Als Selenskyj doch eine Mitfahrgelegenheit brauchte

Der ukrainische Staatspräsident Wolodymyr Selenskyj ist dieser Tage wohl der bedauernswerteste und doch inspirierendste Staatenlenker dieser Welt. Russlands Angriffskrieg hat sein Land ins Chaos gestürzt, was er heute Morgen im Bundestag noch einmal inklusive eines Appells an Deutschland und die Europäische Staatengemeinschaft verdeutlichte, und der Westen kann in Teilen nur zusehen, will er nicht dem russischen Präsidenten Wladimir Putin einen Vorwand für den Dritten Weltkrieg geben.

Comedy als Präsidententraining

Dabei hatte Selenskyj für sein heutiges Amt ein Training der ganz speziellen Art: Als Schauspieler und Komiker verkörperte er die Hauptrolle in der ukrainischen Comedyserie Diener des Volkes, deren erste Staffel bereits seit einiger Zeit in der arte-Mediathek verfügbar ist und dort erst seit kurzem als „die Erfolgsserie, die Selenskyj zum Präsidenten machte“ beworben wird. (An dieser Stelle wollen wir anfügen, dass wir sie eigentlich längst im Januar besprochen haben wollten, aber was sollen wir sagen… hoppala.)

Der Beginn von etwas Großem // Bild: © eccho rights

Jedenfalls ist diese These durchaus wahrscheinlich, denn in seiner Rolle als Präsident Wassyl Petrowitsch Holoborodko konnte er sich dem ukrainischen Volk bereits über eine längere Zeit bekannt machen und, zumal er Diener des Volkes auch als Reaktion auf die Proteste auf dem Maidan-Platz mit konzipierte, seine politischen Ideen unters Volk bringen und sich einen Vertrauensvorschuss erarbeiten. Im Jahr 2019 rechneten nur wenige mit einem Sieg Selenskyjs bei der Präsidentschaftswahl, aber anders als sein Charakter in der Serie hatte dieser sich zumindest sehr bewusst um das Amt beworben. In Diener des Volkes waren es einige Schüler des Geschichtslehrers Holoborodko, die heimlich eine Wutrede ihres Lehrers online stellten. Diese ging viral, es wurde Geld für seine Kandidatur gesammelt und als Holoborodko am Tag nach der Wahl aufwachte, war er erstaunt, dass ein paar Anzugträger ihn aus dem elterlichen Bad holten (siehe Titelbild).

100 Tage Hindernislauf

Die erste Staffel von Diener des Volkes erzählt im Anschluss die Ereignisse, die Präsident Holoborodko in seinen ersten 100 Amtstagen beschäftigen sollen: Von unerwarteten Privilegien für den Präsidenten – vom Palast, einem Stab von Image-, PR- und Beauty- plus Massageleuten oder einem luxuriösem Büro wird der Politnovize in seine ersten Tage gestolpert. Zur Seite steht ihm von Beginn an der alte Polit-Hase Juri Iwanowitsch (Stanislaw Boklan), dessen Rolle im ganzen humorvollen House of Cards wir zwar erahnen können, aber erst in der letzten Folge dieser ersten Staffel tatsächlich vollends entdecken.

Juri Iwanowitsch fährt Wassyl Petrowitsch Holoborodko zum ersten Arbeitstag // Bild: © eccho rights

Selenskyj aka Holoborodko jedenfalls lernt schnell: Die Korruption ist in vielen Bereichen ein wesentliches größeres Problem, das die Ukraine lähmt, als er es anfangs vermutet hatte. Sie zu bekämpfen, wird zu einer Hauptaufgabe in Diener des Volkes werden. Im Hintergrund allerdings sind auch hier – ähnlich wie in Putins Russland zu beobachten – graue Eminenzen zu beachten. Lange haben wir kein Gesicht zu den drei „alten weißen Männern“, die im Hintergrund über Wohl und Wehe der Ukraine entscheiden, denen ein unabhängiger Politnovize wie Holoborodko also nicht in den Kram passt. Wir werden diverse Versuche sehen, den Präsidenten zu vereinnahmen, zu kompromittieren und zu sabotieren.

Das rote Taxi

Zu Beginn des Krieges sagte Selenskyj, dass er „keine Mitfahrgelegenheit, sondern Munition“ brauche. In Diener des Volkes wird ironischerweise dieses Bild auch bemüht – selbst wenn er sich am Ende doch für die Mitfahrgelegenheit entscheidet. Die Serie zeigt auf sehr humorvolle und teils satirische Weise, vor welchen Problemen die Ukraine bis vor dem Krieg wirklich stand. Sofern wir es uns in Deutschland erlauben dürfen darüber zu urteilen, hält Holoborodko seinem Volk hier gekonnt einen Spiegel vor und macht auf manches Problem aufmerksam, das der Ukraine auf ihrem Weg nach Westen im Weg steht. Dass sein Volk in der eigenen Bewegungslosigkeit hier recht renitent ist, nun ja, … Erfahrungen, die Angela Merkel auch mit uns machen durfte.

