Mein Weihnachtsschaaaatz

Die Aneignung einer fremden Identität ist prinzipiell eine äußerst schwierige Angelegenheit. Rassismen werden leicht reproduziert, der Respekt vor der Person oder dem Kulturkreis, aus dem die Aneignung erfolgt, wird untergraben und die Frage nach dem geistigen Eigentum droht nicht nur obsolet zu werden. Und was mit all den Kulturgütern passiert, die beispielsweise im Zuge kolonialer Raubzüge erbeutet wurden, ist vielfach noch immer ungeklärt.

Literarische Aneignung

Eine andere Form der Aneignung ist Antje Rávik Strubel – 2021 für Blaue Frau mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet – widerfahren: Ein – vermutlich – älterer Mann reichte ein Manuskript mit Weihnachtsgeschichten beim Deutschen Taschenbuch Verlag ein, um diese unter Rávik Strubels Namen veröffentlichen zu lassen. Nur wussten – offenkundig – weder Verlag noch Rávik Strubel selbst von diesem Manuskript, waren also gleichermaßen erstaunt, auch weil Protokolle und Aufzeichnungen zur Entstehung gleich mitgeliefert wurden.

Rávik Strubel und der Verlag entschieden sich, die Geschichten 2007 samt der Protokolle zu veröffentlichen und ein einordnendes Vorwort voranzustellen. 2022 erschien das Sammelwerk nun erneut in der Fischer Taschenbibliothek. Vom Dorf – Abenteuergeschichten zum Fest enthält etwa ein halbes Dutzend kürzerer Geschichten, zwei Briefe an Antje Rávik Strubel und zehn Protokolle.

Weihnachten ganz unfestlich

Die Geschichten handeln von einer Frau aus Berlin, die vermutlich Rávik Strubel ähneln soll, und einer guten Freundin, die mal in der Stadt, mal auf dem Land wohnt. Die Freundschaft, die sie pflegen, ist eine klassische On-Off-Beziehung: Meist um die Weihnachts- oder Winterzeit erwachen die Freundschaft oder gegenseitige Fürsorge füreinander, mal mit einem gemeinsamen Ausstellungsbesuch, mal im Restaurant auf dem Berliner Fernsehturm, mal auch nur im Traum. Irgendwie wird aber nie wirklich klar, ob vielleicht sogar alle Geschichten in einem Winter stattfinden – vielleicht habe ich es mangels wirklichen Interesses an den Erzählungen auch einfach überlesen.

Denn – wie Rávik Strubel in ihrem Vorwort der Herausgeberin (denn als solche fungiert sie hier) klarstellt – das Experiment des Mannes musste scheitern. Die Geschichten sind leider nicht ansatzweise so lesenswert wie Rávik Strubels andere Bücher, vor allem das bereits erwähnte Blaue Frau. Die Figuren bleiben schemenhaft, wohlige oder gern auch nachdenkliche Weihnachtsstimmung stellt sich im Prinzip an keiner Stelle ein. Auch eine hässliche Stadtkulisse oder idyllisches Landleben baut sich nicht vor unseren Augen auf.

Protokollnotizen

Spannender hingegen sind die Briefe und Protokolle, die mit dem Manuskript gleich mitgeliefert wurden. Der vermeintliche Autor mit Wohnsitz in Brandenburg erklärt zumindest in Ansätzen seine besondere Verbindung, die er zu Antje Rávik Strubel fühlt, seit er vermutlich Anfang der 2000er-Jahre eine Lesung in einer Potsdamer Buchhandlung besuchte. Seither lässt ihn der Gedanke nach einer Art Seelenverwandtschaft nicht mehr los. Manche der von ihm in den Protokollen beschriebenen „Maßnahmen“ würden heute unter den damals noch weniger geläufigen Begriff „Stalking“ fallen und es ist erstaunlich, wie souverän Antje Rávik Strubel damit umzugehen scheint.

Er versucht mindestens implizit die Beweggründe für sein Handeln zu erklären, erläutert manch eine Eigenart, die wir bei dem Hauptcharakter der Erzählungen wiederfinden und die nahelegen, dass es sich dabei eben um Rávik Strubel handeln dürfte – damals „nur“ eine „normale“ schreibende Person unter vielen, die manchen bestimmt ein Name gewesen sein mag, aber eben lange nicht den Bekanntheitsgrad hatte, der etwa 20 Jahre später mit dem Deutschen Buchpreis kam.

Die Frage nach dem Warum?

Gerade in diesem Zusammenhang ergeben sich die eigentlich spannenden Fragen: Wieso Antje Rávik Strubel? Wieso diese vermeintliche Seelenverwandtschaft? Wieso die Idee, seinem menschlichen Gegenstück dadurch näherzukommen, dessen Arbeit – ein kulturelles Werk – zu fälschen und unter seinem Namen veröffentlichen zu lassen?

