Auf die eigene Kappe genommen

Einmal kurz nicht aufgepasst und schwupp, schon ist ein großes Unglück geschehen. Nein, es geht nicht um ungeschützten Geschlechtsverkehr (wobei Kondome immer noch wichtig und unersetzlich sind, um Geschlechtskrankheiten, HIV und Co. vorzubeugen), sondern um einen unachtsamen Moment im Straßenverkehr. Der nämlich erweist sich für Ben Dellien (Nicholas Reinke) als fatal und beschäftigt die Stuttgarter Tatort-Ermittler Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) in ihrem neuen Fall Der Mörder in mir.

Dellen bei Dellien

Der erfolgreiche Unternehmensjurist Dellien steht kurz vor einer Beförderung, als er in einer regnerischen Nacht einen Fahrradfahrer mit dem Auto umfährt. Dieser bleibt schwerverletzt im Straßengraben liegen, aber Dellien fährt nach kurzem Check weiter. Am nächsten Morgen ist der Fahrradfahrer tot, Dellien plagen Gewissensbisse.

In der regnerischen Nacht kämpft Foxy sich mit seinem Fahrrad die Solitude hinauf, als sich ein Wagen von hinten nähert // © SWR/Benoît Linder

Erst auf eigene Kappe, dann zusammen mit seiner Frau Johanna (Christina Hecke) versucht er seinen Fehler zu vertuschen und den Wagen sowohl mit Wasser als auch Feuer und weiteren Methoden zu reinigen, um nur alle Spuren zu verwischen. Aber Laura Rensing (Tatiana Nekrasov), deren Sohn mit Delliens Tochter zur Schule geht, die in der Waschstraße arbeitet, scheint etwas gemerkt zu haben.

Die großen Fragen

Wie also damit umgehen? Diese Frage stellt sich für die Delliens genauso, wie auch für das Ermittlerduo Lannert und Bootz. Begleitet von kritischem Rationalismus stellen sich die beteiligten Seiten manch tiefe, manch nicht so tiefe Frage, viele jedoch greifen moralische Fragestellung auf. Wie weit darf ich gehen, um ein von mir begangenes Unrecht zu vertuschen? Wem ist geholfen, wenn ein bislang unbescholtener Bürger wegen weniger Sekunden Unachtsamkeit ins Gefängnis muss? Dem Opfer? Dessen nicht gerade sympathischer Familie? Der Familie des Täters? Der sozial schlechter gestellten Frau, die eher zufällig in die Sache gezogen wird?

Laura (Tatjana Nekrasov) macht sich ihre Gedanken und könnte womöglich eins und eins zusammenzählen. Aber sie möchte auf keinen Fall in etwas hineingezogen werden // © SWR/Benoît Linder

Oder ist es manchmal vielleicht einfach besser, Gras über so manche Angelegenheit wachsen zu lassen? Andererseits: Was wären denn die Regeln, die wir uns im freiheitlichen Rechtsstaat gegeben haben, wert, wenn wir sie aus Gründen, die mit der eigentlichen Tat nichts zu tun haben – persönliche Umstände der betroffenen Personen beispielsweise – auf eine Einhaltung verzichteten? Wer würde sich denn dann noch an diese Regeln halten? Es kann ja alles aus persönlichen Gründen erklärt werden. Was ist denn dann noch gerecht?

Moralische Konflikte

Solche Fragen und Grenzgänge und noch viel mehr bietet der Tatort: Der Mörder in mir zuhauf. Das Drehbuch von Niki Stein, der gleichzeitig auch Regie führte, erzählt dabei eine Geschichte, die uns Zuschauerinnen und Zuschauer immer wieder in so manch moralische Konflikte stürzt.

Richy Müller, Felix Klare, Nicolas Reinke, Tatjana Nekrasov und Christina Hecke spielen in der Regie von Niki Stein Dreharbeiten in Stuttgart zum Tatort – Der Mörder in mir: Regisseur Niki Stein (2.v.l.) mit Kameramann Stefan Sommer und den Darstellern (v.r.n.l.) Nicholas Reinke, Richy Müller, Tatiana Nekrasov, Felix Klare und Pina Kühr // © SWR/Benoît Linder

Auch an den handelnden Personen geht das nicht spurlos vorüber. Während die beiden Ermittler mehr oder weniger sorgfältig ihrer Arbeit nachgehen, ist jedoch besonders bei den Delliens diese Frage der sich immer weiter verschiebenden Grenzen des moralisch Vertretbaren sehr schön zu beobachten. Zwar ist die Frage, ob manch ein Schritt nicht vielleicht zu weit geht oder zu offensichtlich auf Vertuschung hinweist – die ARD-Serie Euer Ehren lässt grüßen, auch dort gleitet ein zwielichtiger Jurist immer mehr auf Abwege, stellt sich aber teils auch selten dämlich an.

(An-)Getrieben

Gleichzeitig wird aber auch die Frage des Wegsehens und der Komplizenschaft immer wieder aufgeworfen, wie sich besonders in der Figur von Laura Rensing zeigt. Überhaupt zeigen sich gerade die Frauen in diesem Tatort sehr erpicht darauf, Delliens Tat im Dunkeln zu belassen, während der Fahrer selbst immer hilfloser wirkt und mehr zum Getriebenen seines Umfelds wird.

Johanna (Christina Hecke) macht ihrem Mann Ben (Nicholas Reinke) klar, dass er schon zu weit gegangen ist. Jetzt kann er nicht mehr zurück // © SWR/Benoît Linder

All diese Facetten des Themas „Schuld“ werden den handelnden Akteuren wunderbar und nachvollziehbar dargestellt und die Auflösung des Falls passt am Ende auch sehr gut zu der Grauzone, deren Fragen Der Mörder in mir zu ergründen sucht. Für den Sonntagabend bietet der Krimi somit gute Unterhaltung, auch wenn es sich wohl um einen der Tatorte handelt, der uns in zwei Jahren nicht mehr unbedingt in Erinnerung sein dürfte.

HMS

PS: Top-Ermittler beim Kombinieren: „Sie ist mit Wehen ins Krankenhaus gebracht worden.“ – „Ist sie schwanger?“ 

Thorsten Lannert (Richy Müller, re.) und Sebastian Bootz (Felix Klare) müssen einen Fall von Fahrerflucht mit Todesfolge aufklären // © SWR/Benoît Linder

Tatort: Der Mörder in mir läuft am 11. September 2022 um 20:15 Uhr im Ersten, um 21:45 Uhr auf one und ist anschließend für sechs Monate in der ARD-Mediathek verfügbar.

Tatort: Der Mörder in mir; Deutschland 2022; Buch und Regie: Niki Stein; Kamera: Stefan Sommer; Musik: Jacki Engelken; Darsteller*innen: Richy Müller, Felix Klare, Nicholas Reinke, Tatiana Nekrasov, Christina Hecke, Jürgen Hartmann, Julia Dorothee Brunsch, Pina Kühr, Ulrich Cyran, Celina Rongen; Laufzeit ca. 88 Minuten

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