Biss dass Bewegtbild nicht mehr will

Keine Sorge, wir ergehen uns in den ersten Januartagen und -wochen nicht in ewigen Jahresrückblicken. Es darf aber an dieser Stelle angemerkt werden, dass 2022 ein interessantes und durchaus gutes Film– und Serien-Jahr gewesen ist, dies nicht nur, aber auch in queerer Hinsicht. Highlights wie Francois Ozons Peter von Kant, Rosa von Praunheims Rex Gildo, der Film Hearbeast der finnischen Regisseurin Aino Suni, die Dokumentationen F@ck this Job und Wie Gott uns schuf dürften noch ein wenig nachhallen. 

In Ruhe gemeinsam einsam sein in Lonesome // Foto: © Cinemien

Auch haben wir so manches  gesehen, zu dessen Besprechung wir noch gar nicht oder eben doch erst Anfang diesen Jahres kamen, wie Triangle of Sadness, der Honoré de Balzac-Literaturverfilmung Verlorene Illusionen oder der sechsten Staffel von Elité. Nun wollen wir aber einen ersten, sicherlich vollkommen unvollständigen Blick auf 2023 werfen. Also — ab geht’s.

Bissige Zeiten

Unbedingt zu empfehlen ist die Serien-Adaption von Anne Rice’s Interview mit einem Vampir, die mit Jacob Anderson (Grey Worm in Game of Thrones) als Louis de Point du Lac und Sam Reid (The Newsreader, demnächst auf arte) als Lestat de Lioncourt der ganzen Geschichte einiges an queerer Frische einhaucht, ohne die Vorlage zu verdrängen. Bis zu ihrem Tode im November 2021 fungierte Rice auch gemeinsam mit ihrem schwulen Sohn, dem Autoren Christopher Rice, als Produzentin.

Die sieben Folgen der ersten Staffel sind seit dem 6. Januar 2023 via Wow/Sky Ticket verfügbar und eine zweite Staffel ist — wie die Rente — sicher. Unsere ausführliche Besprechung findet ihr hier

Volles Programm mit der Pride Night

Filmisch gestartet sind wir bereits am 5. Januar mit dem einnehmenden Film Seitenspiel über die Affäre zweier schwuler Londoner Rugbyspieler. Autor und Regisseur Matt Carter zaubert hier einen beinahe perfekten Film auf die Leinwand. Warum nur beinahe, lest ihr in unserer Besprechung. 

Vor dem regulären Kinostart war Seitenspiel im Rahmen der noch recht jungen LGBTIQ*-Filmreihe Pride Night zu sehen, die einer Kooperation der Filmverleiher Cinemien und Pro-Fun Media sowie der Cineplex Gruppe entsprungen ist und jeden dritten Montag im Monat einen queeren Film in den Cineplex-Kinos auf die Leinwand bringt.

Am 16. Januar ist das Lonesome von Craig Boreham: Casey (Josh Lavery), ein junger Mann vom Land, der vor einem Kleinstadtskandal davonläuft, findet sich im großen Tumult von Sydney wieder. Als er Tib (Daniel Gabriel) trifft, einen jungen Stadtburschen, der mit seinen eigenen Narben der Isolation zu kämpfen hat, stimmt die Chemie sofort und das nicht nur sexuell, sondern auch emotional. In ihrer intimen Bindung finden die beiden unnahbaren jungen Männer plötzlich etwas, von dem sie bislang gar nicht wussten, dass es ihnen gefehlt hat.

Filmstill mit Omer und Bar aus Two // Foto: © Cinemien

Am 20. Februar Two der israelischen Regisseurin Astar Elkayam, der am 23. Februar regulär im Kino startet. Am 20. März die filmgewordene Version der achtteiligen spanischen Serie Veneno um die 2016 unter eher mysteriösen Umständen verstorbene Fernsehpersönlichkeit Cristina Ortiz Rodríguez aka La Veneno. Der Stoff behandelt intensiv den Alltag von Trans*frauen und einiges mehr — das Leben Rodríguez’ bietet dramatisches Soap-Potential; zu sehen ist die Serie via OUTtv. Shariff Nasrs El Houb — Lass die Liebe sprechen, in dem Karim (Fahd Larhzaoui) sich vor seiner niederländischmarokkanischen Familie outen will, aber auch erst einmal lernen muss, sich selbst zu akzeptieren, schließt die Reihe am 17. April vorerst ab. 

