Dunkles sexuelles Erwachen

Nicht erst seit gestern gehört der argentinische Filmemacher Marco Berger zum heißen Scheiß des (südamerikanischen) Queer Cinemas. Spätestens seit seinem Teddy Award für den Film Ausente im Jahr 2011 ist er auch in Deutschland vielen ein Begriff. Immer wieder thematisiert und inszeniert er in seinen Filmen mann-männliche Sexualität in einer macho-geprägten Welt (wie zuletzt in Der Blonde), sucht nach Wegen um die scheinbare Unmöglichkeit gleichgeschlechtlichen Begehrens herum (nicht selten ist einer der Protagonisten offiziell heterosexuell) und versucht seine Menschen aus ihrem emotionalen Kerker zu befreien.

Das erste Verliebtsein…

In seinem neuen und inzwischen sechsten Langfilm Young Hunter (im deutschen Verleih bei Salzgeber) verlässt er diese inhaltlichen Pfade ein wenig und wendet sich der erwachenden Sexualität des 15-jährigen Ezéquiel (Juan Pablo Cestaro) zu, nicht ohne die Geschichte um einigen Thrill und sehr greifbare Abgründe zu ergänzen. Der Schüler lebt in einem Vorort von Buenos Aires und versucht die regelmäßige Abwesenheit seiner wohlhabenden Eltern zu nutzen, um Jungs in seinem Alter aufzureißen (immerhin haben sie einen Pool, selbst wenn er noch kalt ist). Allerdings eher erfolglos. Das allerdings ändert sich, als er auf den etwas älteren und selbstsicheren Mono (Lautaro Rodríguez) trifft.

Ezéquiel (Juan Pablo Cestaro) und Mono (Lautaro Rodríguez) viben hart // © Salzgeber

Nach einigem Spaß und entstehenden Gefühlen will Mono Ezéquiel seinen Cousin Chino (Juan Barberini, End of the Century) vorstellen, der ein Haus in Buenos Aires hat. Von Beginn an liegt eine seltsame Anspannung in der Luft, auch als Chino die beiden allein lässt. Als Mono sich kurz nach der Rückkehr aus Buenos Aires nicht mehr bei Ezéquiel meldet, wächst in ihm Unsicherheit.

…und die dunklen Schatten

Young Hunter ist, neben den für Marco Berger üblichen, teils intensiven und hier schon manches Mal ein wenig zu plakativ-langen Blicken der Charaktere, nahezu durchgehend von einer unheimlich Spannung geprägt. Manche Momente muten gar gruselig an. Berger schafft es sehr gekonnt und prägnant, alles in der Schwebe zu halten, uns als Zuschauer:innen zu verunsichern, was hier kommen könnte, ob und wann die Handlung kippen wird.

Schauerlich // © Salzgeber

Das ist auch den zwei Jungdarstellern Juan Pablo Cestaro und Lautaro Rodríguez geschuldet. Ersterer trägt immer ein wenig mehrdeutigen Charme auf den Lippen, wirkt in der Tat nicht selten wie ein Jäger, wenn er beispielsweise den Skate-Park nach möglichen Sexpartnern absucht. Rodríguez vermittelt stärker den Eindruck eines Gewusst-Wie, wenn auch durch sein spezielles, beinahe glühendes Schmunzeln nicht selten Unsicherheit bricht.

Es ist auch diese Unsicherheit, die uns ahnen lässt, dass hier etwas folgt. Andererseits ist uns lange nicht ganz bewusst, welche Klarheit Ezéquiel womöglich bereits über sich selber besitzt. Eine Frage, die wir uns noch ausgeprägter stellen, als ein anderer, noch jüngerer Jugendlicher, Juan Ignazio (Patricio Rodriquez), im letzten Drittel des Films immer weiter in den Fokus rückt und die emotionale Komponente noch stärker betont wird.

Ezéquiel und Juan Ignazio (Patricio Rodriquez) // © Salzgeber

Kein leichter, aber ein sensibler Film

Unangenehm mutet hier einiges an, schwierige Themen werden aufgemacht und Young Hunter bleibt an vielen Stellen ambivalent. Von mancher Seite wurde er dafür kritisiert, dass er die Jungen allzu sehr exponiere. Dazu sei gesagt, dass Berger seinen voyeuristischen Blick in diesem Film stark zurückschraubt und uns keine übersexualisierten Teenager präsentiert, wie es in nicht wenigen US-Serien derzeit gang und gäbe ist und er schon gar keinen Film gedreht hat, der Spaß-Unterhaltung wäre.

Ezéquiel und Mono: Spiele, Triebe oder Liebe? // © Salzgeber

Young Hunter, der uns mit einem nicht ganz eindeutigen Ende zurücklässt, ist definitiv sehenswert, ein feines Liebesdrama, das auch zeigt, dass Sexualität nicht immer nur Sex sein muss und ein Thriller, der nicht wenigen zu viel zumuten dürfte. Für seinen nächsten Film allerdings darf Marco Berger den Stil seiner Inszenierung auch mal ein wenig ändern: Optisch und tonal wird’s zwischendurch doch mal etwas redundant und dadurch erschöpfend.

QR

Young Hunter (El cazador); Argentinien 2020; Regie & Drehbuch: Marco Berger; Musik: Pedro Irusta; Kamera: Mariano De Rosa; Darsteller: Juan Pablo Cestaro, Lautaro Rodríguez, Juan Barberini, Patricio Rodríguez; Laufzeit: ca. 100 Minuten; eine Produktion von Sombracine im Verleih von Salzgeber; spanische Originalfassung mit dt. Untertiteln, erhältlich auf DVD (ca. 15 €) und als VoD (Ausleihe & Kauf) bei verschiedenen Diensten und im Salzgeber Club

Unser Schaffen für the little queer review macht neben viel Freude auch viel Arbeit. Und es kostet uns wortwörtlich Geld, denn weder Hosting noch ein Großteil der Bildnutzung oder dieses neuländische Internet sind für umme. Von unserer Arbeitstzeit ganz zu schweigen. Wenn ihr uns also neben Ideen und Feedback gern noch anderweitig unterstützen möchtet, dann könnt ihr das hier via Paypal, via hier via Ko-Fi oder durch ein Steady-Abo tun. Vielen Dank!

About the author

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.