Existenzialistische Sommerbrise

Immer wenn es ums Sein, um die Fragen des Selbst und die Existenz mitsamt ihren, also den eigenen, Ängsten geht, muss dies unweigerlich in einen komplexen, schweren und prinzipiell düsteren Mantel gehüllt werden, oder? Nee, sicherlich nicht und das dringt auch immer mehr durch. Cicada, den der Kollege Frank Hebenstreit hier besprochen hat, ist so ein Beispiel. Ein weiteres ist in diesem Monat in der Queerfilmnacht von Salzgeber in diversen deutschen Kinos zu sehen: Sprung ins kalte Wasser von Stelios Kammitsis begleitet die zwei jungen Männer Victoras und Mathias auf einem Roadtrip durch Italien, der so einiges enthüllen soll.

Oma tot, Audi läuft

Dabei ist die Ausgangslage der zyprisch-griechisch-italienischen Koproduktion erstmal weniger himmelhochjauchzend: Der ehemalige, in sich gekehrte Turmspringer Victoras (*rrr*: Vasilis Magouliotis) lebt mit seiner Großmutter in der griechischen Küstenstadt Patras, jobbt gelegentlich in einer Möbelwerkstatt und erhält einmal im Jahr ein Geschenk von seiner entfremdeten, in Deutschland lebenden Mutter Ageliki (Stela Fyrogeni). Als seine Oma unerwartet stirbt, entschließt er sich den zurückgelassenen alten Audi der Mutter wieder fahrbereit zu machen und nach Bayern zu fahren. 

„Und nun?“ fragt Victoras (Vasilis Magouliotis) sich nach dem Tod der Großmutter // © Salzgeber

Auf der Fähre von Griechenland nach Italien trifft er auf den etwas kommunikativeren und abenteuerlustigen Mathias (*rrr2.0*: Anton Weil), einen Deutschen, der diese Tour mehrmals während seiner Urlaube unternimmt. Nach erstem Zögern lässt Victoras sich darauf ein, Mathias mitzunehmen. Dass er sich dabei noch auf ganz andere Dinge einlassen wird, ist ihm hier noch nicht klar. 

Anders, als die anderen

Was nach einem recht typischen Zwei-Fremde-nähern-sich-an-und-entdecken-sich-selbst-Schema klingen mag, ist dies im Grunde in keiner Weise. Oder zumindest ist es dies in ganz anderer Art. Das ist zum einen die unglaubliche Treffsicherheit eines nahezu perfekten Drehbuchs, geschrieben von Stelios Kammitsis, das gekonnt zwischen Momenten der Stille, bedachtem Austausch, subtilem Witz und herausfordernden Späßen zu wechseln weiß und dabei immer wieder, Stück für Stück, offenbart, wer diese beiden jungen Männer sind.

Mathias (Anton Weil) und Victoras (Vasilis Magouliotis) – wachsendes Vertrauen // © Salzgeber

Denn auch, das ist ein zweiter feiner Punkt, wenn es so scheint, dass es vorrangig um Victoras, die Reise zur Mutter und zur Erkenntnis, was er da überhaupt will, gehe, finden sich in vielen Momenten allein durch Kleinigkeiten auch immer wieder Details zum Wesen von Mathias und der sich anbahnenden zwischenmenschlichen Beziehung der beiden. Wenn sie etwa auf einer Hochzeit eintreffen und ein Freund von Mathias zu Victoras sagt: „Du bist anders als seine anderen Freunde“, dann sagt dies auch einiges über den dunkelhaarigen Deutschen aus. 

Ich möchte ein Spiel spielen

Auch das eine tolle Szene, recht früh, in der sie sich darüber austauschen, der eine sehe nicht aus wie ein Grieche, nun, „du auch nicht wie ein Deutscher.“ Oder die, in der sie von der italienischen Polizei gestoppt werden, heiter; im Kontrast eine die Stimmung wechselnde Szene an einem See; eine sehr getragene, aber nicht melodramatische an einem Sprungturm; eine Figur namens Bjarke sorgt auch für manch Witz;… Überhaupt ist der Film sehr sympathisch, sehr echt, die beiden Hauptdarsteller Magouliotis und Weil sind sympathisch, die Chemie zwischen ihnen stimmt. Wir begegnen keinem Dialog, bei dem wir uns fragen müssten: „Wer zur Hölle redet so?“

Oh, hallo, Mutter (Stela Fyrogeni)… und Cheers // © Salzgeber

Sprung ins kalte Wasser erzählt sehr genau, sehr konzentriert und dabei ohne jede Anstrengung von den Fragen, wer wir sind, sein wollen und sein können und wer die Menschen um uns herum sind und wer wir sie sein lassen wollen. Exemplarisch dafür steht ein Spiel, das Mathias mit Victoras spielen will, in dem zwanzig Fragen gestellt werden und nur mit Ja oder Nein geantwortet werden darf (im Original heißt der Film The Man with the Answers). Für Mathias, der schlagfertig und auf sympathische Art arrogant ist, ein perfektes Spiel; für den verschlossenen Victoras, der dazu noch Angst hat, sein Mitfahrer können ihn abziehen wollen, eher weniger.

Sonnig ergründen

Und so werden auf dem Roadtrip (gedreht wurde in zehn Städten in Zypern, Griechenland und Italien) unzählige Fragen gestellt, wenn auch nicht alle beantwortet werden sollen. Einige davon, gerade jene, die womöglich zwischen den Zeilen gestellt worden sind, mögen wir Zuschauer:innen am Ende mitnehmen. Uns dabei wünschen, sie ebenfalls währender einer sommerlichen Fahrt über Italiens Landstraßen ergründen zu können.

On the Road again? Beim nächsten Mal kommen wir mit // © Salzgeber

Sprung ins kalte Wasser, dieser echte, kurzweilige, leichte und doch charakterstarke Film mit seinen wunderschönen Bildern und anziehenden Hauptdarstellern, voller greifbarer Echtheit jedenfalls bringt Lust auf eine tiefergehende Reise mit ironischem Einschlag – und Wein.

JW

Sprung ins kalte Wasser ist im April im Rahmen der Queerfilmnacht in diversen Kinos zu sehen.

Sprung ins kalte Wasser; Zypern/Griechenland/Italien 2021; Regie und Drehbuch: Stelios Kammitsis; Kamera: Thodoros Mihopoulos; Musik: Francesco Cerasi; Darsteller*inner: Vasilis Magouliotis, Anton Weil, Stela Fyrogeni, Pier Andrea Bosna, Marc Pistono, Chiara Ore Visca; FSK: 6; Laufzeit: ca. 80 Minuten; englisch-griechisch-deutsch-italienische Originalfassung, teilweise mit deutschen Untertiteln; eine Produktion von Felony Films, Blonde Audiovisual Productions, asterisk* und 9.99 films, im Verleih von Salzgeber

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