Die Besprechung zu den jeweiligen Titeln lest ihr bei uns natürlich jeweils vor der Pride Night

Queer die Filmnächte um die Ohren schlagen

Ebenso werden wir regelmäßig die diesjährigen Filme der Salzgeberqueerfilmnacht besprechen. Unsere Rezension zum Januar-Film Concerned Citizen von Idan Haguel findet ihr ebenso bereits in unserem Online-Magazin wie jene zum finnischen Film Girls Girls Girls von Alli Haapasalo, der im Februar zu sehen sein wird… 

War im Dezember 2022 in der Queerfilmnacht: Wildhood – mittlerweile als DVD & VoD erhältlich

…im März dürfte es mit Der Gymnasiast von Christophe Honoré ein weiteres Highlight geben. Als den 17-jährigen Lucas, der es kaum abwarten kann, endlich das Internat und die Provinz hinter sich zu lassen, um nach Paris zu ziehen, sehen wir Newcomer Paul Kircher. Dort lebt sein großer Bruder Quentin, der von Shooting Star Vincent Lacoste (Sorry Angel, Verlorene Illusionen) gespielt wird. Von dem geplanten Umzug soll Lucas auch sein erster Freund Oscar (Adrien Casse) nicht abhalten. Doch ein tragischer Unfall reißt Lucas‘ hoffnungsvollen Blick auf die Welt in Stücke. Weil selbst seine Mutter (huzzah: Juliette Binoche) ihn nicht trösten kann, macht er sich auf nach Paris, wo er eine Woche bei Quentin und dessen Mitbewohner Lilio (Erwan Kepoa Falé) wohnen wird. Es werden Tage, die alles verändern werden.

Aus Der Gymnasiast // © Jean Louis Fernandez/Salzgeber

Am Ende des queerfilmnacht-Monats März startet Der Gymnasiast auch regulär in unseren Kinos. Für uns ist der Film ein mögliches Jahres-Highlight — ihr werdet in Bälde lesen, ob dem so ist oder wir uns verschätzen.

Ebenso dürft ihr mit den Besprechungen mancher Klassiker-Filme rechnen, denn im April feiert Salzgeber den Monat der lesbischen Sichtbarkeit mit der Wiederaufführung von gleich vier Klassikern. Und zwar mit dem Originalfilm Mädchen in Uniform der österreichischungarischen Bühnen- und Filmregisseurin Leontine Sagan aus dem Jahr 1931; mit Die Jungfrauenmaschine aus dem Jahr 1988 von Monika Treut; außerdem Wenn die Nacht beginnt der Kanadierin Patricia Rozema aus dem Jahr 1995 sowie dem schwedischen Jugendfilm von Lukas Moodysson aus dem Jahr 1998 Raus aus Åmål.

Aus Die Jungfrauenmaschine von Monika Treut // Foto: © Salzgeber

Im Mai geht es mit einem österreichischen Liebesdrama unter Soldaten weiter, das auf wahren Begebenheiten beruht. Der Titel Eismayer dürfte da schon bei manchen Menschen aus dem DACH-Raum etwas klingeln lassen. Auch zu David Wagners Film gibt es unsere Besprechung beizeiten. [UPDATE, 29. Januar 2023: Auf dem 44. Filmfestival Max Ophüls Preis ist Eismayer mit zwei Preisen prämiert worden: Preis der Filmkritik – Bester Spielfilm und Publikumspreis Spielfilm.]

Wer bin ich und in welchem Körper?

Am 2. Februar geht es im regulären Kinoprogramm mit dem Gewinnertitel des Queer Lion Awards 2022 Aus meiner Haut von Alex Schaad weiter. In dem queeren Science-FictionMystery-Liebes-und-Selbstfindungsfilm tauschen Mala Emde als Leyla (Und morgen die ganze Welt, Tatort: Die Rache an der Welt), Jonas Dassler als Tristan (Der Goldene Handschuh, Das schweigende Klassenzimmer), Maryam Zaree (Legal Affairs) als Fabienne und Dimitrij Schaad als Mo (Die Känguru-Chroniken, Das Boot) die Körper. Etwas, das das Erleben vollkommen verändert und weitreichende Fragen zu Körperlichkeit, Sexualität und Identität aufwirft. Unsere Besprechung lest ihr zum Kinostart. 

