Massenmord als bürokratischer Akt

Am heutigen 20. Januar 2022 jährt sich die als Wannsee-Konferenz bekannte „Besprechung mit anschließendem Frühstück“, die nur einen Tagesordnungspunkt kannte: die „Endlösung der Judenfrage“, zum achtzigsten Mal. In der 1914 errichteten Industriellen-Villa, die 1940 von der SS gekauft wurde, wurde an diesem Januartag unter dem Vorsitz von Reinhard Heydrich, dem Chef des Reichssicherheitshauptamtes, der Sicherheitspolizei und des SD, in aller Offenheit über den geplanten und zu organisierenden Mord an Millionen Juden gesprochen.

Eins aus dreißig

Wir wissen von dieser Sitzung, an der neben Heydrich noch vierzehn weitere, größtenteils hochrangige Vertreter der SS, NSDAP sowie der Ministerialbürokratie teilnahmen, nur, da noch eines von ursprünglich dreißig als „Geheime Reichssache“, der höchsten Geheimhaltungsstufe des NS-Staates, eingestuften Protokollen erhalten ist. Federführend waren hier Adolf Eichmann, Leiter der Abteilung Judenangelegenheiten/Räumungsangelegenheiten im Reichssicherheitshauptamt, und dessen Sekretärin Ingeburg Werlemann. 

Das Sitzungsprotokoll der „Wannsee-Konferenz“ offenbart, wie deutlich über den geplanten Mord an Millionen Juden in Europa in der Teilnehmerrunde gesprochen wurde; aus: Die Wannseekonferenz – Die Dokumentation // © ZDF/Klaus Josef Sturm

An diesem Protokoll, das im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts in einer Akte mit rund 300 Dokumenten zur sogenannten „Juden-Politik“ zwischen 1939 und 1943 verwahrt wird, orientiert sich der Film Die Wannseekonferenz von Matti Geschonnek, der seit gestern in der ZDF-Mediathek verfügbar ist und am 24. Januar um 20:15 Uhr im ZDF ausgestrahlt wird. Nun stellt sich bei solch einem Material immer die Frage: Wie lässt sich unvorstellbares Grauen, der für die Planenden lediglich einen bürokratischen Akt und eine logistische Herausforderung darstellte, filmisch umsetzen? Wie lässt sich Fiktion in die Fakten einweben, ohne dass etwas verfälscht wird?

„Es ist eine Tatwaffe“

Und Fiktion ist ein wesentlicher Teil dieser filmischen Umsetzung, handelt es sich bei dem Protokoll doch um ein Verlaufs- und nicht um ein Wortprotokoll. Keine leichte oder besonders schöne Aufgabe also für Autor Magnus Vattrodt (Das Zeugenhaus, Unterleuten). Jedoch eine, die er nahezu mit Bravour meistert. Er verzichtet weitestgehend auf unnötigen Dialog-Ballast, fokussiert sich auf die Besprechung und ihren Kern: die Planung eines systematischen Massenmords.

„Das Protokoll der Wannseekonferenz ist eine Tatwaffe. Die Schmauchspuren, die sie hinterließ, sind bis heute nachweisbar.“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede zur Premiere des Films am 18. Januar 2022 in Berlin
Im Konferenzraum eröffnet Reinhard Heydrich. Von links: Adolf Eichmann (Johannes Allmayer), Ingeburg Werlemann (Lilli Fichtner), Heinrich Müller (Jakob Diehl), Reinhard Heydrich (Philipp Hochmair), Otto Hofmann (Markus Schleinzer), Friedrich Wilhelm Kritzinger (Thomas Loibl) // © ZDF/JULIA TERJUNG

So steigt Die Wansseekonferenz mit der Ankunft der Beteiligten, wie dem Chef der Gestapo, Heinrich Müller (erschreckend hervorragend: Jakob Diehl), dem Staatssekretär im Reichsministerium des Innern und Verfasser diverser „Judengesetze“, Dr. Wilhelm Stuckart (famos: Godehard Giese), dem Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, Martin Luther (Simon Schwarz), dem Ministerialdirektor der Reichskanzlei, Friedrich Wilhelm Kritzinger (Thomas Loibl) und dem Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD in Lettland, Dr. Rudolf Lange (Frederic Linkemann), ein und stellt sie uns kurz vor, vermittelt, welche Ambitionen, Sympathien und Animositäten es gibt. 

