Filme machen ist Leben

François Ozon muss niemandem mehr beweisen, dass er ein hervorragender Regisseur und ausgezeichneter Geschichtenerzähler ist, beziehungsweise es vermag, Geschichten wunderbar zu interpretieren. Das konnten wir zuletzt in Sommer 85, der Romanadaption von Aidan Chambers’ Tanz auf meinem Grab, sehen. Jedem seiner Filme – auch jenen, die eher schneller vergessen werden dürften – ist dabei anzumerken, dass er kein kühler Routinier, sondern ein Regisseur mit Herzblut und Liebe zum Film und zum Kino ist.

Amir (Khalil Gharbia) und Peter von Kant // © Carole Bethuel_Foz / 2022 FOZ – France

Spannend ist es natürlich zu sehen und zu wissen, dass auch Regisseure wie Ozon nicht nur Menschen, sondern auch Fans sind. So bewundert Ozon das Enfant terrible des deutschen Films Rainer Werner Fassbinder. Bereits im Jahr 2000 setzte er Fassbinders erst drei Jahre nach dessen Tod uraufgeführtes Theaterstück Tropfen auf heiße Steine filmisch um, der Film wurde seinerzeit frenetisch rezipiert. 

„Fassbinders Werk, Philosophie und Vision der Welt haben mich immer verfolgt. Seine unglaublich kreative Energie fasziniert mich und bleibt beispielhaft für meine eigene Arbeitsweise.“

François Ozon im Presseheft zum Film

Kammerspiel mit 180-Grad-Drehung

Nun hat Ozon sich nach dem schwulen Drama Sommer 85 und dem Sterbehilfe-Film Alles ist gut gegangen erneut eines Stoffes von Fassbinder angenommen. Eines sehr viel bekannteren, ja wohl einem der bekanntesten, nämlich der bitteren Tränen von Petra von Kant um die erfolgreiche und herrische, titelgebende Modeschöpferin (Margit Carstensen), das Mannequin Karin Thimm (Hanna Schygulla), mit dem sie sich in eine Beziehung stürzt und ihre schweigsame, unterdrückte Sekretärin Marlene (Irm Hermann). 

François Ozon dreht das Kammerspiel auf den Kopf, verlagert die Geschichte von Bremen zunächst einmal nach Köln und statt lesbischer Frauen haben wir es im Eröffnungsfilm der 72. Berlinale Peter von Kant mit schwulen Männern zu tun; die Tränen mögen zwar im Titel fehlen, doch fließen sich reichlich bitter im Lauf des Films. Dieser startet nun am heutigen Donnerstag in den deutschen Kinos, nachdem er am 8. September das Queerfilmfestival eröffnete und für eine Woche in ausgewählten Kinos in Deutschland und Österreich zu sehen war.

„Karl! Champagne!“

Ozon folgt in seiner freien Adaption und Hommage der ursprünglichen Handlung recht genau, rafft allerdings so manche Stelle (was dem Film nicht immer guttut) und schafft eine Atmosphäre, mit der er sich nach eigener Aussage besser identifizieren konnte – Film statt Mode, Männer statt Frauen. So begegnen wir also Peter von Kant (kraftvoll und sehr körperlich: Denis Ménochet), einem einst bedeutenden Regisseur, dessen beste Schaffensphase nun wohl hinter ihm liegt. 

Peter von Kant und Sidonie (Isabelle Adjani) // © Carole Bethuel_Foz / 2022 FOZ – France

In seinem Kölner Atelier lebt er mit seinem schweigsamen Assistenten Karl (eine Entdeckung: Stefan Crépon), der die verschiedenen Stimmungen seines Arbeitgebers stoisch hinzunehmen scheint. Während von Kant trinkend, brüllend, lachend, tanzend auf der Suche nach der Finanzierung seines neuen Films ist, kommt ihn Schauspielerin Sidonie (wunderbar: Isabelle Adjani) besuchen. Einst entdeckte er sie, mittlerweile hat sie sich in Hollywood einen Namen gemacht. 

Durch seine vormalige Muse lernt er den so jungen wie schönen Schauspieler Amir (Khalil Gharbia) kennen, für den er sofort Feuer und Flamme ist. Amir wird Peters Objekt der Begierde und sein neuer Star. Doch es braucht nicht allzu lange und das Machtgefüge zwischen den beiden dreht sich um einige Grad…

Petra ist Peter ist Rainer Werner ist François

Unverkennbar orientiert sich Ozon in Peter von Kant nicht nur an Fassbinders vor 50 Jahren in die Kinos gekommenem Original sondern gar an Fassbinder selbst und erforscht sich dabei wiederum selbst. Das wird schon allein durch die eindeutigen Outfits, die Ménochets Peter von Kant trägt, deutlich. Das 70er-Jahre-Flair, das mal liebevolle, mal brüske Auftreten von Kants sowie dessen Alkohol– und Drogenkonsum – all das ist Fassbinder. Die mal berechnende, mal erschrockene Manipulation der Menschen um ihn herum ebenso. 

Außerdem gibt es da diese kolportierte Geschichte, dass Fassbinder den Schauspieler El Hedi ben Salem zufällig in einer Schwulensauna im Paris des Jahres 1971 getroffen haben und ihn zum Objekt seiner Begierde und Star des Film Angst essen Seele auf erkoren haben soll. Salem, von Fassbinder als „Kulturwunder“ bezeichnet, war wie auch Amir im Film zeitweilig der Lebensgefährte des Filmemachers; seinen letzten Film Querelle widmete Fassbinder 1982 der Freundschaft zum 1977 in einem französischen Gefängnis gestorbenen ben Salem. 

