Museen, Raubkunst und keine Rückgabe…?

Beitragsbild: Europäische Museen besitzen Abertausende von Objekten, die während der Kolonialzeit Afrika verließen // Foto: © Cinétévé

In den vergangenen Jahren ist insbesondere bei uns in Deutschland zuweilen der Eindruck entstanden, dass die Restitutions-Debatte eine recht frische sei. Das Humboldt-Forum samt geplanten Ausstellungskonzepten, die Vergangenheit des teilwiederaufgebauten Berliner Stadtschlosses oder auch der Bericht über die Restitution afrikanischer Kulturgüter der französischen Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und des senegalesischen Sozialwissenschaftlers und Autors Felwine Sarr aus dem Jahr 2018 jedenfalls ließen wohl niemanden auch nur mittelbar daran vorbeikommen.

Ein weiter Blick…

Dabei ist das Thema der Rückgabe von während der Kolonialzeit geraubten Kulturgütern alles andere als neu, ganz im Gegenteil ist es seit bald 50 Jahren nicht nur Thema auf dem afrikanischen Kontinent, sondern spielt auch über die Kulturpolitik der europäischen, amerikanischen und afrikanischen Länder hinaus seit Beginn der Dekolonisierung, also Rückgewinnung der nationalen Unabhängigkeit der Staaten Subsahara-Afrikas, eine wichtige Rolle. 

Unter dem Titel Restituieren? Afrika fordert seine Kunstschätze zurück zeigt arte heute Abend um 21:50 Uhr im Rahmen eines Themenabends Museen und Kolonialismus eine größtenteils interessante, vielstimmige und weitreichende Dokumentation zu genau diesem Thema. Auch hier kommen Savoy, deren Buch Afrikas Kampf um seine Kunst bei C.H. Beck mittlerweile in der dritten Auflage vorliegt, und Sarr zu Wort; neben ihnen aber noch viele weitere Vertreter:innen aus Kultureinrichtungen, Historiker:innen und Künstler:innen – dankenswerterweise vor allem aus dem afrikanischen Raum.

…zurück und nach vorn

Dabei bietet der Film ein alles in allem ausgeglichenes Bild, verdeutlicht auch, wie lange die Debatte aus Angst vor einem Einbrechen des Kunstmarktes oder der Sorge vor weitergehenden Forderungen klein und vor allem in Europa aus der Öffentlichkeit gehalten wurde. Darüber hinaus schlägt sie in den gut 80 Minuten Laufzeit einen großen Bogen zur Kolonialgeschichte, mitnichten so ausführlich wie es Raoul Peck in der vierteiligen Dokumentation Rottet die Bestien aus! tut, aber doch ausführlich genug, um die Hintergründe auch des heutigen argumentativen Herangehens manch kategorischer Gegner:innen der Rückgabe zu verstehen.

Eine erste Rückgabe – und nun? // © Cinétévé

Ein kleines Manko mag dabei sein, dass der Blick sehr französisch ist – sicherlich ging 2017 ein Impuls von Emanuel „Jupiter“ Macron aus, der weitgehende Rückgabe versprach und eben jenes oben genannte Gutachten in Auftrag gab – doch gibt es daneben nur wenige Einblicke in die britischen und deutschen Gedankengänge. Dann sind es auch häufig solche, die aus alten Berichten und Dokumentationen (großes Manko dabei: es werden keine Angaben dazu gemacht, von wann diese jeweiligen Statements sind) stammen. Die damalige Kulturstaatsministerin Monika Grütters kommt zu Wort (der Film ist aus dem Jahr 2021) und nun, redet eben von Dialog und Co., wir wissen ja, wie das lief und läuft. 

Entmenschlichung gelernt

Allerdings erläutert beispielsweise Bénédicte Savoy ganz fabelhaft, wie die Franzosen ihre „Kolonisierungskompetenz“ (unser Wort, nicht ihres), schon früh lernen konnten: Napoleon tat dies zuerst immerhin in Europa, bevor dann einige Dekaden später unter anderer Führung in Teile Afrikas ausgerückt wurde. Welche Rolle dabei der Drang nach Größe, Wichtigkeit aber auch die Ethnologie spielten, wird ebenfalls in Teilen beleuchtet. Auch mit welchen bürokratischen Mitteln hier Grausamkeiten im wahrsten Sinne des Wortes rationalisiert worden sind, arbeitet der Film fein heraus und ist, ohne es zu sagen, mit diesem Gedanken bei Hannah Arendt, die auch der Ansicht war, dass in der Kolonialzeit erlernt wurde, durch bürokratische Abläufe zu entmenschlichen und ohne Kolonialismus die Vernichtung der europäischen Juden nicht möglich gewesen wäre.

Europäische Museen besitzen Abertausende von Objekten, die während der Kolonialzeit Afrika verließen // © Cinétévé

Wir wollen an dieser Stelle nicht zu viel zu dem Dokumentarfilm von Nora Philippe sowie das Thema im Allgemeinen kommentieren, da wir dies in einem ausführlicheren Essay machen möchten, in den beispielsweise auch die anderen zwei Dokumentationen des Abends „Die Wilden“ in den Menschenzoos und Von Dakar nach Dschibuti (eine Expedition aus dem Jahr 1931, die auch in diesem Film erwähnt wird) oder das ebenfalls bei Beck in der Edition Mercator erschienene Buch Was soll zurück? Die Restitution von Kulturgütern im Zeitalter der Nostalgie einfließen sollen.

China als bester Freund der Gerechtigkeit?

Zwei kritische Anmerkungen müssen zum Ende allerdings noch sein: Einmal versäumt Restituieren? es, eine finanzielle und sicher auch ideelle Hilfestellung Chinas beispielsweise beim Musée des civilisations noires in Dakar auch nur im Ansatz skeptisch zu kommentieren. Zum zweiten wird am pathetischen Ende einer sonst eher geerdeten Dokumentation von „konsequenter Gerechtigkeit“ gesprochen, dabei nun völlig außen vorlassend, dass ein wesentliches Problem in dieser Debatte auch die sehr unterschiedliche Interpretation des Wortes „Gerechtigkeit“ ist. 

Dennoch eine große Empfehlung, vor allem für jene, die sich einen guten Überblick über Zusammenhänge und den einigermaßen aktuellen Stand zum Thema Rückgabe geraubter Kulturgüter und Kunstgegenstände verschaffen wollen.

Die Dakar-Dschibuti-Mission war eine berühmte ethnografische Expedition nach Afrika zwischen 1931 und 1933, die von Marcel Griaule geleitet wurde (aus: Von Dakar nach Dschibuti) // © Musée du quai Branly

Restituieren? Afrika fordert seine Kunstschätze zurück, Frankreich 2021, von Nora Philippe läuft in Erstausstrahlung heute, am 5. April 2022, um 21:50 Uhr auf arte und ist bereits in der Mediathek zu finden. Zuvor wird um 20:15 „Die Wilden“ in den Menschenzoos, Frankreich 2017, von Bruno Victor-Pujebet und Pascal Blanchard gezeigt (ebenfalls bereits in der Mediathek) und um 23:15 Uhr zeigt arte in Erstausstrahlung Von Dakar nach Dschibuti. Große Beute für das Musée de l’homme, Frankreich 2020, von Marc Petitjean, auch den findet ihr bereits in der Mediathek.

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