Wie sich im Laufe der Protokolle zeigt, scheint es, dass der Mann die Beziehung zu Rávik Strubel damit wohl einerseits intensivieren, andererseits aber auch in eine Art Co-Abhängigkeit führen wollte. Glaubwürdigkeit und Reputation Rávik Strubels wären aus seiner Perspektive beschädigt gewesen, wenn die Urheberschaft der unter diesem Namen erschienenen Geschichten öffentlich angezweifelt würde (die Rolle des verantwortlichen Verlags bleibt übrigens an dieser Stelle außer Frage, denn auch und vor allem dieser steht in der Verantwortung, die Authentizität der Autorinnen und Autoren sowie die Urheberschaft ihrer Manuskripte zu prüfen). Und gäbe es diese öffentlichen Anzweiflungen nicht, dann gäbe es für immer ein verbindendes Geheimnis zwischen ihm und Antje Rávik Strubel. Das, mit Verlaub, ist perfide und trägt mindestens psychopathische Züge.

Nun stecken mehr als acht Milliarden potenzielle Leserinnen und Leser auf diesem Planeten – inklusive meiner Wenigkeit – nicht in der Haut von Antje Rávik Strubel, aber unter den hier genannten Umständen keine Anzeige bei der Polizei zu stellen, ist nur bedingt erklärlich. Wenn jemandem so schonungslos offengelegt wird, möglicherweise jahrelang Opfer eines Hinterherstellers geworden zu sein, der sich sogar Zutritt zur eigenen Wohnung beschafft haben will, dann wäre es mehr als nachvollziehbar, das zu unterbinden und denjenigen dafür zu bestrafen. Selbstverständlich liegt diese Entscheidung allein bei Antje Rávik Strubel aber dennoch maße ich mir an dieser Stelle die Einschätzung an, dass eine Anzeige zumindest nachvollziehbar wäre.

Aufbruch eines frühen Talents?

Dass diese laut Vorwort der Herausgeberin ausblieb, legt aber noch einen weiteren, abschließenden, Gedanken nahe, der auch die etwas rätselhafte und widersprüchliche Frage beantworten könnte, wieso jemand sich als ein Autor oder eine Autorin ausgeben möchte, aber gleichzeitig Protokolle mitliefert, die recht eindeutig belegen, dass es sich eben doch um jemand Drittes handelt: Vielleicht stammen die Abenteuergeschichten und die Protokolle eben doch von Antje Rávik Strubel selbst und die gesamte Story um das unter falschem Namen eingereichte Manuskript ist lediglich ein Kniff, um die Geschichte aufzubrechen und auf eine Metaebene zu heben.

Dass Antje Rávik Strubel mit solchen Brüchen arbeitet, wird – erneut muss darauf verwiesen werden – in Blaue Frau mehr als deutlich. Auch hier bricht die titelgebende Figur aus dem Off immer wieder durch die Geschichte und Symbole wie Bäume – auch in Vom Dorf gibt es übrigens immer wieder Bäume und Naturbilder in bedeutenden Nebenrollen – nehmen essentielle Rollen ein. Damit wird die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser immer wieder auf andere Aspekte gelenkt. Wenn das so sein sollte, dann zeigte sich bereits früh, welch schriftstellerisches Talent in Antje Rávik Strubel vor etwa 15 Jahren steckte und dass die Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis 2021 – als erste nicht-binäre Person – nur ein konsequenter Schritt war.

Wahrheit? Welche Wahrheit?

Es gibt wohl nur drei Parteien, die diese Frage beantworten könnten: Antje Rávik Strubel, (vermutlich) der Verlag und der vermeintliche „Seelenverwandte“. Wie genau es sich zu jener Zeit begab, können nur diese drei sagen. Wer Vom Dorf auf die eigene Leseliste nehmen will, muss wissen, dass die Geschichten nicht wirklich viel mit den im Untertitel versprochenen Abenteuergeschichten zum Fest oder dem hübschen Winteridyll auf dem Cover gemein haben.

Das eigentlich Spannende an diesem Büchlein sind die Protokolle, die das Entstehen der Geschichten dokumentieren und die besondere Beziehung des vermeintlichen Autoren zur Herausgeberin Antje Rávik Strubel illustrieren sollen. Welche Wahrheit am Ende „die richtige“ ist, das müssen Gläubige und Ungläubige aber für sich selbst entscheiden.

HMS

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Antje Rávik Strubel: Vom Dorf — Abenteuergeschichten zum Fest; September 2022; 256 Seiten; ISBN 978-3-596-52323-8; Fischer Taschenbibliothek; 14,00 €

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