„Sonderbehandelt“ und „einwaggoniert“

Bereits vor Ort ist der von Johannes Allmayer zwar entschlossen, aber beinahe zurückhaltend verkörperte Adolf Eichmann; als letzter trifft der Gastgeber selber ein, der von Philipp Hochmair mit einer solch freundlichen und erhabenen Kälte porträtierte Reinhard Heydrich, dass es eine:n schaudert. Das tut es allerdings nicht nur in Bezug auf ihn, sondern ganz allgemein. Die Sitzung wird in einer technokratischen Selbstverständlichkeit geführt und hier vermittelt, dass nicht selten der Eindruck entsteht, wir sähen irgendeiner Kreisgeschäftsführungsversammlung vor einem Parteitag zu. 

Während einer Besprechungspause vor der Villa am Großen Wannsee: Friedrich Wilhelm Kritzinger (Thomas Loibl, r.) und Dr. Rudolf Lange (Frederic Linkemann, M.) unterhalten sich mit Dr. Eberhard Schöngarth (Maximilian Brückner, l.) // © ZDF/JULIA TERJUNG

Worte wie „sonderbehandelt“, „einwaggoniert“ oder „Methoden des Ostens“ lassen uns allerdings immer wieder bewusst werden, dass keine Lappalien besprochen werden. Für diese „Methoden des Ostens“ sind vor allem erwähnter Rudolf Lange und der ihm bekannte Dr. Eberhard Schöngarth (zynisch: Maximilian Brückner), Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD im Generalgouvernement, zuständig, die in einer Runde von Theoretikern die Rolle der ausführenden Praktiker innehaben.

„Kaum biste mit den eigenen Juden fertig, kommen die nächsten…“

Dr. Rudolf Lange zu Dr. Eberhard Schöngarth bei einer Zigarette auf der Terrasse mit Seeblick

Bürokratie und Verwaltung

Es sind, neben dem Gesamtarrangement des von Theo Bierkens hervorragend eingefangenen Films, solche ganz selbstverständlich geäußerten Sätze, die die Notwendigkeit der „Kapazitätserweiterungen“ verdeutlichen sollen, die uns beim Anschauen stocken lassen, die unglaublich unangenehm sind. Wesentlich ist auch die Frage, mit welchen Juden denn angefangen werden solle. Dr. Josef Bühler (Sascha Nathan), Staatssekretär im Amt des Generalgouvernements, macht deutlich, dass unmöglich mehr in den Osten kommen könnten, solange „seine Juden“ nicht weg seien. Ein Verwaltungsakt.

Während der Konferenz im Besprechungsraum: Dr. Wilhelm Stuckart (Godehard Giese,. l) und Martin Luther (Simon Schwarz, r.) // © ZDF/JULIA TERJUNG

Zudem geht es um Zuständigkeiten, Einflussbereiche und Kompetenzen, also um die Dinge, die bürokratisches und verwaltungstechnisches Denken auch heute bestimmen. Keiner dieser größtenteils intelligenten Männer, vielen von ihnen promovierte Juristen, mochte hier an Einfluss verlieren. Darüber hinaus, darauf legt der Staatssekretär beim Beauftragten für den Vierjahresplan, Erich Neumann (Matthias Bundschuh) wert, dürfe nicht zu viel Geld verlorengehen, auch wenn man kompromissbereit sei. Allerdings gebe es auch ethische Erwägungen: Die Soldaten litten doch zusehends unter den Erschießungen. Ist das vielleicht doch ein unterbewusstes Eingeständnis, welches menschenverachtende Verbrechen hier zur Disposition stünde? Wohl eher weniger.

