Grantiger glauben und zweifeln

Beitragsbild: Kommissarin Bibi Fellner (Adele Neuhauser), ihr Kollege Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Günther Dambusch (Roland Düringer) // © ARD Degeto/ORF/Film 27/Hubert Mican

Fangen wir mal ein wenig polemisch an: Lassen sich noch spannende Filme, Serien und Dokumentation über die Katholische Kirche machen, die in ihrem Fokus nicht den sexuellen Missbrauch und die so genannte Sexualmoral der Institution haben? In der Tat, wie wir im aktuellen Tatort feststellen können. In Das Tor zur Hölle sehen Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) sich mit scheinbar übernatürlichen Phänomenen und ganz geerdetem Wahnsinn konfrontiert.

Ein bunter Strauß Abseitiger

Alles beginnt, mensch ahnt es wohl, mit einer Leiche: Der katholische Priester Manfred Gabler wird übel zugerichtet am Fuße einer Treppe gefunden; bei ihm entdecken Fellner und Eisner ein Amulett mit dem Satanssymbol bei sich. Wie sich zügig und doch verhalten rausstellt, war der Prälat im so bezeichneten Befreiungsdienst unterwegs – den meisten Zuschauer*innen wohl als Exorzismus bekannt.

Wilfried Schüssler (Markus Schleinzer) und Kaplan Raimund (Lukas Watzl) // © ARD Degeto/ORF/Film 27/Hubert Mican

Im Laufe ihrer Ermittelungen stoßen die Zwei auf einen etwas verschrobenen Therapeuten namens August Sittsam (Sven Eric Bechtolf), der die zu Exorzierenden betreut hat, die wunderliche Wissenschaftlerin Tea Berkovic (Angela Gregovic), die unter anderem das titelgebende Tor zur Hölle sucht, den eigenen Kaplan Raimund (Hello, Again, Lukas Watzl), die unzuverläsig besessene Nathalie (Maresie Riegner) und den kuriosen Ex-Zuhälter mit Hang zum Okkulten, Günther Dambusch (sehr unterhaltsam: Roland Düringer).

Vergangenheit und Zigaretten

Dass Letztgenannter natürlich mal wieder eine Figur aus Bibi Fellners Vergangenheit ist und diese sich irgendwie in den Fall zu drängen beginnt, genau wie auch düstere Kindheitserinnerungen der Majorin, überrascht wohl nicht. Und dann spukt es noch: Bilder fallen von Wänden, der Strom fällt aus, seltsame Zeichen finden sich an den Wohnungstüren des Duos und Dambusch löscht seine Kippe im Espresso.

Kommissarin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und ihr Kollege Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) sprechen mit Tea Berkovic (Angela Gregovic) und August Sittsam (Sven Eric Bechtolf) // © ARD Degeto/ORF/Film 27/Hubert Mican

In der Tat muss gesagt werden, dass, wenn auch die Krimihandlung und die Gruselelemente hier nicht immer so Hand in Hand gehen, wie beispielsweise in dem Dresdner-Tatort: Parasomnia, die Stimmung durchaus effektiv ist und sich an nicht wenigen Stellen Gänsehaut bilden dürfte. Immer wieder aufgelockert wird das durch einen sehr skeptischen und irgendwann grantig-genervten Moritz Eisner, der sich dann erstmal mit barocken Tönen beruhigen möchte.

Bisschen crazy, sehr unterhaltsam

Natürlich finden wir hier auch wieder reichlich Erklärdialoge, die uns vermitteln, was dieser „Exorzismus“ eigentlich ist oder ob jeder Glaube an mögliche übernatürliche Ereignisse gleich närrisch macht. Apropos närrisch: Die Gestalten, mit denen unser Wiener-Ermittlungsteam sich hier rumschlagen muss, sind schon eine besondere Kategorie von abseitig.

Bibi Fellner (Adele Neuhauser) spricht mit Nathalie (Maresi Riegner) // © ARD Degeto/ORF/Film 27/Hubert Mican

Etwas, das das Drehbuch von Thomas Roth, der auch Regie führte, wunderbar einzubinden weiß. Abstrus ja, vollkommen lächerlich nein. Das weiß durchaus zu unterhalten und schafft neben gruseligen Momenten auch einen sehr schmunzelreichen Zeitvertreib, der von Martin Gschlacht (Hochwald, Little Joe) dabei noch fein abgefilmt wurde.

AS

Spooky! // © ARD Degeto/ORF/Film 27/Hubert Mican

PS: Ohne die kommenden Wochen spoilern zu wollen, aber auch im nächsten Furtwängler-Tatort wie auch dem sozialverträglichen Kölner-Team werden wir auf kräftig misshandelte Tote treffen. Neuer Staffeltrend?

Tatort: Das Tör zur Hölle läuft am Sonntag, 2. Oktober 2022, um 20:15 Uhr im Ersten und ist anschließend bis zum 1. November 2022 in der ARD-Mediathek verfügbar.

Tatort: Das Tor zur Hölle; Österreich 2022; Buch und Regie: Thomas Roth; Kamera: Martin Gschlacht; Musik: Lothar Scherpe; Darsteller*innen: Harald Krassnitzer, Adele Neuhauser, Hubert Kramar, Günther Franzmeier, Roland Düringer, Sven Eric Bechtolf, Angela Gregovic, Maresi Riegner, Markus Schleinzer, Lukas Watzl, Tino Sekay; Laufzeit: 88 Minuten; Eine Produktion des ORF, hergestellt von FILM27 Multimedia Produktions GmbH – ein Lizenzerwerb der ARD Degeto für die ARD

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