Goodbye Private Dancer

Beitrgsbild: Tina Turner eingerahmt im Kontext von Beyond Singing – Three Voices for Peace im Jahr 2009 // Foto: © S. Bruehn

Anna Mae Bullock ist am 24. Mai 2023 gestorben. Tina Turner wird leben.

Als Anna am 26. November 1939 in Brownsville, Tennessee, geboren wurde, da konnte sie noch nicht ahnen, dass sie mir 1996 begegnen würde. Aber das sollte sie. Und ihr Weg bis dahin war sicher eher steinig. 

Der erste Ehemann brachte zwar Ruhm und Erfolg, aber auch häusliche Gewalt. Es hieß Ike und Tina Turner was ganz klar Ike als den wichtigsten Bestandteil nach vorne stellte. Er ließ auch immer klar durchblicken, dass sie ohne ihn nichts wäre. Welch ein Irrtum. 

Sie hat es ihm und allen gezeigt. Sie hat sich nicht brechen lassen, sondern scheiden. Zu einer Zeit, als das noch als Scheitern und Versagen angesehen wurde und nicht als legitimer Weg, etwas zu beenden, das nicht funktioniert. Damit sollte sie ein prominentes Beispiel dafür werden, dass mensch Gewalt in der Beziehung nicht hinzunehmen braucht, kann, soll, muss! Wie viele Frauen mögen in der damaligen Zeit gedacht haben, was Tina kann, das kann ich vielleicht auch?

Als die Nachricht über ihren Tod kam, war es kurz ein Schock, denn damit geht ein weiteres Idol meiner Jugend (#jaichbinüberfünfzig). Mit dem Abklingen des Schocks ziehen aber immer mehr positive Bilder in meinem Kopf auf. 

Ihr Album „Private Dancer“ brachte den erneuten Durchbruch, das Comeback allein. Und sie kann auf diese Scheibe wirklich stolz sein. Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich auf den Song „Private Dancer“ geheult habe oder zu „What’s Love Got To Do With It“ abgerockt habe. Und so berühmt, wie sie wurde, hat mensch nie großartig schlechte Publicity über sie gelesen. Auch eine Kunst in der damaligen Zeit. 

Dann kam mein absolutes Highlight: „Golden Eye“. Dieser Song war an sich schon ein hammermäßiger James-Bond-Titel. Aber in meinen kühnsten Träumen hätte ich mir nie ausmalen können, welch große und absolut outstanding Inszenierung dieses Liedes ich auf ihrer Tour sehen sollte. (Vielleicht sollte ich noch kurz erwähnen, dass ich schon mehrfach für das Theater inszeniert und choreografiert hatte und dabei als Perfektionist verschrieen war.)

Und so begegnen wir uns in Dortmund in der Westfalenhalle. Sie auf der Bühne, ich in den Massen davor. Und doch kommt es mir vor, als wenn sie nur für mich da gewesen sei. Ein monströs großes Goldenes Auge bildet den Hintergrund der Bühne, direkt davor sitzt die Band. Als das Licht ausgeht, erklingt der Auftakt zu „Golden Eye“ und eine Wahnsinns-Lightshow wird abgefeuert. Als sich alle Hauptscheinwerfer auf der Iris des Auges treffen, öffnet sich die Pupille und darin steht. – Tina – in diesem Mörderkleid. Sie wartet. 

Und plötzlich sehe ich, wie sich die gesamte Bühne vorne hebt. Ok, es ist nur ein Teil, ca. drei bis vier Meter tief, aber wirklich über die KOMPLETTE Breite der Bühne. Dieser Teil fährt bis vors Auge und exakt auf den Schlag betritt Madame diese Bühne und fängt an zu singen. Mit „See reflections on the Water…“ setzt sich das Bühnenteil wieder in Bewegung und klickt genau mit „Goldeneye“ vorne ein. Und zack steht Tina direkt vor Ihren Fans, ohne noch einen einzigen Schritt machen zu müssen. MEEEEGA. 

Ich bekomme heute noch Gänsehaut. Unnötig zu sagen, dass dieser „Aufzug“ nur für diesen einen einzigen Effekt eingebaut war. 

Dieser Auftritt hat aber auch nur deshalb so gut funktioniert, weil sie eine ganz Große auf der Bühne war. Sie hatte diese Ausstrahlung und konnte ganze Hallen, ganze Stadien in ihren Bann ziehen. Natürlich hatte Tina Turner eine Geschichte nach diesem Abend und das Musical über Ihr Leben hatte sie mehr als verdient, so wie alles andere Gute und erst recht das Glück mit ihrem zweiten Ehemann. 

Nach diesem Abend trennten sich unsere Wege wieder, aber diesen einen Abend in den Neunzigern habe ich bis heute nicht vergessen. Werde ich auch nicht. Niemals. 

Und so lange, wie wir solche Momente mit ihr im Herzen und in Erinnerung behalten, wird Tina Turner leben. 

Anna Mae hat ihre Augen ein letztes Mal geschlossen und ist ihren letzten Weg gegangen

Anna, wie gut, dass es Dich gab und Du mit Deinem Werk das Leben von Millionen von Menschen besser gemacht hast!

Lebwohl

Und — 

Danke

Frank Hebenstreit

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