Wespennest auf Schienen

Fünf Killer im Hochgeschwindigkeitszug, eine Geisel, ein Koffer mit Geld und dazu noch etwas Explosives. Das klingt nach einer vielversprechenden Mischung für einen Thriller und in Bezug auf das Buch Bullet Train des japanischen Autoren Kotaro Isaka beschreibt das in etwa die Ausgangslage. Das Buch erschien vor kurzem in der Übersetzung von Katja Busson bei Hoffmann und Campe.

Fünf Killer unterwegs

Konkret stehen die Leserinnen und Leser vor folgender Konstellation: Der Sohn des Unterweltbosses Minegishi wurde entführt, die beiden süß-sauren Killer Lemon und Tangerine wurden mit der Lösegeldübergabe und Befreiung des Sohnes beauftragt. Am Ende artete dies aber bereits vor der Handlung in einer Schießerei aus, aus der Lemon und Tangerine mit dem Filius und dem Koffer siegreich hervorgingen. Nun soll der Junior samt Geldkoffer im Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen zurück zu seinem zwielichtigen Vater durch halb Japan gebracht werden.

Im selben Zug sitzen der erfahrene Killer Kimura sowie der noch jugendliche „Prinz“. Kimura will den Prinzen töten, da dieser seinen Sohn wohl vorsätzlich hat ins Koma stürzen lassen. Und dann gibt es noch Nanao, den „Marienkäfer“, der den Auftrag hat, den bereits erwähnten Geldkoffer zu stehlen. Und wer weiß, vielleicht befinden sich darüber hinaus noch ein, zwei weitere Auftragsmörderinnen oder -mörder an Bord des ansonsten recht spärlich besetzten Zugs.

Im „Nebel des Krieges“

Selbstverständlich sehen wir uns mit dem konfrontiert, was der berühmte Kriegsstratege Carl von Clausewitz als „Nebel des Krieges“ bezeichnete – also all den Unwägbarkeiten, die sich im Lauf einer Auseinandersetzung ergeben. Denn natürlich geht nicht alles nach Plan. Als Minegishi junior aufhört zu atmen und auch der Geldkoffer verschwindet, scheint die bislang ruhige Reise, der „einfache Job“, wie es an einigen Stellen vor allem vom Marienkäfer heißt, doch an Fahrt aufzunehmen.

Die fünf Protagonisten – Frauen sind leider ausschließlich als Nebencharaktere zu finden – fangen an nach und nach miteinander zu interagieren. Mal begegnen sie sich erst nur zufällig auf dem Gang, später jedoch erkennen sie einander, erkennen ihre Gegnerschaft, bekämpfen und töten einander, aber auch Kooperationen und Waffenstillstände werden immer wieder zumindest diskutiert. Am Ende jedoch– so viel verrät bereits der Klappentext – wird nur einer den Zug lebendig verlassen.

Glückspilz und Pechvogel

All das ist über große Strecken (also sowohl Buchseiten als auch Shinkansen-Kilometern) sehr amüsant und spannend, Isaka baut seine Geschichte sehr gut auf. Jeder der Hauptcharaktere bekommt ein paar Eigenschaften zugeschrieben, die ihm im Verlauf der Handlung mal nützen, mal aber auch schaden sollen. Nanao beispielsweise ist ein kleiner Pechvogel, der gefühlt stets die falsche Entscheidung trifft. Auch wenn er anfangs ein wenig blass ist und seine Figur etwas nervt, mausert der Marienkäfer sich am Ende doch zu einem Sympathieträger.

Der Prinz hingegen ist clever und scheint das Glück gepachtet zu haben. Der diametrale Gegensatz zwischen diesen beiden wirkt ein wenig wie die des glücklosen aber sympathischen Donald Duck einerseits und des arroganten Glückspilzes Gustav Gans andererseits, auch wenn es eine solche unmittelbare Konfrontation in Bullet Train leider nicht geben soll.

„Warum darf man niemanden umbringen?“

Lemon und Tangerine wiederum erinnern ein wenig an Dick und Doof und Kimura fällt vor allem durch seinen Heißsporn, aber auch durch seine unbedingte Liebe zu seinem schwerverletzten Sohn und dem unbändigen Trieb nach Rache auf. Die Hintergrundgeschichte zu Kimura und dem „Unfall“ seines Sohnes nimmt relativ viel Raum ein, ist einerseits anregend, aber andererseits auch einer der am wenigsten packenden Handlungsstränge.

Auch hier ist der ruhende Gegenpol der Prinz, der, ob seiner jungen Jahre, ähnlich wie ein gewisser Alex Rider, gerne unterschätzt wird, es jedoch dennoch faustdick hinter den Ohren hat. Er hat das Zeug zu einem manipulativen Mastermind, einem richtigen Bond-Endgegner, der schön böse nach der Weltherrschaft strebt, dabei aber jedem hübsche Augen macht, unschuldig wie ein Kätzchen blickt und regelmäßig in Gesprächen seine Lieblingsfrage stellt: „Warum darf man niemanden umbringen?“

Ein Gesamtpaket auf Schienen

Auch darüber hinaus gibt es viele Kleinigkeiten, die Bullet Train sehr spannend machen. Ob es weitere Killer sind, die in die Handlung eingreifen, die durchaus fesselnden Mannkämpfe oder auch so manch weiteres Getier, das mit dem Shinkansen unterwegs ist, für reichlich Stolperfallen ist in diesem Wespennest von einem Zug gesorgt.

Manchmal allerdings wird es auch ein wenig zu viel des Guten oder es ergeben sich kleinere Logikfehler. Nicht jedes Getier beispielsweise muss wirklich in diesem Zug mitfahren, da hätte Isaka auch ein wenig abrüsten können. Und wie es am Ende mit manch menschlichen wie tierischen Charakteren ausgeht, das hätte doch noch etwas genauer beschrieben werden können (sorry, mehr kann hier wegen Spoiler-Vermeidung nicht gesagt werden). Nur so viel: Die Oldies bereichern die Geschichte, aber die sie betreffenden Passagen sind am Ende noch erstaunlich offen.

Alles in allem aber ist Bullet Train ein sehr kurzweiliges, unterhaltsames und spannendes Buch, das sich sehr gut für die Sommer- oder auch Herbstlektüre eignet. Ob eine Bahn die richtige Umgebung ist, um sich dieses Buch zur Hand zu nehmen, muss jede und jeder für sich entscheiden, aber in den für das 9-Euro-Ticket freigegebenen Zügen ist ohnehin nicht mit einer solchen Dichte an Auftragskillern zu rechnen – oder ihre Missionen gingen bisher einfach immer gut. Wir sind jedenfalls gespannt auf die Verfilmung von David Leitch (Atomic Blonde, Deadpool 2) mit Sandra Bullock und Brad Pitt, die am 4. August in den deutschen Kinos starten soll.

HMS

Kotaro Isaka: Bullet Train; Aus dem Japanischen von Katja Busson; 384 Seiten; gebunden mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-455-01322-1; Hoffmann und Campe; 22,00 €

Unser Schaffen für the little queer review macht neben viel Freude auch viel Arbeit. Und es kostet uns wortwörtlich Geld, denn weder Hosting noch ein Großteil der Bildnutzung oder dieses neuländische Internet sind für umme. Von unserer Arbeitstzeit ganz zu schweigen. Wenn ihr uns also neben Ideen und Feedback gern noch anderweitig unterstützen möchtet, dann könnt ihr das hier via Paypal, via hier via Ko-Fi oder durch ein Steady-Abo tun. Vielen Dank!

About the author

Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.