rbb QUEER wird fünf und bekommt ein Geschwisterchen

Beitragsbild: Szene aus Sorry Angel – Arthur (Vincent Lacoste, Mitte) zusammen mit Jacques (Pierre Deladonchamps, li.) im Bett von Mathieu (Denis Podalydès) // © rbb/Salzgeber

Hoppala: Dieses Jahr sind wir zugegeben ein wenig spät dran. Haben wir euch in den vergangenen zwei Jahren Jahren doch immer im Vorfeld auf die nicht-heteronormative Sommersendereihe rbb QUEER hingewiesen, gibt’s dieses Schmankerl in diesem Jahr erst kurz nach Beginn. Den Beginn von insgesamt sieben Film in diesem Jahr machte im rbb nämlich bereits am vergangenen Samstag das gefeierte und ausgezeichnete autobiografische Regiedebüt von Faraz Shariat, Futur Drei, das noch bis zum 16. Juli in der ARD-Mediathek verfügbar und in den Hauptrollen mit Benjamin Radjaipour, Banafshe Hourmazdi und Eidin Jalali besetzt ist.

Queere Familien allerorten

Nun möge sich die Frage stellen, ob nach dem fulminanten Coming-of-Age-Auftakt (zugegeben: bei uns in der Redaktion löste der Film durchaus gemischte Reaktionen aus) noch Steigerung erwartet werden könne oder eher Abflachung befürchtet werden müsse. Blicket auf! Denn nicht nur wartet der rbb zum fünften Geburtstag der gemeinsam mit Salzgeber kreierten Sendereihe mit weiteren enorm starken Highlights auf, zusätzlich gibt es gar noch Zuwachs: Auch der Bayerische Rundfunk setzt in diesem Sommer mit BR QUEER auf queere Filme und zeigt dieser vom 7. bis zum 28. Juli insgesamt sechs.

FUTUR DREI: Am Samstag (02.7.22) um 23:30 Uhr und bis zum 16. Juli in der Mediathek – Parvis (Benjamin Radjaipour, li.) wächst im komfortablen Wohlstand seiner iranischen Einwanderereltern auf. Dem Leben in Hildesheim versucht er durch Popkultur, Grindr-Dates und Raves zu entfliehen. Nach einem Ladendiebstahl leistet er Sozialstunden in einer Unterkunft für Geflüchtete. Dort trifft er auf das iranische Geschwisterpaar Banafshe (Banafshe Hourmazdi) und Amon (Eidin Jalali, re.). Zwischen ihnen entwickelt sich eine fragile Dreierbeziehung // © rbb/Salzgeber

Hierzu sagt der rbb-Programmdirektor Dr. Jan Schulte-Kellinghaus mit Alliterationslust:

„Ich freue mich, dass unsere Filmreihe rbb QUEER jetzt Verstärkung aus dem Süden bekommt. Je mehr Sender sich beteiligen, desto besser. Denn umso selbstverständlicher wird queer sein – in Berlin, genauso wie in Brandenburg an der Havel oder in Bad Tölz.“

Manche davon laufen ebenfalls in der rbb-Reihe (insgesamt sind elf Filme zu sehen), andere wie beispielsweise der bewegend schöne Film Viva des irischen Regisseurs Paddy Breathnach um ein zerrüttetes Vater-Sohn-Verhältnis, der gleichzeitig auf das prekäre Leben queerer Menschen in Havanna verweist, laufen exklusiv nur im BR. Am gleichen Abend, dem 14. Juli, zeigt der BR noch den etwas unterm Radar gelaufenen Sag nicht, wer du bist! in dem von Regieliebling Xavier Dolan, der hier erneut die Hauptrolle übernimmt, geschaffenen Thrillerdrama geht es um ein düsteres Psychospiel im Rahmen einer Beerdigung. Übrigens wird Dolans Film Matthias & Maxime heute Abend um 23:40 Uhr im WDR gezeigt.

Sag nicht, wer du bist! Am Donnerstag (14.7.22) um 23:15 Uhr im BR – Francis (Pierre-Yves Cardinal, rechts), der Bruder seines verstorbenen Freundes, übt eine seltsame Faszination auf Tom (Xavier Dolan) aus // © BR/SilkWayFilms/Xavier Dolan

Frauenliebende Frauen zum BR-Auftakt

Am selben Abend, also den 7. Juli 2022, startet jedoch auch die BR QUEER-Reihe mit einem frauenstarken Double-Feature: Der niederländische Film Zomer – Nichts wie raus! erzählt um 23:30 Uhr in deutscher Erstausstrahlung von der 16-jährigen Anne, die das Leben in ihrem südholländischen Kaff, wo die Menschen entweder an die heilige Maria oder an die alles bestimmende Kraft des nahen Kraftwerks (am 13. Juli läuft übrigens die Dokumentation Atomkraft forever im Ersten, unsere Besprechung dazu lest ihr am Wochenende) glauben, satt hat. Bis Lena, die schönste Frau der Welt, auf einem Motorrad ins Dorf kommt und bleibt. Der Film von Regisseurin Colette Bothof ist ebenfalls am 16. Juli im rbb zu sehen und steht nach beiden Ausstrahlungen für jeweils 14 Tage in der ARD-Mediathek zur Verfügung.

