Minister am Mast

Das Leben einer Ministerin oder eines Ministers kann sehr anspruchsvoll sein. Nicht jeder und jede sind dem gewachsen – Anne Spiegel war erst im April ein lebhaftes Beispiel dafür, wie sich Amt und Privatleben manches Mal nicht gerade gegenseitig befruchten. Wie Probleme im persönlichen Umfeld die Amtsführung mehr als nur ein wenig beeinflussen können.

Auch nur Menschen

Dabei sind Politikerinnen und Politiker auch nur Menschen. Valentino Kovačević ist Kulturminister Montenegros, zumindest in Stefan Boškovićs Roman Der Minister, der im Februar im eta Verlag erschien und von Elvira Veselinović aus dem Montenegrinischen ins Deutsche übertragen wurde. Und er ist der in so manche Mangel genommene, aber teils ebenfalls etwas unglücklich agierende Hauptcharakter in Boškovićs Geschichte.

Valentino ist mit einer Reihe von Problemen konfrontiert, die sich innerhalb von neun Tagen abspielen: Ein tödliches Unglück bei einer von ihm zumindest in Teilen verantworteten Theateraufführung (ein Gruß geht an Alec Baldwin), eine Reise nach Aserbaidschan mit einer gemeinsamen Delegation mit dem nicht allzu sympathischen Agrarminister, ein Vater, der sich rührselig um die demente Mutter kümmert, eine Exfrau, die Valentino als Journalistin das Leben zur Hölle macht und ein paar ungebetene Matrosen machen dem Kulturminister zu schaffen.

Wer bin ich?

Stefan Bošković, ähnlich wie Valentino in seinem Roman, scheint in Der Minister zumindest in Teilen ein paar Anleihen bei sich selbst zu nehmen: Auch er ist im Kulturbereich tätig, auch er arbeitet an der Fakultät für Darstellende Künste in Montenegro, nur Minister ist er (noch) nicht. Aber sein dramaturgisches und erzählerisches Talent stellt er in seinem ersten ins Deutsche übertragenen Roman in der Tat zur Schau. Neben der klassischen linearen Erzählung unterbricht Bošković seine Geschichte hin und wieder für manch einen Einschub, beispielsweise Tagebucheinträge, Interviews oder einen Artikel, der Valentino in der Luft zerreißt.

Als Leserin oder Leser können wir uns an vielen Stellen gut in die Figur Valentinos einfühlen, obwohl die wenigsten von uns mit dem Alltag von Spitzenpolitikerinnen und -politikern bis ins kleinste Detail vertraut sein dürften. Unabhängig von so manch bewusster Auslassung verfolgen wir Valentino und sein „Schicksal“ in diesen neun Tagen eng an seiner Seite. Manch eine noch aufzuarbeitende Geschichte erfahren wir erst im Lauf des Buchs, andere Katastrophen hingegen deuten sich teils schon frühzeitig an und kulminieren zwar nicht in einem actionreichen Showdown, sondern eher mit der Eleganz einer Gottesanbeterin nach dem Geschlechtsakt oder auf der Nahrungssuche.

Fiebern und trauern

Auch wenn uns das im Wesentlichen gut unterhält und vor allem (überwiegend schöne) wohlgezeichnete Bilder und eine plastische Gefühlswelt Valentinos in unserem Kopf hinterlässt, ist die ganze Geschichte von Der Minister am Ende leider doch ein wenig belanglos. Wir fiebern zwar mit Valentino, trauern und bemitleiden ihn, schlagen vielleicht hin und wieder die Hände über dem Kopf zusammen und haben manchmal auch ein schlechtes Gewissen. Aber jemand, der sein Land, seine Mitmenschen und seine Kultur bereits von Amts wegen kennen sollte, sollte auf gewisse Situationen vielleicht doch etwas besser vorbereitet sein.

Zumal – leider ist auch das an Boškovićs Roman ein wenig zu kritisieren – wirklich ein politischer Bezug oder ein „Mehrwert“, die Geschichte ins Politische zu verlagern, nicht unbedingt gegeben ist. Die Geschichte könnte mit Ausnahme weniger Stellen ebenfalls um einen Manager, der halbwegs in der Öffentlichkeit steht, kreisen oder einen anderen Celebrity, von dem ein wenig Führung erwartet wird. Ein wirklich politischer Roman ist Der Minister also nicht, selbst wenn es manchmal beißt und juckt.

Ein montenegrinischer Beitrag zur europäischen Kultur

Ansonsten aber bietet Stefan Boškovićs erster– und das übrigens sehr großartig – von Elvira Veselinović ins Deutsche übersetzte Roman eine gute und seichte Unterhaltung, die uns die vielfältige und doch in Teilen etwas andersartige Kultur und Literatur des Balkans gut näherbringt. Angesichts einer Reihe von anderen jungen Autorinnen und Autoren aus der Region – beispielsweise Rumena Buzarovska aus Nordmazedonien oder dem kosovarisch-stämmigen Pajtim Statovci – ist allein die Übertragung von Der Minister ins Deutsche eine wichtige Errungenschaft im interkulturellen Dialog.

Das literarische Netzwerk TRADUKI, das von mehreren europäischen Staaten gefördert wird, hat auch die Übersetzung und Veröffentlichung dieses Buchs in deutscher Sprache gefördert. Montenegro nämlich ist ein kleines Land an der Adria. Den wenigsten dürfte es wirklich geläufig sein, auch wenn es durchaus den einen oder anderen Reisebericht von dort gibt. Rein literarisch ist das Land allerdings kaum auf der Bildfläche anzutreffen. Umso erfreulicher ist es, dass Der Minister 2020 mit dem Literaturpreis der EU und 2021 mit dem CEI Award for Young Writers ausgezeichnet wurde. Auch wenn es uns also vielleicht nicht extrem begeistert hat, ist es eine gute Lektüre für alle, die sich ein wenig jenseits des literarischen Mainstreams umlesen wollen.

HMS

Stefan Bošković: Der Minister; Aus dem Montenegrinischen von Elvira Veselinović; März 2022; 202 Seiten; Hardcover; ISBN: 978-3-949-24909-9; eta Verlag; 19,90 €

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