vogel ab, gilt Nacktduschen dort doch als Ordnungswidrigkeit.

Knappe Liste… // © Conbook/Marc Engelhardt

Sehr interessant sind auch die Anmerkungen zu „Berühmten Nackten“, wo wir unter anderem Hermann Hesse, dem Künstler und Fotografen Spencer Tunick und natürlich unserer ersten Bundeskanzlerin a. D., Angela Merkel (die an diesem Sonntag ihren 68. Geburtstag womöglich ja beim Nacktbaden in der Uckermark begeht), begegnen. Auch gibt es immer wieder hoch informative „Wusstest du schon, …“-Einschübe. 

Wusstest du etwa schon, „dass die alten Griechen glaubten, nackte Bauern ernten mehr, weil sie die Fruchtbarkeit des Bodens anregen? ‚Sähe nackt, pflüge nackt, ernte nackt‘, riet der Dichter Hesiod“, weiß Engelhardt zu berichten, bevor er uns erläutert wie unterschiedlich die Gepflogenheiten beim Thema Essen und Trinken auch im Nackturlaub sein können. Denn durchaus sei es hier zuweilen gewünscht, sich dezent zu bedecken, gerade wenn es um größere Buffets oder Anlagen ginge, die sich Restaurant und Co. mit Nicht-Nackthotels teilten.

Information ist der Schlüssel – auch für Queers

Generell solle mensch sich vorher gut informieren, egal ob es ins Hotel, eine primär nackte Stadt oder einen Campingplatz gehe: Nackt als Pflicht, Clothing optional oder ganz anderes, es gelte (wie so oft im Leben), besser vorher Bescheid zu wissen, als später unangenehm berührt oder verärgert zu sein. Apropos informieren: Engelhardt bietet auch Hinweise für Fragen nach ungewollten Erektionen, Intimpiercings, Monatsblutung, Handynutzung und auch dazu, was für queere Menschen gelte (Naturist*innen seien sehr einladend, manche Ressorts speziell LGBTQ*-friendly und natürlich sollten wir auf die Gesetzeslage der jeweiligen Länder schauen, erneut: f*ck Saudi-Arabien und Konsorten).

Aller Anfang ist informationsreich Tipps für eine perfekte Route // © Conbook/Marc Engelhardt

Darüber hinaus ist natürlich nicht immer alles perfekt – auch Nackte können nerven. Hier hat Engelhardt eine schmissige Liste zusammengestellt (etwa beim Boule jeden Millimeter nachmessen, denn die „[d]ie Erdkrümmung fällt ja auch ins Gewicht.“), die sich jedoch locker auch auf andere Situationen übertragen ließe. Spannend für Menschen, die es mit Tortendiagrammen haben, ist sicherlich jene Information zu den unterschiedlichen Naturisten-Arten und ihrer prozentualen Gruppierung: Globetrotter-, Selbstversorger-, Rund-um-die-Uhr- oder Komfort-Naturisten, diesen und mehr kann begegnet werden.

Hüllenlos und offen ja, schamlos nein

Ein letzter ausführlicher Teil widmet sich verschiedenen Freizeittyp-gerechten („Der/die Gebräunte“, „Der/die Gestählte“, „Der/die Abenteuerlustige; ich wäre irgendwo zwischen gebräunt und Abenteuerlust) Aktivitäten, an die sich drei Top-10-Bucket-Lists anschließen, die noch einmal verschiedenste Orte der Welt aufsuchen, von denen wir dann sehr klassische Geschenke mitbringen können, die zum Teil, naja… jeder Geschmack ist anders.

Reise-Hacks für Nackte von Marc Engelhardt ist eine so kurzweilige, wie knappe Angelegenheit, die gerade Einsteiger*innen manch eine Hilfestellung bieten könnte. Ob es Hinweise braucht, wie jene, den Pass einzupacken sei dahingestellt, dennoch ist das Ding eine runde Sache. Vor allem weiterführende Links und Hinweise wie auch viele kleine historische Anekdoten lassen die Hacks insbesondere als Geschenkbuch informativ und unterhaltsam, wenn auch keineswegs schamlos ausfallen. 

AS

PS: In den USA ist heute außerdem auch noch der National Mac and Cheese Day. Yummy. Außerdem ist heute der französische Nationalfeiertag, weil wegen Liberté, egalité, fraternité und 1789 und so.

PPS: Ob Naturist oder nicht: Nackt zu schlafen ist gesünder und nachhaltiger. Steht auch im Buch. 

PPPS: Marc Engelhardt ist übrigens auf passender Lesereise – nämlich auf nackter Lesetour durch FKK-Vereine. Alle Termine bis Ende August findet ihr hier.

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Marc Engelhardt: Reise-Hacks für Nackte. Ein schamloser Wegweiser; Mai 2022; Hardcover, 96 Seiten; diverse Illustrationen; ISBN: 978-3-95889-422-8; Conbook Verlag; 9,95 €

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