Die Bros mit dem Vorschlaghammer

Zuvor ist am 11. Januar aber noch der vor und hinter der Kamera sehr queere beziehungsweise schwule Film Bros von Nicholas Stoller, der gemeinsam mit Billy Eichner auch das Drehbuch schrieb, auf DVD, BluRay und als Video-on-Demand erschienen. Eichner, der auch die Hauptrolle spielt, verkörpert den zynischen Podcast-Moderator und LGBTIQ*-Aktivisten Bobby Leiber, der ein Drehbuch für eine auch die Heten ansprechende Rom-Com schreiben soll. Ihm, der Beziehungen ablehnt, fällt das schwer. Weiter verwirrt ihn, dass er sich in den Anwalt Aaron (Luke Macfarlane, Single All the Way) verliebt. Beide sehen sich als beziehungsunfähig, wagen aber doch einen Versuch. Kann das gutgehen?

Aaron (Luke Macfarlane) und Bobby (Billy Eichner) in Bros // © 2022 Universal Studios. All Rights Reserved.

Da Bros sich bis auf ein durch und durch queeres Setting in Verlauf und auch durch teils peinliche Dialoge kaum von Rom-Com-Einheitsware unterscheidet, darf die gestellte Frage als rhetorisch angesehen werden. Unser Herausgeber Hans sowie einer unserer Autoren wollten den um die dreißig Minuten zu langen, inkonsistenten und oft auch flachen Film sehr gern mögen — es gelang ihnen jedoch nicht. 

Da halfen auch keine Neben- und Gastdarsteller wie Ts Madison, Bowen Yang, Guillermo Díaz, Jai Rodriguez, Dot-Marie Jones, Harvey Fierstein oder Debra Messing und Kristin Chenoweth als jeweils sie selbst. (Bowen Yang war im selben Jahr übrigens an Fire Island von Joel Kim Booster beteiligt, ebenfalls ein sehr schwuler Film vor und hinter den Kulissen und weit, weit besser — unsere Besprechung folgt.) Bros versucht zwar augenzwinkernd mit Klischees zu spielen, diese zu persiflieren, ist dabei aber immer mit dem Vorschlaghammer unterwegs. Zwischentöne und Nuancen suchen wir vergeblich. Das ist schade, ist das Ansinnen einen queeren Blockbuster zu schaffen doch ein Feines.

Obsessive Vergangenheit

Nicht minder abstrakt scheint es dem Trailer zufolge in dem nach fünfzehn Jahren Schaffenspause ersten Film von Todd Field zuzugehen, der auf den Internationalen Filmfestspielen Venedig 2022 neben der Goldenen Palme ebenfalls für den Queer Lion nominiert war: dem fiktionalen Musikdrama Tár mit Cate Blanchett in der Hauptrolle, die für diese den Coppa Volpi als beste Hauptdarstellerin aus Venedig mit nach Hause nehmen konnte und der gerade erst mit dem Golden Globe als Beste Schauspielerin (Drama) ausgezeichnet wurde. Ebenso ist der Film in diversen Kategorien (u. a. in den Kategorien Bester Film, Beste Regie und Beste Hauptdarstellerin) für den Oscar nominiert 

Cate Blanchett dirigiert sich als Lydia Tár in Todd Fields TÁR die Seele aus dem Leib // Foto: Courtesy of © 2022 Focus Features, LLC.

In dem fast dreistündigen Werk erzählt Fields die faszinierende Geschichte von Lydia Tár (Cate Blanchett), die als erste weibliche Chefdirigentin ein großes deutsches Orchester leitet. Die fiktive begnadete Dirigentin hat sich in der von Männern dominierten klassischen Musikszene durchgesetzt und befindet sich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Mit ihrem Orchester plant sie eine mit Spannung erwartete Einspielung von Gustav Mahlers Fünfter Sinfonie. Doch während der Proben gerät die Welt der Star-Dirigentin immer mehr ins Wanken: Nicht nur die Beziehung mit ihrer Konzertmeisterin (Nina Hoss, Yella) gestaltet sich zunehmend kompliziert, auch frühere Lebensentscheidungen, Anschuldigungen und ihre eigenen Obsessionen drohen sie einzuholen. In den darauffolgenden Wochen entgleitet ihr die Kontrolle über ihr eigenes Leben immer mehr…

Tár wird im Rahmen einer Sondervorführung auf der diesjährigen Berlinale zu sehen sein und startet am 23. Februar bundesweit in den Kinos. Wir freuen uns, ihn zu Kinostart für euch zu besprechen.

