In all euren Farben

Der Pride Month liegt in seinen letzten Zügen, aber eigentlich auch nur so halb – schließlich ist der Beginn des wohlgemerkt ersten offiziellen Berliner Pride Month beispielsweise erst am 28. Juni (dem Tag des Stonewall-Aufstands) und läuft bis zum Sonntag nach der diesjährigen CSD-Parade am 23. Juli. Überhaupt sprechen wir hier lieber von der Pride Saison, insbesondere wenn wir bedenken, dass nicht nur auch im Juli und August Christopher Street Day-Paraden sind, sondern die letzte gar er im November in Herleshausen stattfindet.

Show bitte nur bei Artists

Dass sich in dieser Pride-Zeit die meisten Unternehmen wie ihre Arbeitnehmer*innen quasi in Gleitzeit „bunt“ auf die Fahnen schreiben, solche gern hissen und vor allem ihre Produkte entsprechend durchfärben – dies wird mal mehr, mal weniger kritisch betrachtet. Auch mit dem Blick darauf, wie divers und regenbogenfarbig dieses von September bis Mai so ist.

DJ U-GO-BOY und Cassy Carrington im Video zu ihrer True Colors-Neuinterpretation // Bild: © Cassy Carrington/Conny Beißler

Ähnliches gilt auch für Musik. Hier ist es nun wunderbarerweise so, dass immer mehr Musikschaffende selbstverständlich und selbstbewusst queere Musik machen, selber queer sind und erst recht keinen aufoktroyierten Konzepte zur Veröffentlichung ihrer Musik folgen. In dieser Woche sind nun zwei ganz besonders tolle und sehr unterschiedliche Tracks veröffentlicht worden, die wir euch kurz vorstellen wollen. Im Anschluss gibt’s noch zwei, drei weitere Hörtipps. 

Bunt, divers und stolz

Den Anfang macht die von uns so geschätzte wie jedes Mal die Erwartungshaltung unterlaufende Drag Queen Cassy Carrington gemeinsam mit dem DJ U-GO-BOY und einer empowernden Neuinterpretation des Cyndi Lauper Klassikers „True Colors“. Dies wiederum markiert nicht die erste Zusammenarbeit der beiden musikalischen Wundertüten. Im Februar veröffentlichten sie eine Remix-Version von Cassys Selflove-(und-Köln-Kalk-)Hymne „Bei mir“.

Wenn die zwei von einer sommerlichen und positiven Version des Melancholie-Klassikers sprechen, mag sich zuerst ein wenig Skepsis in Herz und Hirn breitmachen wollen. Diese wird aber nicht nur durch die poppigen Bilder (gedreht wurde im Supercandy! Pop-Up Museum in Köln) des Musikvideos (Regie: Cassy Carrington und Conny Beißler, die auch wie gewohnt die Kamera führte) schnell verdrängt, sondern auch durch die zwar eigene, aber doch sehr respektvolle Interpretation von Cassy Carrington und DJ, Remixer und Produzent U-GO-BOY.

Dass mittendrin immer wieder Bilder queerer Menschen und Paare eingeblendet werden und das Video mit der Aufforderung, mensch selbst, bunt und vor allem STOLZ zu sein, schließt, rundet die Nummer ab. Vor allem ist sie bei diesen selbstverständlich queeren Menschen authentisch und wirkt nicht wie der verzweifelte Schrei nach Aufmerksamkeit hinein in eine durchaus aufmerksame Community.

Rollenklischees aushebeln

Ganz andere Töne schlägt der 28-jährige französische Künstler Luc Bruyère alias Lucky Love in seiner Single – „Masculinity“ – an, die nach „Paradise“ und „Love“ als mittlerweile dritter Vorbote seines 2023 kommenden Albums und einer noch in diesem Jahr zu erwartenden EP gelten darf. In dem Song geht es klangsicher und im Musikvideo (inszeniert von Jordan Cardoso, u. a. Videos für Charlie Puth, Lolo Zouai und filmisch umgesetzt von Christopher Ripley, u. a. Videos für Kendrick Lamar, Billie Eilish) optisch eindrücklich um toxische Männlichkeit.

