„Hast du mal an mich gedacht!?“

Zu Beginn sollte hier die Behauptung aufgestellt werden, dass es Psychothriller mit dramatischem Einschlag wie Sand am Meer gibt. Doch ähnlich wie der Sandbestand konstant abnimmt, sind uns hier dann doch nicht so viele Titel eingefallen. Ein besonderer Titel darf auf dieser Liste allerdings auf keinen Fall fehlen: Sag nicht, wer du bist! von Regisseur Xavier Dolan, der im Rahmen der ersten Edition von BR QUEER an diesem Donnerstag zum 23:15 Uhr im Bayerischen Rundfunk zu sehen ist und einem Städter aufs Land folgt, wo er sich in die gefährlichen Hände und den nicht minder gefährlichen Kopf des Bruders seines verstorbenen Partners begibt.

„Ich hab nichts zu schaffen mit den Leuten“

Tom (Xavier Dolan), ein junger Werbetexter aus Montréal, fährt aufs Land, um dort der Beerdigung seines mit nur 25 Jahren verstorbenen Partners Guillaume beizuwohnen. Auf der Farm der Familie angekommen merkt er, dass Mutter Agathe (überwältigend: Lise Roy) nicht nur nichts von Tom wusste, sondern auch nicht, dass dieser eine schwule Beziehung führte. Stattdessen ging sie davon aus, dass ihr Sohn mit einer Sara (Évelyne Brochu) zusammen gewesen sei. Eine Story, die der Erstgeborene Francis (packend: Pierre-Yves Cardinal), der nach dem Tod des Vaters die Farm führt, seiner Mutter auftischte.

Nach der Beisetzung bleibt Tom bei der Familie, stützt in der vermeintlich homofeindlich geprägten Umgebung die Story des heterosexuellen Sohnes, lässt sich in die Arbeit einbinden und gerät dabei zusehends in ein Abhängigkeitsverhältnis zu Francis, das von Nähe und Zurückweisung ebenso geprägt ist wie von psychischer und physischer Gewalt. Doch immer weiter identifiziert Tom sich mit dem Leben auf dem Land und dem erratischen und gewalttätigen Francis, der ihn nicht zuletzt auch an Guillaume erinnert.

„Kennen Sie ihre Verwandten gut?“

Grundsätzlich ist eine Geschichte, um eine Person, die unversehens in eine möglicherweise bedrohliche und für sie wie für uns Zuschauende undurchsichtige Situation gerät, natürlich Standard für Spannungsgeschichten. Wie bei so vielen Dingen ist die Frage, was am Ende daraus gemacht wird. Xavier Dolans Film Sag nicht, wer du bist!, der im Original Tom à la Ferme, also „Tom auf der Farm“, heißt, basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück Michel Marc Bouchard, mit dem Dolan auch das Drehbuch adaptierte.

Mutter Agathe (Lise Roy) // © Clara Palardy

Dolan, der zuvor vor allem Filme zum Aufwachsen, Entwachsen und Verliebtsein gedreht hatte, sei, nachdem er eine Aufführung des Stücks gesehen hatte, fasziniert gewesen von der Gewalt und der Brutalität in diesem; ebenso habe ihn die Rolle der Mutter angesprochen (was kaum verwundert, denn das Verhältnis zu Müttern spielt bei ihm IMMER eine wesentliche Rolle und mit Mommy gab es 2014 gar einen ganzen Film dazu). 

„Ich lerne sie gerade kennen“

Im Film schafft Dolan es, auch mithilfe der Bilder seines Stammkameramannes André Turpin, von Beginn an eine Stimmung zu erzeugen, die die möglicherweise unter allem flimmernde Brutalität ebenso wie die Resignation der meisten Beteiligten zu vermitteln vermögen. So wissen wir nie so recht, ob wir uns in einem Thriller, einem Drama oder einer Bestandsaufnahme bewegen; sicher aber in einem psychologischen Kammerspiel.