Klopfklopf, hier ist das Ende der Welt

Zuvor aber wird es unheimlich-gruselig im neuen Film von M. Night Shyamalan Knock at the Cabin. Nein, das ist nicht etwa ein Prequel zum herrlichen Meta-Horror The Cabin in the Woods, sondern die Geschichte eines schiefgelaufenen Familienausflugs (wer hätt’s gedacht?!). 

Daddy Andrew (Jonathan Groff) und Tochter Wen (Kristen Cui) in Knock at the Cabin // © Universal Studios

Eigentlich soll es eine Auszeit vom Alltag für die Familie von Eric (Ben Aldridge, Fleabag, Pennyworth), Andrew (Jonathan Groff, Looking, Mindhunter) und Adoptivtochter Wen (Newcomerin Kristen Cui) sein – der Urlaub in der abgeschieden gelegenen Holzhütte, abgeschnitten von der Außenwelt. Doch dann tauchen vier unheimliche Fremde, gespielt von Dave Bautista (Glass Union: A Knives Out Mystery), Nikki Amuka-Bird (Avenue 5, Verleugnung), Abby Quinn (Little Women) und Rupert Grint (Harry Potter, Servant, Guillermo del Toro’s Cabinet of Curiosities), auf und zwingen sie zu einer unmöglichen Entscheidung: Was – und wen – sind sie bereit zu opfern, um das Ende der Welt abzuwenden?

Der von M. Night Shyamalan, Steve Desmond und Michael Sherman geschriebene Film basiert auf dem Roman The Cabin at the End of the World (dt.: Das Haus am Ende der Welt) von Paul Tremblay, der u. a. mit dem Bram Stoker Award der Horror Writers Association ausgezeichnet und von Stephen King als „nervenzerreißend spannend“ gelobt worden ist. Der Trailer sieht vielversprechend aus (wir haben den ersten eingebunden, da der zweite uns doch recht viel preiszugeben scheint) und wir können es kaum abwarten, Knock at the Cabin für euch zu besprechen…

Ich lieb’ sie, ich lieb’ sie nicht, ich… 

…ebenso können wir kaum die zweite Staffel der queeren Dramedy Loving Her erwarten, die seit dem 8. November 2022 gedreht wird und hoffentlich nicht allzu lange auf sich warten lässt. (Schon aber gern so lange, dass es gut wird!). Nach Leonie Krippendorff in der tollen ersten Staffel führt in der von MadeFor Film GmbH für das ZDF produzierten neuen Staffel nun Eline Gehring Regie.

Loving her – Drehstart für Stalle zwei: Von links: Franzi (Lena Klenke), Hanna (Banafshe Hourmazdi), Isabel (Annick Duran Kandzior) // © ZDF/Marcus Glahn

Hanna (Banafshe Hourmazdi), mittlerweile Ende zwanzig, hat endgültig in Berlin Fuß gefasst. Sie arbeitet inzwischen beim Szenemagazin „Spice“ – eigentlich ein Traumjob, würde ihr Gen-Z-Boss Sammi (Neuzugang: Max Schimmelpfennig), sie nicht regelmäßig zur Verzweiflung treiben. Während sie sich mit den Dramen ihres eigenen Daseins herumschlägt, beobachtet Hanna das Leben ihrer Freunde und Ex-Liebschaften und fühlt sich immer mehr wie eine Außenseiterin. Sesshaft werden, eine Familie gründen, aufs Land ziehen? Davon ist sie meilenweit entfernt. Erst einmal bräuchte sie wieder eine Frau an ihrer Seite – oder in ihrem Bett. Und genau die tritt schneller als gedacht in Hannas Leben und wirbelt einiges durcheinander. Hanna muss lernen, erwachsen zu werden und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen – wird ihr das gelingen?