Weiter geht es um 00:55 Uhr nachts mit dem schwedischen Film Küss mich, der als junger Klassiker lesbischen Liebesfilms gelten darf und von dem auch wir sehr angetan waren. Alexandra-Therese Keinings erwachsene Romanze erzählt in den warmen Farben des schwedischen Sommers freizügig und mutig von einer Frau, die sich aus einer heterosexuellen Beziehung heraus in eine andere Frau verliebt. Auch der wunderbar besetzte Küss mich wird anschließend für 14 Tage in der Mediathek verfügbar sein.

Kein queeres Leben ohne Geschichte 

Derweil setzt der rbb die Reihe am Samstag mit einem unserer persönlichen Film-Highlights der letzten Jahre fort (nicht nur im Bereich des queeren Films im Übrigen): Der bildkräftige, emotionale und aufreibende Film Moffie des südafrikanischen Regisseurs Oliver Hermanus ist am 9. Juli um 23:30 Uhr zu sehen. Eindrücklich zeigt das 1981 spielende Drama auf, wie das Apartheid-Regime neben all seinen rassistischen Gräueltaten auch unzählige weiße junge Männer körperlich und physisch zugrunde gerichtet hat – durch das staatliche Verlangen, Homosexuelle und alle anderen „Abweichler“ aus der Gesellschaft zu beseitigen.

Moffie- Am Samstag (09.07.22) um 23:30 Uhr im rbb – Nicholas (Kai Luke Brummer) ist mit seiner Kompanie an die Grenze zu Angola verlegt worden // © rbb/Salzgeber

Am 6. August geht es um 23:30 Uhr um ein weiteres düsteres Kapitel queerer Geschichte: Die erste Hochphase der Aids-Krise zu Beginn der 1990er-Jahre. In Sorry Angel von Christoph Honoré folgen wir dem Schriftsteller Jacques (Pierre Deladonchamps) und dem Nachwuchsfilmemacher Arthur (Vincent Lacoste), wie sie sich der HIV-Infektion Jacques, der Erziehung seines Sohnes und der gemeinsamen Liebe stellen. Unsere Besprechung folgt, nur so viel: Auf keinen Fall verpassen (oder eben in der Mediathek nachholen).

Minjan: Am Samstag (13.8.22) um 23:30 Uhr im rbb – David (Samuel H. Levine) bedient sich aus dem Vodka-Vorrat seines Vaters, um für sich selbst eine kleine Falsche abzufüllen // © rbb/Salzgeber

Mit Minjan beschließt der rbb die fünfte Edition von rbb QUEER am 13. August 2022 ebenfalls um 23:30 Uhr. Im Regiedebüt von Eric Steel, der gemeinsam mit Daniel Pearle auch das Drehbuch schrieb, begeben wir uns die jüdische Community des New Yorker East Village der 1980er-Jahre, wo der russischstämmige Einwanderer David (Samuel H. Levine) aufwächst und nach und nach sein (homo)sexuelles Erwachen und einen Glaubenskonflikt erlebt.

Weibliche Sensibilität und menschliche Empathie

Genau wie Minjan wird auch Princess Cyd in deutscher Erstausstrahlung im rbb zu sehen sein. Der amerikanische Coming-of-Age-Film über weibliche Sensibilität, Sexualität und die Suche nach einer Identität, die sich richtig anfühlt von Stephen Cone sei euch insofern besonders ans Herz gelegt, als dass er nur im linearen Programm – am 23. Juli um 23:30 Uhr – zu sehen sein wird. Alternativ natürlich als Video-on-Demand bspw. über den Salzgeber Club

Princess Cyd: Am Samstag (23.7.22) um 23:30 Uhr im rbb – Miranda (Jessie Pinnick, li.) hat sich in die lebenslustige und spontane Katie (Malic White) verliebt // © rbb/Salzgeber

Bereits mehrfach ausgestrahlt worden ist Monja Arts queerer Provinz-Teenager-Film Siebzehn, der, mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet, emphatisch eine Achterbahnfahrt der Gefühle und eine Ansammlung von amourösen Minidramen erzählt. Der BR zeigt ihn am 28. Juli um 23:15 Uhr zum Abschluss von BR QUEER (ebenfalls anschließend 14 Tage in der ARD– und BR-Mediathek).

Ein Film zur Weiterbildung

So, war’s das? Eins, zwei, drei, … acht, neun, zehn… nee, einer fehlt. Beinahe könnten wir sagen, das Beste kommt zum Schluss. Und in der Tat ist der dänische Eine total normale Familie von Malou Reymann ein ganz besonderer und gerade im Moment ein ganz besonders wichtiger Film. Dachte die 11-jährige Emma doch immer, dass ihre Familie durchschnittlich wie alle anderen ist. Bis ihr Papa Thomas sich eines Tages als trans* outet (streng genommen von seiner Frau vor den Kindern geoutet wird) und erklärt, dass er von nun an als Frau leben möchte. Während aus Thomas nach und nach die selbstbestimmt lebende Agnete wird, verändert sich auch die Beziehung zwischen Vater und Tochter. 