Energie statt Comedy auf dem Kammer-Boulevard

Zurück zu Peter von Kant: Ozon schafft also eine doppelte Hommage, streicht dabei manch einen gesellschaftskritischen Unterton, erzählt weniger intensiv die schleichende Veränderung im Machtgefüge und fokussiert sich stärker auf die gebrochenen Teile seiner Figuren. Er steigt schneller in die Handlung ein, konzentriert sich auf die tragikomische Energie von Kants, ohne dabei ins Fach der Komödie zu wechseln (etwas, das übrigens bei der Premiere am 8. September einige zu verwirren schien: sie wähnten sich wohl in einer Komödie und mussten im weiteren Verlauf schlucken…)

„Ich nutzte im Stil eine Theatralität, die französischer, fast boulevardesker ist. Einen Schuss Boulevard gibt es auch in Fassbinders Werk, aber dieser ist epischer, mehr wie bei Brecht, und mehr auf Distanz. Ich wollte die emotionale Kraft des Textes unterstreichen und die Menschlichkeit und Gefühle der Charaktere in den Vordergrund stellen, Fassbinders ‚kleines Marionettentheater‘ zu Gunsten von Figuren aus Fleisch und Blut verlassen.“

François Ozon im Presseheft zum Film

Durchaus ist der Film tragikomisch, eine Persiflage ist er dennoch nicht. Selbst in Momenten des Humors, der Ironie dürfte für emphatische Zuschauer*innen das Kaputte und Verletzliche in den Figuren merklich sein; etwas, das Ozon auch nie vorführt. Ebenso spielt keine*r der Beteiligten auf Comedy, sondern auf Energie.

Überzeugendes Schauspiel

Denis Ménochets Leistung haben wir bereits erwähnt und trotz aller Nähe zu Fassbinder, meinen wir dennoch nicht, hier eine Fassbinder-Biografie zu sehen, Peter von Kant bleibt immer auch eigenständige Figur. Khalil Gharbia gibt seinen Amir glaubwürdig als einen anfänglich schüchternen, aber nie unentschlossenen, angenehm narzisstischen Opportunisten. Fantastisch ist wie angedeutet Stefan Crépon als Karl, der nicht nur schweigend sondern beinahe lautlos durch dieses Atelier-Kammerspiel gleitet. Dabei ließ er sich unter anderem von Insekten inspirieren, wie er uns in einem Interview verriet

Hanna Schygulla als Peter von Kants (Denis Ménochet) Mutter Rosemarie // © Carole Bethuel_Foz / 2022 FOZ – France

Welch ein Fest es ist, dass wir Isabelle Adjani hier nicht nur als Diva spielend sondern auch „Jeder tötet, was er liebt“ singend erleben, muss wohl nicht betont werden. Hanna Schygulla als Peter von Kants Mutter Rosemarie zu erleben, ist ebenso wunderbar. Wie es zu ihrer Besetzung kam, erzählte uns François Ozon hier. Als Tochter von Kants glänzt in nur wenigen Momenten Aminthe Audiard, die sich perfekt in dieses Ensemble gebrochener Liebe fügt.

Spieglein, Spieglein an der Wand…

Dass Ozons Kameramann Manuel Dacosse unzählige Winkel findet, die all die Bilder und Spiegel, Glas- und glatten Oberflächen nicht nur als einen weiteren Handlungstreiber, sondern auch Spiegel der Figuren versinnbildlicht, garniert Ozons Inszenierung. Etwas, das kritisch anzumerken sein könnte, ist, dass Ozon es uns verweigert, eine Einordnung der Zeit, die vergeht vornehmen zu können. Ein wenig lässt sich das über wechselnde Jahreszeiten hinbekommen, meist sehen wir jedoch eher ins Innere des Raumes und der Handelnden als nach draußen.

© Carole Bethuel_Foz / 2022 FOZ – France

Definitiv solltet ihr für Peter von Kant nach draußen gehen und ihn im Kino sehen, da er seine Wirkung vollends bestens auf der großen Leinwand entfaltet (in unserem Gespräch erläutert François Ozon auch, warum er weiterhin nur Kinofilme machen möchte). Es mag nicht der beste Film Ozons sein, ist aber immer noch ein hervorragender Film.

AS

PS: Die Überschrift ist ebenfalls einem Statement von François Ozon entnommen: „Als ich mir dieses Ende [das Ende von Peter von Kant, Anm. d. Red.] ausdachte, musste ich auch an einen oft gehörten, kritischen Satz denken: ‚Du lebst nicht, du machst nur Filme.‘ Aber Filme machen ist Leben. Sogar intensiver leben!“

Peter von Kant; Frankreich, 2022; Regie und Drehbuch: François Ozon, nach Rainer Werner Fassbinders Stück und Film Die bitteren Tränen der Petra von Kant; Kamera: Manuel Dacosse; Musik: Clemens Ducol; Darsteller*innen: Denis Ménochet, Isabelle Adjani, Khalil Gharbia, Stefan Crépon, Hanna Schygulla, Aminthe Audiard; Laufzeit ca. 90 Minuten; ab 22. September 2022 im Kino

Unser Schaffen für the little queer review macht neben viel Freude auch viel Arbeit. Und es kostet uns wortwörtlich Geld, denn weder Hosting noch ein Großteil der Bildnutzung oder dieses neuländische Internet sind für umme. Von unserer Arbeitstzeit ganz zu schweigen. Wenn ihr uns also neben Ideen und Feedback gern noch anderweitig unterstützen möchtet, dann könnt ihr das hier via Paypal, via hier via Ko-Fi oder durch ein Steady-Abo tun – oder ihr schaut in unseren Shop. Vielen Dank!

Hier sehr ihr den Trailer zu Peter von Kant:

About the author

Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.