Bloß nicht schwul am Ball 2.0

Kürzlich wiesen wir in unserer Besprechung zum aktuellen Lindholm-Schmitz-Tatort daraufhin, dass Maria Furtwängler als Charlotte Lindholm seit mittlerweile zwanzig Jahren und dreißig Fällen in quasi ganz Niedersachsen ermittelt und der NDR sowie die ARD-Mediathek dies mit einigen ihrer besondersten Fälle begehen. Wohl bekomm’s! Auch davon unabhängig finden sich natürlich einige weitere Fälle der vormaligen LKA-Ermittlerin in der Mediathek. So auch ein in der Tat besonderer Fall und Film aus dem Jahre 2011 namens Tatort: Mord in der ersten Liga.

Lindholm da, Mensch tot

Besonders ist dieser Krimi aus gleich mehreren Gründen. Einige dürften für Nerds und Fans spannender sein, als für die gemeine Zuschauerschaft. Andere sind insbesondere für uns Queers interessant (und aus anderen Gründen für Teile der AfD, die nun schon in viel früheren Jahren „Unterleibsdenker“ ausmachen können). So spielt der von Nils Willbrandt (zuletzt diverse Schirach-Sachen abgefilmt) inszenierte Tatort tatsächlich in einer fiktionalisierten Mannschaft Hannover 96 sowie auch im AWD-Stadion und der Beginn wurde während des Spiels zwischen den Hannoveranern und dem Hamburger SV gefilmt, den Lindholm mit Sohn David besucht.

Charlotte (Maria Furtwängler) im Hooligan-Milieu // © NDR/Marc Meyerbröker

Für diesen besorgt sie sich ein Autogramm des aufstrebenden Starspielers Kevin Faber (Stephan Waak), den der Lütte wie auch Mutti ein Stück weit bewundern. Nun wissen wir mittlerweile: Überall wo die Charlotte auftaucht, gibt es kurz danach Tote oder zumindest Verletzte (hin und wieder ist sie das auch selbst). Also wird Lindholm des nächtens zum Ufer des Maschsees gerufen, wo der brutalst erschlagene Faber liegt. Gemeinsam mit dem Hannover-96-Fan und launigen Kommissar Paul Näter (klasse gespielt vom in diesem August verstorbenen Fritz Roth, der zuletzt oft als Polizeibeamter Wolfgang Neumann im Świecko-Polizeiruf-110 zu sehen gewesen ist) nimmt sie die Ermittlungen auf.

Verdächtige über Verdächtige

Schnell stoßen sie dabei auf die Hooligan-Szene um den Fußballclub. Hatte der Ermordete sich doch kurz zuvor in einem Interview für ein lebenslanges Stadionverbot von Hooligans ausgesprochen, seitdem erhielt er Morddrohungen. Doch gab es auch Gerüchte, dass er sich mit seinem besten Freund und Mannschaftskollegen Ben Nenbrook (Luk Pfaff) zerstritten habe. Ebenso wurde kolportiert, dass er sich von seinem langjährigen Manager und Ziehvater Leo Biller (Alexander Held) lossagen wolle. Alle geben sich naturgemäß erschüttert über den Tod des Talents. Und was hat der homosexuelle Jochen Krämer (Alexander Simon), der sich am Abend der Tat am See besoffen hat und ein wenig lädiert angetroffen wurde, mit der Tat zu tun?

Ben Nenbrook (Luk Pfaff) mit Freundin vor dem Stadion // © NDR/Marc Meyerbröker

Lindholm wäre nicht Lindholm, würde sie die Ermittlungen nicht auf die ihr ureigene Art angehen und gleich zu Beginn erst einmal den Kollegen und ein paar Zeugen vor den Kopf stoßen. Etwas übrigens, das wir bisweilen irritierend finden. In den Festansprachen im Presseheft zum Jubiläumstatort vom Oktober 2022 wird immer von ihrer Zielstrebigkeit, dem unermüdlichen Einsatz und der Empathie gesprochen. Aber nun ja… Patzigkeit ist nicht Zielstrebigkeit, Wegschubsen ist nicht Unermüdlichkeit und Unterdrucksetzen nicht Empathie. Was soll’s… im Tatort-Universum gibt es schlimmere Ermittler*innen, die dabei noch inkonsistent sind. Und das kann Furtwänglers Lindholm nun wahrlich nicht unterstellt werden.

Hassverbrechen oder Eifersuchtstat?

Jedenfalls stößt mensch recht schnell auf besagte Hooliganszene, findet sich hier doch ein Chatroom, in dem es heiß herging nach dem Interview; insbesondere ein gewisser „Robben“ (Benjamin Sadler) weckt durch seine Äußerungen das Interesse der Ermittlerin (und später auch durch sein Aussehen). Wie sich herausstellen soll, hat dieser ganz eigene Gründe in der Hooliganszene unterwegs zu sein. Doch nicht nur in dieser gab es immer wieder Gerede um die vermeintliche Homosexualität Fabers. War es also ein Hassverbrechen oder eine Eifersuchtstat?