Eine total normale Familie: Am Donnerstag (21.7.22) um 23:15 Uhr im BR und Samstag (30.7.22) um 23:30 Uhr im rbb – Agnete (Mikkel Boe Følsgaard, m.) verbringt mit ihren Töchtern Caroline (Rigmor Ranthe, li.) und Emma (Kaya Toft Loholt, re.) einen gemeinsamen Urlaub auf Mallorca // © rbb/Salzgeber

„Bewegend, berührend, bereichernd – das ist unsere queere Filmreihe im Juli 2022. Wir freuen uns mit dem rbb über besondere, diverse, europäische Filme: Zwei deutsche Erstausstrahlungen sowie hochkarätige internationale Kinofilme in BR QUEER entsprechen dem hohen Niveau, für das der BR im Bereich des Kinofilms traditionell steht.“

BR-Programmdirektor Kultur Björn Wilhelm

Der Film, dessen Besprechung folgt und der das Porträt einer Familie, die sich von heteronormativen Vorstellungen lösen muss, um eine gemeinsame Zukunft zu haben, zeigt, sei zur deutschen Erstausstrahlung im BR am 21. Juli um 23:15 Uhr (rbb am 30. Juli um 23:30 Uhr), vor allem der bayerischen Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales Ulrike Scharf (CSU) an Herz und Kopf gelegt. Nach ihren unsäglichen, menschenunwürdigen, nach AfD klingenden und schlichtweg unwahren Einlassungen zum geplanten Selbstbestimmungsgesetz und der nicht trans*-feindlich gesinnten Politik der Ampelkoalition, dürfte sie das wohl gar als Kompetenz- und Empathie-Fördermaßnahme abrechnen können.

Queeres Kino – jetzt und für immer!

Zu guter Letzt sei neben all diesen sehenswerten Filmen noch ein ebenso sehens- wie lesenswertes Buch empfohlen. Bereits Ende März erschien im Salzgeber Verlag der von Björn Koll, Jan Künemund und Christian Weber herausgegebene, funkelnde Prachtband Queer Cinema Now, der, so der treffende Untertitel des Buches, „[d]ie wichtigsten nicht-heteronormativen Filme aus 12 Jahren sissy“ versammelt.

Neben zahlreichen und inhaltlich sehr diversen, gern auch mal kontroversen, hin und wieder verkitschten, Besprechungen finden sich auch um die 200 Abbildungen in dem gut 350 Seiten starken und fast 2,5 Kilogramm schweren Band, den wir selbstredend noch eingehend besprechen werden und den ihr unter anderem für 50,00 € im Salzgeber Shop bestellen könnt.

Auch im Sinne unserer letzten Zwischenüberschrift wollen wir feierlich mit den folgenden Worten des Salzgeber Geschäftsführers Björn Koll schließen:

„Hat eigentlich schon mal jemand darauf hingewiesen, dass rbb QUEER eine weltweit einzigartige Programmreihe ist und hier Fernseh- und Kulturgeschichte geschrieben wird? In diesem Sinne uns allen einen herzlichen Glückwunsch zum 5. Geburtstag – und ein ebenso herzliches Willkommen an BR QUEER!“

Eure queer reviewer

Zomer – Nichts wie raus! Am Donnerstag (7.7.2022) um 23:30 Uhr im BR und Samstag (16.7.22) um 23:30 Uhr im rbb – Anne (Sigrid ten Napel, li.) und Lena (Jade Olieberg) unterstützen eine Kundgebung gegen das Stromkraftwerk // © rbb/Salzgeber

PS: So schön es auch sein mag, dass die Reihe seit fünf Jahren im rbb zu sehen ist und nun auch beim BR landet (was ohne den Erfolg der Reihe für die Sender und deren Ruf auch nicht geschehen würde…), soll dennoch auf ein eklatantes Versäumnis beziehungsweise in Bezug auf den Bayerischen Rundfunk gar ein bewusstes, harsch zu kritisierendes Verschleppen seitens des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann (CSU) hingewiesen werden: In den Rundfunkräten der jeweiligen Sender finden sich keine Repräsentant*innen der queeren/LSBTIQ*-Community. Ohnehin sollte deutlicher über die kaum die Gesellschaft repräsentierende Zusammensetzung gesprochen werden; beispielsweise mit Blick auf eine überproportional starke Vertretung der christlichen Kirchen (die ja nicht nur direkt vertreten sind, christliche Ideen werden auch durch Landespolitiker*innen in die Räte getragen). 

[In den Beitrag sind Elemente der Pressemitteilung bzw. von Salzgeber zu den Sendereihen und Filmen eingeflossen. Ebenso handelt es bei externen Links NICHT um Affiliate-Links.]

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