Ein bunt gemischtes Kabinett aus Weggefährt:innen für viel Veränderung // Bild: © eccho rights

Vermittelt wird dies überwiegend mit viel und meist bissigem Humor. Manche Witze sind zwar eher platt, aber andere treiben uns tatsächlich die Lachtränen in die Augen („Erinnern Sie sich an den Staatsbankrott von 2008? Dort drüben [zeigt auf einen opulenten Kronleuchter] hängt er.“). Gerade zu Beginn und in etwas abgeschwächter Form zum Ende der Staffel bietet Diener des Volkes viele sehr witzige Momente, ohne dafür die Handlung stocken zu lassen.

Familien und Frauen

Gleichzeitig heißt das aber auch, dass es zur Mitte hin einen nicht ganz so kleinen Hänger gibt. Gerade die Geschichten um Holoborodkos Familie, die natürlich ebenfalls an dem Erfolg und der neuen Rolle partizipieren möchte, sind anfangs noch lustig und spiegeln das wohl tiefe, postsowjetische Verständnis von Gesellschaft wider, aber da eine Weile kaum Fortentwicklungen der Charaktere zu beobachten sind, ist das doch ein wenig anstrengend.

Eine Familie, die die Privilegien des Präsidenten genießen will // Bild: © eccho rights

Und ein letzter, aber nicht unwichtiger Kritikpunkt: Frauen kommen – außer Holoborodkos Chefsekretärin Bella (Valentina Ishchenko), seine jedoch immer seltener auftauchende Mutter (Natalya Sumska) und Ex-Frau Olga Mischenko (Elena Kravtes), die er in sein Kabinett holt –  oft nicht sehr gut weg. Das sehr „klassische“ Rollenverständnis in der Serie oder vielleicht gar der gesamten Ukraine scheint doch eines zu sein, das aus westlicher Perspektive schwierig zu nennen ist – vermutlich gilt das ebenso für die hier nicht thematisierten Rechte von LGBTQ*-Menschen umso mehr.

An dieser Stelle sei die Bemerkung erlaubt, dass solche Punkte vor einem zwischenzeitlich beantragten EU-Beitritt der Ukraine auch offen thematisiert werden müssten. Gleichsam endet die erste Staffel auch mit einem flammenden Plädoyer Präsident Holoborodkos gegenüber einem imaginären Iwan dem Schrecklichen, warum die Ukraine ein Teil der europäischen Familie ist und sich nun dieser und nicht Russland zuwendet.

Auch mal durchatmen // Bild: © eccho rights

Ihre Kultur zu bewahren unterstützt die Ukraine

Wenn wir dieser Tage über das Leid in der Ukraine reden, ist häufig die Frage, was jeder und jede Einzelne tun kann. Ja, es hilft, für aus der Ukraine Geflüchtete zu spenden, sie bei sich aufzunehmen oder auch nur den Krieg zu verurteilen. Wladimir Putin aber, der in Diener des Volkes für einen soliden Running Gag herhalten muss und der Ukraine die eigene Staatlichkeit abspricht, dürfte das größte Schnippchen geschlagen sein, wenn wir uns der ukrainischen Gesellschaft und Kultur zuwenden.

Diener des Volkes ist eine der wohl erfolgreichsten und bedeutsamsten Serien, die die Ukraine in den letzten Jahren hervorgebracht hat, auch wegen des heutigen Präsidenten und Hauptdarstellers Wolodymyr Selenskyj. Sie zu schauen, über die Ukraine zu lernen, manche Zwickmühle, in der sie steckt, über manch unausgereifte Szene auch hinwegzusehen, ist vielleicht eine der besten Möglichkeiten, um der Ukraine dieser Tage im Kleinen zu helfen. Und wenn arte auch die Rechte für die weiteren Folgen der Staffeln zwei und drei einkauft, dann stünde dort sogar ein unmittelbarer finanzieller Nutzen für die Ukraine. Gespräche gibt es aufgrund des Erfolges seit Kriegsbeginn, tja, wohl jedenfalls.

HMS, Mitarbeit AS

Der starke Mann der Ukraine Wassyl Petrowitsch Holoborodko aka Wolodymyr Selenskyj in Diener des Volkes // Bild: © eccho rights

PS: Ebenso ist seit wenigen Tagen die Dokumentation Selenskyj – Ein Präsident im Krieg in der arte-Mediathek verfügbar, die den Weg Wolodymyr Selenskyjs vom Produzenten und Komiker zum Präsidenten und Verteidiger seines Landes nachzeichnet. Auch sie ist interessant, wenn ihr auch größtenteils ein kritischer Blick abgeht (durchaus wird aber angemerkt, dass sowohl die Serie wie auch Selenskyis Kandidatur nicht unwesentlich vom Oligarchen Ihor Kolomojskyj abhingen), sie recht kurzfristig zusammengeschustert scheint und das Regie-Duo Dirk Schneider und Claudia Nagel mit einer 30-minütigen Variante besser beraten gewesen wären, als mit einer 45-minütigen. Dennoch vermittelt der Film Hintergrundinformationen und Einschätzungen diverser Beobachter:innen, die lehrreich sind.

Diener des Volkes – Staffel eins; Ukraine 2015; Idee: Wolodymyr Selenskyj; 23 Folgen; Russisch und Ukrainisch mit deutschen Untertiteln; noch bis zum 18. Mai in der arte-Mediathek verfügbar

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