„Berlin Skandalös“ – Ein Must See im Pott

Ohne Kultur wird’s still. Diesen Slogan kennen wir alle noch aus dem letzten Lockdown. Und wie schade das wäre, wenn es still wäre, das zeigt die aktuelle Produktion Berlin Skandalös der Oper Dortmund aber mal sowas von deutlich!

Schon in den letzten Jahren vor dem großen C (quasi BC) waren die Musicalproduktionen in diesem Haus besonders. Man traute sich an die großen und international vergleichbaren Stücke, ohne auch nur einen Hauch zurückzustecken. In diesem Theater war es all die Jahre eben nicht einfach „nur“ Musical. Da war es dann schon spannend zu schauen, wie eine solche Produktion in Pandemiezeiten aussehen könnte.

Spoiler: Es wurde kein Musical im klassischen Sinne.

Ist das schade? Klares NEIN!

Eigentlich sollte es wohl Cabaret werden, und uneigentlich ist es nun eine Revue, die den „roaring twenties“ ein mehr als würdiges Denkmal setzt und dem Zuschauer nicht nur die Gassenhauer der Goldenen Zwanziger ins Ohr singt. Sowohl Programmheft als auch die Homepage des Theaters lassen uns wissen, das alles ist ein Vorgeschmack auf die Spielzeit 2022/23. Da soll es dann wohl doch endlich Cabaret geben. Danke für den Ausblick, aber wie skandalös ist Berlin denn nun? Spoiler 2.0: nicht sooo sehr.

Begeisterung // © Frank Hebenstreit

In der von Gil Mehmert zusammengestellten Revue reihen sich bekannte und unbekannte Musikstücke aneinander um uns das Berlin zu präsentieren, wie es sich damals zeigte. Nach einem verlorenen Weltkrieg waren Männer eher Mangelware, die Inflation rasant und mensch verkaufte alles, im Zweifel auch sich selbst, und das auch bis in die höchsten Schichten.

Es schillert und kracht

So präsentiert sich gleich in der Eröffnungsnummer (fast) der gesamte Cast angeführt von Rob Pelzer als schillerndem Conférencier und gibt einem direkt einen Frontaleindruck der wunderbaren Kostüme von Falk Bauer. Diese erweisen sich im Laufe des Abends noch als absolute Augenweide. Unterstützend, Überraschend, Bedeckend, Offenbarend, häufig frivol, aber nie geschmacklos, eine Kunst mit Perfektion auf die Bühne gebracht. #großesKino … Entschuldigung… #großesTheater.

Abendplanung // © Frank Hebenstreit

Und schon geht es los, und zwar mit Schmackes, wie mensch umgangssprachlich hier so sagt. Die Revue nimmt ein geradezu halsbrecherisches Tempo auf, was jetzt nicht nur an Tom Zahner als „gehaltvollem“ Chauffeur liegt, aber es stehen in diesem Fall ja auch nur 90 Minuten zur Verfügung, dann muss Schluss sein. 30 Songs mit Zwischentexten werden von den Darstellern dargeboten. Klassiker wie „Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben“ oder „Wenn die beste Freundin“ finden hier ebenso liebevoll und prägnant ihren Platz, wie die weniger gestreuten „Sechstagerennen“ oder „Was hast Du für Gefühle, Moritz“. Letzteres war eine der Sternstunden auf deutschen Bühnen, aber dazu später mehr.

Jubel in aller Stille

Angelika Milster als Diva // Foto: Björn Hackmann, Stage Picture

Zackig reiht sich Lied an Text an Lied, was kurzweilig und sehr unterhaltsam ist. Aber mein Manko: Ich bin bekennender und genießender Zwischenklatscher. Dafür war hier aber weder Raum noch Zeit. Es scheint Menschen mit ähnlichen Bedürfnissen an diesem Abend im Haus gegeben zu haben, aber jedes kurze Aufklatschen erstarb schon im Keim. Das scheint einer der Kompromisse zu sein, die man eingehen muss, wenn man sich in diesen Zeiten so einem Projekt widmet. Na dann.

Werden gern klangvolle Namen wie Angelika Milster oder auch je nach Abend Anton Zetterholm, David Jakobs (der auch gerade für Ku’damm 56 – Das Musical in Berlin auf der Bühne steht), Alexander Klaws oder Mark Seibert genannt, liest sich die Besetzungsliste bei genauerem Hinsehen doch schon eher wie das „Who is Who“. Und die überzeugende Besetzung der Rolle der Diva mit einer passionierten Angelika Milster kann man schon als klugen Schachzug bezeichnen. So bekommt das Publikum hier schmissig schlüssige Choreografien von Yara Hassan geboten, die nie, nie, aber auch wirklich nie überflüssig oder unpassend sind. Spätestens als das Versehrtenballet die Krücken in die Luft wirft, hat mich die Show endgültig. Als dann irgendwann auch noch ganz leichtfüßig ein Showgirlmord die choreografisch korrekte Schlussfolgerung ist, hätte ich jubeln mögen, aber siehe oben, ich war still.