Lucky Love – Masculinity Cover

Dass „Männlichkeit“ im Sinne von Verhaltensweisen und in ihren Ausprägungen eher ein soziales, sowohl durch historische als auch politische Einflüsse geprägtes Konstrukt und eben nichts biologisch Vorgegebenes ist, daran haben wir uns bei the little queer review schon des Öfteren abgearbeitet. Lucky Love nimmt sich dieses Themas an und untermalt mit Song und Video die Haltung, dass Männlichkeit ohne Weiblichkeit nicht existieren könne.

Der Song ist eine Mischung aus kritischer Behandlung und einem Überschwang, der die Absurdität so genannter klassischer Rollenbilder aufzeigt und diese aushebelt. Dabei klingt Lucky Love so kraftvoll, wie es im Musikvideo vor Selbstvertrauen strotzend im Tanz zugeht. Look und Sound wirken wie eine Mischung von Perfume Genius, The Irrepressibles, Billie Eilish und Loïc Nottet, allerdings mitnichten wie eine Kopie und dennoch mögen wohlwollend Assoziationen entstehen.

Selbstverständliche Fluidität

Trotz diverser Kniffe und Stilmittel, ist „Masculinity“ eine eingängig flüssige Nummer, die wir sehr gern mehrmals und intensiver hören mögen. In diesem Fließenden ließe sich auch das Fluide der Geschlechter wiederfinden, die Selbstverständlichkeit, dass wir sowohl den maskulinen wie auch femininen Seiten in uns Raum und Leben bieten sollten (etwas, das übrigens auch Drag Queen Candy Crash in Das perfekte Promi-Dinner – Pride Special, das heute Abend auf VOX läuft, sagt).

Luc Bruyère, der sich, selber Teil der queeren Community, auch für diese engagiert, lebte übrigens sechs Jahre in Berlin-Neukölln, eine Zeit, die ihn sowohl menschlich als auch musikalisch besonders geprägt habe. Berlin sei für ihn eine Stadt, in der Kreative besonders frei und sie selbst sein könnten, und in der man Respekt erhält – egal wie man aussehe. Wenn so etwas ein Model sagt, das mit nur einem Arm zur Welt kam und das bereits für Saint Laurent und Vivienne Westwood arbeitete und ebenso Teil der Zalando-Kampagne „Here to Stay“ war, hat dies schon einen besonderen Klang.

Die Herzensfamilie ist alles

Apropos besonderer Klang: Soeben erschien die Deluxe Edition für Ku’damm 56 – Das Musical, die nicht nur für Hardcore-Fans, sondern auch für Liebhaber*innen von Stimmenvielfalt von Interesse sein dürfte. So begegnen wir hier neben AnNa R., Marcella Rockefeller und Lucy Diakovska unter anderem noch Maite Kelly, Ross Anthony, The Baseballs oder der wunderbaren Barbara Schöneberger (so lief hier auch endlich mal wieder ihr herrliches „Jetzt singt sie auch noch…!“-Album).

Zu guter Letzt wollen wir euch noch auf die neue Single „One Life“ von SEDA aus München aufmerksam machen, die ebenfalls von einem sehr feinen Musikvideo begleitet wird. Im eingängigen Song und dem minimalistischen Video geht es darum, uns selbst nicht für andere aufzugeben, unser Sein nicht an den Erwartungshaltungen anderer auszurichten und um den Wert freigewählter Beziehungen und von uns selbst auserkorenen Familienkonstellationen.

Der türkische Name SEDA bedeutet treffenderweise in etwa „Stimme“ und in der Tat beeindruckt SEDA nicht nur in der Key-Single „One Life“ mit eben der ausdrucksstarken Stimme, sondern auch auf dem Debütalbum „Somewhere in Between“, das am Freitag veröffentlicht wurde. Eine ausführlichere Besprechung des Albums folgt in der kommenden Zeit. 

Selbstredend findet ihr die genannten Songs genau wie viele andere auch in unserer Spotify-QUEER-SOUNDS-Playlist.

Eure queer-reviewer 

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