„Ich habe nicht das Gefühl, auf einen Sockel gehoben zu werden“

Kürzlich stellten wir euch Jonathan Berlin in unserer 5 Fragen an…—Reihe vor und erwähnten darin auch die Miniserie Das weiße Haus am Rhein, in der Berlin die Hauptfigur Emil Dreesen verkörpert. Die Geschichte orientiert sich an der Familie Dreesen und dem Rheinhotel Dreesen mit Blick auf den Drachenfels.

Anlässlich der Serie und seiner Rolle in dieser konnten wir ein ausführliches Interview mit Jonathan Berlin führen, in dem wir natürlich nicht umhinkommen neben dieser auch über sein gesellschaftspolitisches Engagement und #ActOut zu sprechen. 

„Die Kemmerich-Wahl hat mich wütend gemacht“

the little queer review: Die Serie ist ein recht große Reise in die Vergangenheit in ein beziehungsweise gleich zwei sehr sensible Kapitel deutscher Geschichte. Wie ist es denn, sich als ein Enkel der Nachkriegsgeneration in so eine Rolle hineinzuversetzen?

Jonathan Berlin: Es ist auf jeden Fall immer wieder etwas sehr Spannendes. Man muss, oder ich möchte, vor allem auch gut recherchieren, um diese Zeit zu kennen. Denke aber auch, dass man als Schauspieler die Konflikte aus Situationen ziehen kann, die einem heute näher sind. Da denke ich dann schon auch an Situationen wie beispielsweise den Fall Kemmerich, bei dem ich mich auch noch gut dran erinnern kann, wie wütend mich das gemacht hat, als da die AfD in Thüringen plötzlich zum Königsmacher wurde.

Das sind Konflikte, die auch gerade bei Emil immer wieder zum Tragen kommen. Aber auf jeden Fall ist es eine Zeitreise und eine herausfordernde. Auch weil wir beide Teile nicht chronologisch gedreht haben und so immer wieder in der Zeit gesprungen sind. Da muss man sich schon auch konzentrieren, um den Überblick zu behalten.

the little queer review: Wo Du Kemmerich ansprichst: Emil entscheidet sich ja irgendwann auch für den gar nicht mal so sinnbildlichen Handschlag mit dem Teufel, natürlich alles für die Familie, dennoch ist es historisch und moralisch gesehen ja eindeutig die falsche Entscheidung…

„Da geht er einen Pakt mit dem Teufel ein“

Jonathan Berlin: Absolut! Ich glaube die Figur zeigt da einmal mehr, wie fatal es ist, wenn man in repressiven Systemen nicht in jeglicher Hinsicht klare Kante zeigt. Was wir ja auch in den letzten Wochen und Monaten erleben, allein wenn es um Gas- und Ölhandel geht, wie schnell man dann doch wieder zum Unterstützer solcher Systeme wird. 

Jonathan Berlin fotografiert von Jakob Fliedner

Auch Emil entscheidet sich letztlich aus wirtschaftlichen Überlebensgründen diesen Schritt zu machen, auch weil er einfach nicht glaubt, dass es so schlimm werden würde. Das ist natürlich eine fatale und tragische Entscheidung und ja, da geht er einen Pakt mit dem Teufel ein.

the little queer review: Du hast in Das weiße Haus am Rhein durchaus so manche Szene, die Dir sicherlich einiges abverlangt. Es geht manchmal sehr blutig, sehr wuchtig, sehr körperlich zu – gab es da eine Sache, wo Du dachtest: Oh, das war ein erstes Mal!

Jonathan Berlin: Hmm… also gerade schon bei intimen Szenen, geht es schon immer darum, dass man sich genau abspricht; dass man auch sehr, sehr sensibel miteinander umgeht. Das ist total entscheidend. Ich bin auch großer Fan von Intimacy Coordinators am Set, die hatten wir hier jetzt nicht, aber es wird ja immer mehr gemacht und das ist wichtig. 

Was ich so in der Form noch nicht hatte, war eine Figur, die emotional so krass aufgeladen war, dass ich da echt genau gucken musste, wie dosiere ich schauspielerisch was, dass das also nicht zu groß wird und die Figur nicht von einem Drama ins andere schlittert.

„Wir wollten die Türen öffnen“

the little queer review: Das gelingt Dir ja durchweg sehr gut. Wobei die zwei Teile durchaus nicht wenige Soap-Elemente in sich tragen und es ordentlich emotionales Drama gibt. Das tragt ihr allerdings nahezu alle schauspielerisch auf einem hohen Niveau. Das erinnert ein wenig ans Oktoberfest 1900.