Wieder mit dabei sind u. a. Lena Klenke, Karin Hanczewski, Emma Drogunova und Leonard Kunz; neben oben genanntem Max Schimmelpfennig erweitern noch Robin Gooch und Justus Riesner den Cast. Die Drehbücher stammen erneut von Marlene Melchior als Headautorin und erstmals ebenso von Olivia Lauren Requat. Wir halten euch auf dem Laufenden!

Die Goldstein-Girls sind zurück: Lena (Sarah Bauerett), Elif (Jasmin Shakeri), Jo (Salka Weber) und Franzi (Llewellyn Reichman) und stehen am Brückengeländer mit „sauren Pommes“ in der Nase // © ZDF/Rebecca Meining

Ebenfalls bei ZDFneo (pünktlich zum Valentinstag am 14.2.2023) und in der ZDF-Mediathek (bereits am 10.2.2023) geht es mit der von Turbokultur produzierten Serie Deadlines um vier Freundinnen aus Frankfurt, die Goldstein-Gang, weiter. Die erste Staffel der Serie von Johannes Boss, der gemeinsam mit Nora Gantenbrink auch die Drehbücher schreibt, die von Annabella Bartsch und Barbara Ott inszeniert werden, war im Bereich Unterhaltung für den Grimme-Preis nominiert und hat uns nach den holprigen ersten drei Folgen doch noch richtig gecatcht. Es dürfte spannend werden — erfuhren wir doch, dass Jo (Salka Weber) mehr oder weniger heimlich in Elif (Jasmin Shakeri) verliebt ist und dass Lenas (Sarah Bauerett) Partner Marek (Markus „Maeckes“ Winter) seinen „Schmetterlingstag“ für Sex mit einem ehemaligen Schulfreund nutzte… Außerdem steht ein Tod ins Frankfurter Haus.

Nackte Rache über Berlin

Bereits abgedreht ist die erste Serie von Axel Ranisch, Nackt über Berlin, die dieser auf Grundlage seines gleichnamigen, tragikomischen Romans (unsere Besprechung folgt) mit Sönke Andresen schrieb. Die Ausstrahlung der sechs Folgen ist im Lauf des Jahres sowohl auf arte als auch einem ARD-Sender geplant. 

Jannik und Tai sind zwei Außenseitertypen, die man nicht so richtig ernst nimmt. Füreinander sind sie beste Freunde, hofft zumindest der gutmütige Klassik-Nerd Jannik, auch wenn er sich dieser Freundschaft nie so ganz sicher ist. Jedenfalls will er sie nicht dadurch gefährden, dass er Tai seine Verliebtheit gesteht. Als die beiden eines Nachts ihren sturzbetrunkenen Schuldirektor Jens Lamprecht auflesen und in seine Wohnung bringen, sperren sie ihn dort ein. Ein Scherz, natürlich. Aber dann lässt Tai den Direktor nicht wieder raus. Stattdessen nutzt er seine Technikkenntnisse, um Lamprechts Hightech-Wohnung komplett zu verwanzen. Lamprecht muss feststellen, dass er zu einem Gefangenen geworden ist, der von einer anonymen Instanz, die sich Gott nennt, totalüberwacht wird. Und Jannik registriert Tais grimmige Freude, Jens Lamprecht zu intimen Bekenntnissen zu zwingen. Ganz schön anstrengend, neben all dem auch noch das Alltagsleben zwischen Familie, Schule und kleinen Fluchten weiterzuführen. Je aufgelöster Lamprechts Zustand wird, desto größer wird Janniks Unbehagen. Als er dahinterkommt, dass Tai mehr weiß und die ganze Zeit einen Racheplan verfolgt, muss er über sich hinauswachsen, um Schlimmeres zu verhindern.