Dr. Georg Leibbrandt (Rafael Stachowiak, r.), Ministerialdirektor im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete, und Dr. Josef Bühler (Sascha Nathan, l.) Staatssekretär im Amt des Generalgouvernements // © ZDF/JULIA TERJUNG

Hier kommt nun also jenes Zyklon B in die Debatte, das die Mordmaschinerie der Nazis so effizient machen sollte. Experimente damit hatten zu dieser Zeit schon stattgefunden, in Chełmno beispielsweise waren bereits seit Dezember 1941 Gaswagen im Einsatz. Vieles von dem, was bereits geplant, probiert und in Aussicht war, wird im Film nur kurz angerissen, im Rahmen der Konferenz und von Pausengesprächen angedeutet. Das erfordert hohe Aufmerksamkeit, die bei diesem Stoff jedoch ohnehin gegeben sein sollte, mag aber auch so manche Frage unbeantwortet lassen.

Eine Dokumentation, die einordnet

Hilfreich ist hier die ebenfalls in der Mediathek verfügbare und am 24. Januar im Anschluss an den Film laufende 45-minütige Dokumentation Die Wannseekonferenz – Die Dokumentation, in der die Hintergründe und Vorgeschichte der Konferenz genauer beleuchtet und in den größeren Kontext des „Dritten Reichs“ und des Kriegsverlaufs eingeordnet werden. Auch werden einige Teilnehmer wie auch Heydrich selbst noch einmal konkreter vorgestellt. Es hätte dem Spielfilm übrigens trotz anfänglicher Einführung nicht geschadet, an mancher Stelle noch einmal die Namen der Anwesenden einzublenden oder lesbare Namensschildchen vor den Protagonisten zu platzieren. Sie zeigt darüber hinaus, dass ein „Wir wussten von nichts“ nicht gelten gelassen werden kann.

Holocaust-Überlebende Margot Friedländer, Jahrgang 1921, im Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin vor ihrem Interview für die Dokumentation von Jörg Müllner // © ZDF/Isa Rekkab

Teil der sehr sehenswerten Dokumentation ist auch die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer, die 1940 unweit der Villa am Wannsee, die heute eine sehr sehenswerte Gedenkstätte ist, Zwangsarbeit leistete und hier vor Ort sagt: „Ich kann es und werde es nie verstehen, wie es möglich war, dass so etwas stattfinden konnte, dass Menschen, die für meine Begriffe keine Menschen waren, ihre Hände dazu gegeben haben, so etwas zu tun.“

Neben ihr kommen in der Dokumentation unter anderem auch Prof. Götz Aly, der Heydrich-Biograf Prof. Robert Gerwath, die Historikerin Barbara Schieb, Autorin von Nachricht von Chotzen  (die Familie Chotzen spielt in der Dokumentation ebenfalls eine Rolle) und Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gedenkstätte Stille Helden und der historische Berater des Films, Prof. Dr. Peter Klein vom Touro College, zu Wort. Überhaupt hat das ZDF im linearen Programm, in der Mediathek und über YouTube ein ausführliches Begleitprogramm zum Film im Angebot – ein Blick lohnt sich.

In der Villa am Großen Wannsee fand am 20. Januar 1942 die wohl mörderischste Konferenz in der Geschichte statt: Die Teilnehmer besprachen die geplante Ermordung von elf Millionen Jüdinnen und Juden in Europa. Heute ist das Haus eine Gedenk- und Bildungsstätte // © ZDF/Konrad Waldmann

Mit bestem Gewissen: Ein Meisterwerk

Abschließend zurück zur Frage: Wie lässt sich das Grausame dieser Konferenz darstellen, ohne es zu trivialisieren, zu melodramtisieren? Zum einen, indem auf Musik verzichtet wird. Matti Geschonnek dazu in einem Interview mit Herman Orgeldinger: „Musik ist verführerisch. Musik verführt. Du kannst mit Musik die Wahrnehmung des Zuschauers entscheidend beeinflussen. Darum ist Musik auch sehr gefährlich und zugleich sehr förderlich. […] Diesen Film komplett ohne Musik durchzuhalten, das war für mich essentiell wichtig. Ich gehe damit allerdings auch natürlich ein großes Risiko ein. Ich will auch der Gefahr einer gewissen Manipulation ausweichen, sie ausschließen.“ Der Entschluss war zweifelsohne richtig, dramatisches Klavier oder schmerzverzehrte Geigenklänge hätten dem Film seine wuchtige Kälte genommen und eine falsche Gefühligkeit verliehen.

