Geht ein Otter in den Puff

Es ist durchaus Obacht geboten: In einer immer schneller werdenden, unübersichtlicheren und oberflächlicheren, reizüberfluteten Welt fällt es nicht immer einfach, Dinge konkret als das auszumachen, was sie sind. Ist es eine Sechs oder doch eine Neun? Eine feine Chance oder doch nur ein unbezahltes Praktikum als emotionaler Punchingball? Ein imperialistischer Kriegstreiber oder doch nur ein guter Freund, dem man(n) auch mal ein Pipelinechen gibt? Schwer hat mensch’s und leicht hat’s eine:n.

Tsjakka – eine Erleuchtungsglühbirne

Um manchen der … möglichen Verwechslungen künftig zu entgehen, hat der wirklich ernstzunehmende Illustrator und Designer Felix Bork mit Nicht verwechseln! (bei Eichborn) ein Hilfskompendium für alle Lebenslagen geschaffen, etwa jener, wenn’s mal wieder dazu kommt, das mensch einen Scheißhaufen mit einer eingerollten Schlange zu verwechseln droht. Dann heißt es zuerst „Oh.“ oder „Oh.“ und anschließend, so oder so, „Scheiße“ oder „Scheiße“; entweder es flatscht oder beißt. Beides eben, nun ja, Mist. 

Cheers oder doch besser nicht?! // Illustrationen: © Felix Bork

Schon der Buchrücken kündet von der Notwendigkeit des strahlend gelben, vom Büro Bum Bum gestalten Bandes mit Erleuchtungsglühbirne auf dem Cover: Nicht mehr versehentlich den falschen Strauß zum Geburtstag schenken oder Zelte mit Fischen aufbauen. Das Buch ist im Alltag dabei ebenso tauglich wie in Extremsituationen. Dabei strahlt es schon allein dank Format und Papierschwere eine Kompetenz aus, die ein Emile Ratelband bei allem „Tsjakkaa!“-Gerufe so nie zu vermitteln mochte. 

Rasen, Kapern und Lorentzkraft

Doch auch wir als Lesende und Betrachtende sind hier ebenso als Lernende unterwegs und können unsere Kompetenz in Bezug auf Rätsel des Lebens und der Sprache beziehungsweise Worte, die Mutmaßungen zufolge zum Leben gehörten, anhand der interpretationsoffenen Illustrationen ausbauen. Es sind eindeutig sportiv geprägte Bilder und Beispiele im Band zu finden, dennoch mag beim Blättern eher ein Hirntraining vonstatten gehen. Die sehr zugänglichen sowie sympathisch kolorierten Zeichnungen des Herrn Bork von und vom Kapern und Rasen beispielsweise unterstützen diesen aber wo sie nur können.

Obacht! // Illustrationen: Felix Bork

Es verhindert, dass die Schweinemast, als Mast eines Schweins, oder der Schweinemast, als der Mast eines reichsbürgerlichen Schweins, verwechselt werden, was gerade in Zeiten, in denen wir eine Wende, sowohl in der Landwirtschaft als auch im Umgang mit Demokratiefeinden brauchen, eine nicht zu unterschätzende Hilfestellung darstellt. Loser und Lorentzkraft werden fortan nicht mehr dauernd verwechselt werden. Und ist es die oder der Stammkunde, über die oder den sich meine Nachbarin immer auslässt? Außerdem endlich Klarheit vorm Einkauf und der Frage, ob Penny oder Hornbach: Khaki – Frucht oder Farbe? Schweinenase oder Steckdose? Nagelbett: Fußpflege oder entspanntes S/M-Schlafen? Wenn der gute Bekannte von Besichtigung der Blütenstempel spricht, gehen wir dann in eine Kellergalerie oder -druckerei? Was uns zum Heißen Pflaster bringt: Apotheke oder doch die finstere Gasse daneben? 

Dichtungsringe, Stockwerke und Brachycera

Doch finden sich in Nicht verwechseln! auch Geschichten, die das Leben schreibt, aus denen sich lernen lässt. Nach einer Unterscheidung von „Kerzenständer“ und „Kerzenständer“, lesen wir die Geschichte vom kleinen Johnny, der seit seinem 73sten Kerzensprung vom Dreier und einer Zeltsituation (nein, nicht die mit potenziellen Fischen) nie wieder im Wasser war. Oder die schon tragisch zu nennende Ansage der Rücktrittbremse, die die Fliege macht. Apropos Fliege, die die Bremse ja ist, wir begegnen auch der Schmeißfliege und zwei Zweiflüglern (zwei Flügel dies definiert die Brachycera eindeutig, was sich in Unsere einzigartige Insektenwelt erfahren lässt) ergehen sich in einem bilateral-philosophischen Diskurs, danach wird’s dann denksportlich philosophisch mit dem gleichen Begriff.

Illustrationen: © Felix Bork

Dabei sind sie weder Teil eines Dichtungsrings, noch stecken sie an einem fest. Kunst begegnen wir auch beim Stockwerk; eine Galerie ist aber auch oft in einem Haus mit ebendiesen. So finden sich also reichlich lebensnahe Homonyme in Nicht verwechseln! Scheinbar auch ein paar skurrile, gar abstruse, doch man soll nichts verdammen. Wenn’s das nächste Mal um tote Winkel, gebrannte Mandeln oder Strafgerichte geht: Dieses fantastisch unterhaltsame, eigenwillige und nicht zuletzt gewandte Buch wird sich als nützlich erweisen.

Der Rezensent geht jedenfalls sicherer, auch ein wenig bestimmter, durch die Welt, seit er dieses Allround-Talent immer in der Tasche mit sich trägt; einen Weidenkorb hat er nicht, vermag aber nicht zu beurteilen, ob das für die Kollegen hier ebenso gilt. Und bevor er nun zu müde wird und die Augenlider zufallen, ist hier Ende und er summt im Kopf das Augenlied und bereitet sich auf etwas Kornmühle vor.

Nicht verwechseln! kostet 20,00 €, aber in echt, nicht in Rubel! // Illustrationen: Felix Bork

AS

PS: Wieder einmal wird durch Nicht verwechseln! deutlich, dass jedwede Eselsohren böse, böse, böse sind. 

Felix Bork: Nicht verwechseln!; Oktober 2021; Paperback; 128 Seiten; ca. 250 Zeichnungen; ISBN: 978-3-8479-0086-3; Eichborn Verlag; 20,00 €

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