Ben (Luk Pfaff) und seine Mannschaft laufen ins Stadion ein // © NDR/Marc Meyerbröker

Ist die vermeintliche Freundschaft zwischen ihm und Ben eigentlich eine Betziehung gewesen, die nicht mehr funktionierte? Besagter Krämer der Neue oder doch Zurückgelassene? Huiuiui, meint hier Kollege Näter: Homosexuelle im Profifußball… schwierig. Das seien doch wahre Männer und in den Duschen und so, wie sähe das denn aus… Also sagen die anderen, fügt er noch an. Natürlich argumentiert Lindholm hier, wie das statistisch sei und die Gesellschaft doch eigentlich weitern sein sollte, et cetera.

Homosexualität und Angst stark thematisiert

In der Tat begegnen wir im Umfeld der Ermittlungen einem homosexuellen Profispieler, der jedoch nicht der Ermordete gewesen ist (nein, dieser musste aus anderen Gründen sterben). Wie in einer eher kritischen Besprechung der politischen Illustrierten Der Spiegel zu lesen war, soll der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger gar den Anstoß zur Thematisierung von Homosexualität und Homophobie im Profifußball gegeben haben. Ob dem nun so war oder nicht, eines ist Fakt: Dies ist der erste Tatort, der sich mit diesem Thema befasste.

Dass er dank eines ausgeglichenen und die Bälle wohl balancierenden Drehbuchs von Harald Göckeritz nie den Überblick über Hooligans, Manager und Homosexualität verliert, ist dabei umso bemerkenswerter. Durchaus gekonnt werden hier die Unsicherheiten und Ängste in Bezug auf Karriere, Leben und Umfeld durch ein mögliches Coming-Out oder gar Fremd- bzw. Zwangs-Outing thematisiert und so sensibel wie in diesem Format möglich an die Zuschauer*innen herangetragen.

Nach zehn Jahren noch immer zeitgemäß

Beinahe kann Mord in der ersten Liga also ergänzend zum beinahe legendären Film Mario mit Max Hubacher und Aaron Altaras und dem hierzulande weniger bekannten aber nicht minder sehenswerten The Pass mit Russell Tovey gesehen werden. Oder viel eher einleitend, entstand er doch sieben respektive fünf Jahre vor diesen. Das darf durchaus anerkannt werden. Zumal es hier nicht nur als plakatives Alibi-Thema angegangen und dann fallengelassen wird, sondern durch die 90 Minuten geht und zum Ende einen angenehmen und in der Realität – insbesondere für den Fußball – wünschenswerten Abpfiff bekommt.

Ben (Luk Pfaff)während einer Pressekonferenz // © NDR/Marc Meyerbröker

Gerade in diesem Jahr, in dem eine Fußballweltmeisterschaft in Katar, einem Land wie eine Black Box, das nahezu jedwedes Menschenrecht mit Füßen kickt und Homosexualität aufs Härteste verurteilt und bestraft, ist es wichtig, einen dezidierten Blick auf Menschenrechte und somit auch jenen von queeren Menschen im (Profi-)Sport zu haben. Dass wir noch immer auf einen Out-&-Proud-Profifußballer warten und auch Thomas Hitzlsperger sich 2014 erst aus dem Spieler-Ruhestand meldete, lässt diesen über zehn Jahre alten Tatort dazu noch immer mehr als relevant wirken.

AS

PS: Apropos „ Überall wo die Charlotte auftaucht, gibt es kurz danach Tote oder zumindest Verletzte“ – da gibt es auch diesen Running Gag, dass wohl niemand Jessica Fletcher auf eine Party einladen sollte, da dann immer jemand stürbe.

Ben Nenbrook (Luk Pfaff) und Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) im Stadion // © NDR/Marc Meyerbröker

Tatort: Mord in der ersten Liga ist noch bis zum 12. Juli 2023 in der ARD-Mediathek verfügbar.

Tatort: Mord in der ersten Liga; Deutschland 2011; Buch: Harald Göckeritz; Regie: Nils Willbrandt; Kamera: Jens Harant; Musik: Jürgen Ecke; Darstell*inner: Maria Furtwängler, Fritz Roth, Benjamin Sadler, Luk Pfaff, Alexander Held, Jens Schäfer, Thomas Loibl, Alexander Simon, Anna Hermann, Guntram Brattia, Stephan Waak, Torsten Michaels, Arnd Zeigler; Laufzeit: ca. 88 Minuten; Eine Produktion vom Cinecentrum im Auftrag des NDR

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