Zum anderen, so die Produzenten Reinhold Elschot und Friedrich Oetker, „nach viel Recherche, vielem Lesen, vielem Anschauen anderer Filme über die Zeit der menschenverachtenden Nazidiktatur, vielen Gesprächen, vielen Treffen, vielen Skrupeln, vielen Zweifeln, vielem Abwägen – und schließlich: nach bestem Wissen und Gewissen.“

Reinhard Heydrich (Philipp Hochmair, l.), Heinrich Müller (Jakob Diehl, M.) und Adolf Eichmann (Johannes Allmayer, r.) // © ZDF/JULIA TERJUNG

Der Wannseekonferenz ist dieses Bewusstsein anzumerken: Vom ersten Bild an ist klar, dass es sich nicht um irgendeinen Spielfilm handelt, nicht um ein Drama, das die Nazidiktatur als Projektionsfläche für irgendein Wischi-Waschi-Gedöns nimmt. Der Film nimmt die reale Geschichte ernst, er nimmt die Grausamkeit ernst, ist aber kein Mitleidskino. Er ist von einem famosen Ensemble getragen, versteht die Rollen und ihre Bedeutung für den Massenmord einzufangen, weiß um seine Verantwortung. Er ist vorbehaltlos zu empfehlen.

AS

PS: Auf der Seite der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz gibt es heute Abend ab 20 Uhr einen Livestream mit Grußwort und anschließender Publikumsdiskussion (Moderation: Shelly Kupferberg) mit Regisseur Matti Geschonneck, Regisseur, dem Vorstandsvorsitzenden Constantin Film AG, Martin Moszkowicz und Deborah Hartmann, der Direktorin Haus der Wannsee-Konferenz

Die Wannseekonferenz läuft am Montag, 24. Januar 2022, um 20:15 Uhr im ZDF und ist in der Mediathek verfügbar.

Die Wannseekonferenz – Die Dokumentation wird um 22:00 Uhr im Anschluss an den Film gezeigt und ist ebenfalls in der Mediathek verfügbar.

Die Wannseekonferenz // © ZDF/Mathias Bothor

Die Wannseekonferenz; Deutschland, 2022; Regie: Matti Geschonneck; Drehbuch: Magnus Vattrodt, Paul Mommertz; Kamera: Theo Bierkens; Darsteller:innen: Philipp Hochmair, Johannes Allmayer, Maximilian Brückner, Matthias Bundschuh, Fabian Busch, Jakob Diehl, Lilli Fichtner, Godehard Giese, Peter Jordan, Arnd Klawitter, Frederic Linkemann, Thomas Loibl, Sascha Nathan, Markus Schleinzer, Simon Schwarz, Rafael Stachowiak; Laufzeit: 104 Minuten; noch bis zum 17. Januar 2024 in der ZDF-Mediathek

Die Wannseekonferenz – Die Dokumentation; Deutschland, 2022; Produzent: Jörg Müllner, History Media; Redaktion: Anja Greulich; Leitung: Stefan Brauburger; Laufzeit: 45 Minuten; noch bis zum 20. Januar 2027 in der ZDF-Mediathek

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Beitragsbild: Im Konferenzraum: Die Besprechung beginnt. Von hinten rechts nach links: Dr. Rudolf Lange (Frederic Linkemann), Dr. Eberhard Schöngarth (Maximilian Brückner), Dr. Josef Bühler (Sascha Nathan), Dr. Georg Leibbrandt (Rafael Stachowiak), Dr. Alfred Meyer (Peter Jordan), Adolf Eichmann (Johannes Allmayer), Ingeburg Werlemann (Lilli Fichtner), Heinrich Müller (Jakob Diehl), Reinhard Heydrich (Philipp Hochmair), Otto Hofmann (Markus Schleinzer), Dr. Gerhard Klopfer (Fabian Busch), Friedrich Wilhelm Kritzinger (Thomas Loibl), Dr. Wilhelm Stuckart (Godehard Giese), Martin Luther (Simon Schwarz), Erich Neumann (Matthias Bundschuh), Dr. Roland Freisler (Arnd Klawitter) // © ZDF/JULIA TERJUNG

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