Nun mal in die etwas jüngere Vergangenheit: Du warst damals auch Teil der #ActOut-Aktion in der Süddeutschen Zeitung. Wenn ich mich recht entsinne, sprachst Du damals davon, mehr Utopie zu wagen. Hast Du denn den Eindruck, dass sich, seitdem die Aktion so öffentlichkeitswirksam stattgefunden hat, die Dinge zum Besseren gewandelt hätten? Dass da mehr Aufmerksamkeit, mehr Bewusstsein da ist?

Jonathan Berlin: Ja, doch, das Gefühl hab ich schon. Ich denke, was die Ängste von Kolleg*innen in Bezug auf ein Coming-Out angeht, also auch für jene, die diesen Schritt nach #ActOut für sich gegangen sind. Und ich hab schon auch das Gefühl, dass in Sendern – in manchen mehr, in manchen weniger – die Diskussion geführt und auch eingefordert wird und dass davor immer weniger zurückschrecken. Auch was beispielsweise einzelne Drehbücher angeht, dass da sehr viel direkter gesagt wird, das und das finden wir so nicht vertretbar. 

Das kriege ich schon mit. Natürlich erlebt das auch jeder unterschiedlich und es kommt immer darauf an, was die eigene Geschichte ist. Wir wollten ja quasi die Türen etwas öffnen und ich glaube schon, dass da was aufgegangen ist. Man ist in jedem Fall noch inmitten des Prozesses, noch nirgendwo angelegt, aber ich glaube der Prozess ist gestartet.

Jonathan Berlin als Det in Der Passfälscher // © DREIFILM

the little queer review: Hast Du den Eindruck, dass, nachdem Du Teil des Ganzen gewesen bist oder ja auch noch bist, und auch an großen Interviews teilgenommen hattest, man Dich anders behandelt? Auf einen Schild oder Sockel oder so hebt? Nach dem Motto: „Den können wir nehmen, das zeigt allen, dass wir’s ernst meinen!“

Jonathan Berlin: Das hab ich tatsächlich nicht so sehr so erlebt, also auch im Rahmen von Besetzungsprozessen. Auch vor #ActOut hab ich schon immer mal queere Rollen angeboten bekommen und freu mich da auch immer, wenn was kommt. Aber letztlich ist es bei jeder Figur, ungeachtet von deren sexueller Orientierung und/oder Identität, so, dass ich schaue, ob ich die gut finde. 

Da gibt es immer wieder Figuren, die ich einfach nur oberflächlich finde und nur weil Queerness erzählt wird, heißt es ja noch lange nicht, dass es fortschrittlich sein muss. Das Gefühl, auf einen Sockel gehoben zu werden, hatte ich auf jeden Fall nicht, nein.

„Eine feine, kleine, queere Liebesgeschichte“

the little queer review: Wenn Du Dir eine Rolle wünschen dürftest, egal ob queer oder nicht, von der Du sagst, die würde ich gerne zeichnen, der würde ich gern Profil geben – was wär das, wie könnte die aussehen?

Jonathan Berlin: Puh, das ist schwer zu sagen. Meistens ist es ja so, wenn das Buch kommt und die Rolle ist wirklich toll, dass man dann sagt: „Boah, das würd’ ich jetzt wirklich gern machen.“ Aber ich glaube ich hätte zur Zeit wahnsinnig Lust so einen Independent-Kinofilm und dabei eine ganz feine, kleine, queere Liebesgeschichte zu erzählen. Darauf hätte ich tatsächlich sehr, sehr Lust. 

Wenn ich so an Call Me By Your Name oder Porträt einer jungen Frau in Flammen denke, das sind so Erzählweisen und auch stilistische Herangehensweisen, die es in Deutschland tatsächlich nur sehr wenig gibt. Sowas, wo es einfach nur um eine feine Geschichte zwischen zwei Menschen geht, das wär schön. 

the little queer review: Quasi etwas, das sich Zeit nimmt, die zwei oder drei Figuren und deren Geschichten zu erzählen. Vielleicht wird’s da ja bald mal Möglichkeiten geben.

Jonathan Berlin: Ich hoff’ es, ja. 

the little queer review: Dann vielen Dank für Deine Zeit, hat mich gefreut, lieber Jonathan.

Jonathan Berlin: Mich auch, mach’s gut. 

Das weiße Haus am Rhein ist noch bis zum 3. Januar 2023 in der ARD-Mediathek abrufbar. Seit heute läuft die Verfilmung der Memoiren von Cioma Schönhaus, Der Passfälscher, im Kino, in dem Jonathan Berlin Det, den besten Freund vom von Louis Hofmann verkörperten Schönhaus, spielt. 

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