Die Musik, dargeboten von Mitgliedern der Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Christoph JK Müller trägt wirklich großartig durch den ganzen Abend. Vom erstmaligen Anziehen des Tempos bis zum sanften Ausklang gibts hier wirklich ordentlich was auf die Ohren. Abgerundet durch ein famoses Bühnendesign von Heike Meixner, das akzentuierte Lichtdesign von Michael Grundner und ein Sounddesign á point von Jörg Grünsfelder wirkt der Abend wie aus einem Guss. Hier wird klare Vorfreude auf das angekündigte Cabaret gesät, durch detailgenaue Einstimmung auf Ort und Zeit.

Highlight-Countdown

Und auch wenn der Abend eine vollständige Einheit war, so gab es doch wirklich drei Highlights, die ich dem geneigten Leser nicht vorenthalten möchte:

Erstes Highlight:

Einlass – wir nehmen die Plätze ein und beobachten, wie sich das Haus mehr und mehr füllt. Es scheint wirklich bis auf den letzten -in diesen Zeiten- verfügbaren Platz ausverkauft zu sein. Zwei der Einlasskräfte stehen recht nah bei uns und plötzlich sagt eine zur anderen ganz bewegt: „Sieht das nicht schön aus?“ Ich sehe nach vorn und merke sofort, das wirklich zahlreiche Publikum ist gemeint.

Ja, ist es! <3

Direkt gefolgt vom zweiten Highlight:

International bekannte Lieder auf der Bühne zu interpretieren bietet immer ein Risiko. Es wirkt daher schon mehr als mutig, dass sich in dem Reigen dieser Revue auch „Mein Herr“ aus Cabaret wiederfindet. Eine Chance, die mensch als „durchaus beeindruckend genutzt“ vermerken kann. Bettina Mönch singt in diesem Moment nichts nach oder versucht die internationalen Größen zu imitieren, die dieses Lied schon vor ihr interpretierten. Nein, sie macht dieses Lied zu ihrem eigenen und singt sich den Herrn aber mal sowas von der Seele, das es eine wahre Pracht ist.

Das dritte ist dann aber auch gleich mein TOP-Highlight des Abends:

Jörn-Felix Alt zeigt, wie man auch als erkennbarer Mann in einem bodenlangen Pailettenkleid, mit schwarzer Bob-Perücke und (vermutlich 20 cm) High Heels eine Bühne mit einem relativ unbeachteten Lied zu einem legendären Hot Spot der deutschen Theater Bühnen machen kann. Gekonnt lasziv und umgarnend und ganz Diva fragt er „Was hast Du für Gefühle, Moritz“? Er singt, biedert und fordert nicht nur den Hosenschlitz sondern schickt ihn auch noch zu Madame Hilde. Was an Kraft, Ausstrahlung und darstellerischer Leidenschaft in diesen Minuten auf der Bühne geradezu wie eine Ejakulation explodiert (grins: Wir wollen doch beim skandalösen Slang bleiben…) soll an diesem Abend nicht mehr überboten werden.

Berlin im Pott

Fazit: Wer im Pott zuhause ist oder auch nur ansatzweise in erreichbarer Nähe wohnt, der sollte sich Berlin Skandalös auf gar keinen Fall entgehen lassen. Diese gekonnte und überzeugende Milieustudie verdient es, live auf der Bühne gesehen zu werden. Die Darsteller lassen einen in diesen gerade einmal 90 Minuten manchmal an Massen von Menschen auf der Bühne glauben, und am Ende stehen da nur 13 Darsteller:innen aufgereiht zum Schlussapplaus, Respekt! Es sind noch neun Termine bis April 2021 geplant, da wünscht man sich wirklich eine Zugabe.

Wir in der Redaktion sind jetzt schon voll der Vorfreude (Mission erfüllt) und sehr auf die Umsetzung von Cabaret gespannt. Aber Ihr könnt Euch auf uns verlassen, so wie wir versprochen haben den weiteren Weg von Carmen Danen zu verfolgen, so werden wir ungeduldig auf Cabaret warten und…?

Na klar: Berichten.

Frank Hebenstreit 

Theater Dortmund: Berlin Skandalös; Musikalische Leitung Christoph JK Müller, Satomi Nishi; Inszenierung Gil Mehmert; verschiedene Termine noch bis zum 18. April

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