Auch die nicht nur unterschwellige, manches Mal gar feinsinnige Feindseligkeit, die Francis von Beginn an gegenüber Tom an den Tag legt – „Parfüms sind was für Hochzeiten, nicht Beerdigungen.“ – ist zwar konstant zu spüren, verändert sich aber in Ton und Stil an verschiedenen Stellen. So begleitet uns auch die Frage: Ist das „schlicht“ Homofeindlichkeit? Ist es die Abneigung gegen den Eindringling, gegen das Fremde? Ist es die Sorge, wieder einmal zurückgelassen zu werden? Ist es die Erinnerung an den toten Bruder, der schon lange zuvor mit der Familie brach?

„Alles okay?“ – „Ja.“

Es mag sich alles vermengen in diesem dichten und düsteren Stück, das eine toxische Verbindung über die üblichen Versatzstücke hinaus analysiert und erzählt, tief in die Psychologie der Figuren einsteigt, jedoch ohne dabei zu psychologisieren oder uns helfende Erklärungen an die Hand zu geben. Dabei trifft die ausgefeilte und glaubwürdig überraschende Story auf eine stimmungsvoll klaustrophobische Form. 

Tom (Xavier Dolan) ist nach dem Begräbnis seines verunglückten Freundes irgendwie hängen geblieben // © BR/SilkWayFilms/Xavier Dolan

Dass Dolan sich im Laufe des Schnittprozesses dafür entschied, nicht seinem ursprünglichen Plan zu folgen, Sag nicht, wer du bist! ohne musikalische Untermalung wirken zu lassen und sich entschied, den oscarprämierten Komponisten Gabriel Yared anzufragen, zahlt sich aus. Die still-melancholischen, nicht selten bedrohlich wabernden und in passenden Momenten explodierenden Klänge verleihen dem Psychothriller das letzte Stück wirksamer Intensität.

„Ich fick dich noch“

Sag nicht, wer du bist! ist ein sehr assoziativer Film, der Täter-Opfer-Umkehr, Abhängigkeit und Toxizität eingehend, ruhig, gediegen brutal und ästhetisch dreckig behandelt, recht lange bevor es – auch dank gestiegener Aufmerksamkeit – in war, auf alles das Schild „toxische Männlichkeit“ zu pappen, um auch die hohlste Vorabendserie als relevant zu markieren.

Dass der Film mit einer Pointe zu schließen vermag, die gut und gern als „du schaufelst dir das eigene Grab, nun lieg auch drin“ verstanden werden kann, gibt dem Ganzen dazu eine Hintersinnigkeit, die auch wohl auch dem naturalistischen Expressionisten Ingmar Bergman, der am 14. Juli 2022 104 Jahre alt geworden wäre, zugesagt hätte.

AS

PS: Neben Bergman hat der Film auch kräftige Vibes eines frühen Alfred Hitchcock; dass Xavier Dolan jedenfalls zur damaligen Zeit angab, die Filme Hitchcocks nicht zu kennen, mag bei einem Film-Geek wie ihm dann doch Zweifel am Wahrheitsgehalt aufkommen lassen.

Das französischsprachige Plakat zu Tom à la ferme

Sag nicht, wer du bist! ist im Rahmen der Reihe BR QUEER am 14. Juli 2022 um 23:15 Uhr im Bayerischen Rundfunk zu sehen, anschließend ist er bis zum 5. August 2022 in der ARD– und BR-Mediathek verfügbar. Im Anschluss um 0:55 Uhr zeigt BR den Film Viva.

Sag nicht, wer du bist! (OT: Tom à la ferme); Kanada, Frankreich, 2013; Regie: Xavier Dolan; Drehbuch: Xavier Dolan, Michel Marc Bouchard; Kamera: André Turpin; Musik: Gabriel Yared; Darsteller*innen: Xavier Dolan, Pierre-Yves Cardinal, Lise Roy, Évelyne Brochu, Manuel Tadros, Anne Caron; Laufzeit: ca. 95 Minuten; FSK: 16

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Comments

  1. „Tom à la ferme“ ist (in meinen Augen) Dolans Meisterstück. „Laurence Anyways“ war schon großartig, aber strukturell und inszenatorisch ist „Tom à la ferme“ noch ausgereifter, nahezu perfekt. Großes Kino!

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