Für Nackt über Berlin ist die letzte Klappe gefallen // © arte/ARD

Lorenzo Germeno und Anh Khoa Tran spielen die beiden Jugendlichen, Thorsten Merten den Schuldirektor, den die beiden in seiner Wohnung festsetzen. In weiteren Rollen standen Christina Große, Devid Striesow, Alwara Höfels, Heiko Pinkowski, Sidney Fahlisch, Kathrin Angerer, Serafin Mishiev, Stephan Luca, Thandi Sebe und Leander Lesotho vor der Kamera von Dennis Pauls. „Nackt über Berlin“ wird von Studio.TV.Film für SWR und arte produziert. Ranisch, der nicht nur in Sebastian Goddemeiers Coming-Out-Band Rosa von Praunheim sein Idol nennt, inszenierte bereits so manchen Tatort und hat mit Ich fühl mich Disco und Alki Alki bereits zwei Kultfilme vorzuweisen. 

Spoiler Alert: Taschentuchverbrauch steigt

Ob die Buchverfilmung basierend auf Michael Ausiellos Spoiler Alert: The Hero Dies (dt. Titel wohl Spoiler Alarm) von Michael Showalter nach einem Drehbuch von David Marshall Grant und Dan Savage basierend auf dem Memoire von Michael Ausiello das Zeug zum Kultfilm hat, können wir voraussichtlich ab dem 4. Mai 2023 in den deutschen Kinos beurteilen. 

Foto der New York-Premiere am 29.11.2022 von Spoiler Alert; v. l. n .r.: Michael Showalter (Regisseur und Autor), Bill Erwin, Sally Field, Jim Parsons und Ben Aldridge // Foto: © Marion Curtis/StarPix for Focus Features

Mit Blick auf die Kritiken aus den USA, wo das Buch 2017 erschienen ist und der Film bereits im Dezember anlief, scheint es jedenfalls so. In der zugrunde liegenden Geschichte arbeitet Journalist und Autor Ausiello das Leben mit seinem 2015 an Krebs verstorbenen Ehemann Kit Cowan auf. In der Verfilmung wird dieser vom weiter oben bereits genannten Ben Aldridge gespielt, Ausiello wird von Jim Parsons (The Big Bang Theory, The Boys in the Band, Hollywood) verkörpert, der auch Produzent des Films ist. In weiteren Rollen sind Sally Field als Kits Mutter Marilyn, Bill Irwon, Queer-Eye-Star Antoni Porowski, Nikki M. James und Jeffery Self zu sehen. 

Der englischsprachige Trailer lässt uns auf jeden Fall auf einen augenblicklichen Klassiker und ein mögliches emotionales Jahreshighlight hoffen. Das Buch jedenfalls, das wir in Kürze besprechen, liefert eine so bodenständige wie ergreifende Vorlage.

Verklatschte Elite

Apropos Vorlage: Ebenso dürfte es 2023 mit der zweiten Staffel von Heartstopper weitergehen. Hier sind sowohl die Serie mit Kit Connor und Joe Locke in den Hauptrollen wie auch Alice Osemans Graphic Novels, auf denen diese basiert, zügig Kult geworden. Ebenso dürfen wir mutmaßen, dass die siebte Staffel von Élite genau wie eine vierte Season von Sex Education und die finale dritte von Young Royals in der zweiten Jahreshälfte an den Start gehen. Alles übrigens Netflix-Formate (die kürzlich 1899 nach nur einer Staffel abgesetzt haben; ob Darren Starrs Uncoupled mit Neil Patrick Harris in der Hauptrolle fortgesetzt wird, ist noch nicht bekannt gegeben worden).

Auch die zweite Staffel des Gossip Girl-Reboots dürfte mittelfristig bei uns zu sehen sein (die Besprechung des zweiten Teils der ersten folgt). Und zu guter Letzt: Am 2. April 2023 um 00:05 Uhr ist Christian Schäfers Trübe Wolken als Free-TV Premiere im Rahmen der Filmreihe ARD Debüt im Ersten zu sehen (und im Sommer freuen wir uns schon auf rbb– und BR Queer, dazu aber in einem halben Jahr mehr). Ebenfalls dürfte im Sommer die Verfilmung von Casey McQuistons Young-Adult-Romance-Novel Royal Blue an den Start gehen… Hoffen wir mal, dass sie besser ist als die Vorlage. Wir werden berichten!

Eure queer-reviewer (teilweise mit Pressematerial der Verleiher)

PS: Diverse Tatorte und Polizeirufe der letzten und kommenden Zeit hatten/haben mindestens einen queeren Subtext. Grandios war der bisher letzte Berliner Tatort mit einem famos aufspielenden Mark Waschke

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