„Diese verdammte Verbalscheiße“

„In meinem Inneren war alles klar und deutlich, ich wusste bloß nicht, wie ich es nach außen transportieren sollte.“ So wie es Hannah Gadsby in „Frauenarbeit“, dem neunten von zehn Schritten in Richtung Nanette, geht, geht es auch mir in Bezug auf die Besprechung des nahezu gleichnamigen Buches der in Tasmanien geborenen Comedienne, die sich im Epilog, der das Buch einleitet, als „nicht-solvente, autistische, australische, genderqueere Person mit Vagina, mit einem nicht gerade vogelgleichen Körperbau“ beschreibt. 

„Scham ist nie Teil einer ausgewogenen Ernährung“

Das mit dem nicht-solvent habe sich zwar geändert, wie Gadsby anmerkt, der Rest nicht und eine Geschichte von einer Underdog, die sich empowered und ungeahnte Kräfte in sich weckt, ist die ihre auch nicht, darauf weist sie öfter im Verlauf der gut 450 Seiten starken Doppel-Autobiografie hin. 

„Wieso Doppel“, fragt ihr? Nun, weil es zum einen die Geschichte Hannah Gadsbys erzählt und diese ist nunmal mittlerweile unweigerlich mit ihrer, wie sie es nennt, monstergewordenen Show epischen Ausmaßes Nanette verknüpft und auch die Biografie dieser Show wird hier erzählt. Etwas, worauf der vollständige Buchtitel, Zehn Schritte Richtung Nanette. Meine kleine Geschichte., dezent hinzuweisen vermag. 

Dezent hingegen geht’s in Hannah Gadsbys gerade im Rowohlt Verlag erschienen Buch hingegen nicht immer zu. Wie sollte es auch? Jene, die ihr Nanette-Programm kennen, dürften wissen, worauf sie sich mit diesem Buch einlassen, andere hingegen womöglich nicht. Doch gibt Gadsby gleich in der Einleitung an, dass sie ganz ernsthaft alle Triggerwarnungen setze: Von Körperverletzung über Körperbildstörungen und psychische Herausforderungen bis hin zu Vergewaltigung und Suizidgedanken. 

„Karteikarten der Reaktionsmöglichkeiten“

Hier beginnt auch der eingangs erwähnte „Konflikt“, den ich in Bezug auf die Besprechung habe. Denn geriete sie nun allzu deskriptiv, würde die Wirkung der Lebensgeschichte, des Buches und die Quintessenz des Ganzen deutlich geschmälert; ganz gleich, ob die geneigten Leser*innen sich schon einmal näher mit Hannah Gadsby beschäftigt haben sollten oder nicht. Insofern soll versucht werden, eher ein Gefühl beim Lesen statt vorrangig das Buch zu beschreiben.

Ganz ohne Background kommt so eine Rezension aber auch nicht aus, also bitteschön: Wie erwähnt, schreibt Gadsby, wenn wir so wollen, auf – mindestens – zwei Ebenen. Natürlich berichtet sie ausführlich über ihr Aufwachsen als jüngstes von fünf Kindern in einer eher armen Familie in Smithton, einer kleinen von Landwirtschaft geprägten Stadt auf der Insel Tasmanien. Dabei begegnen wir abstrusen und anrührenden, wütend machenden und heiteren Geschichten, manches Mal kommt alles zusammen.

Denn natürlich ist und bleibt Gadsby Comedienne und so wird manch tragische Geschichte von einem trockenen Halbsatz, einer lakonischen Anmerkung begleitet. Was in den zehn Schritten also auch zehn Hauptkapiteln, des durchaus üppigen Werkes jedoch nicht dazu führt, dass wir als Lesende Dinge auf die leichte Schulter nähmen oder das Gefühl entwickeln würden, dass für Gadsby rückblickend alles Spiel und Spaß gewesen sei.

„Den Weg der aktiven Entmutigung“

Im ersten Schritt geht Gadsby dabei ausführlich auf die Rezeption und Wirkung von Nanette ein, beschreibt was dies auch mit ihr und ihrer Kunst machte – drum ist der Beginn auch der Epilog. Von dort an arbeiten wir uns gemeinsam mit ihr nach und nach zur Premiere und später Aufzeichnung der Show für Netflix im Sydney Opera House hin vor und zurück.

So wie auch Gadsbys Leben lange Zeit ein ein wenig Vor und viel Zurück war, verlaufen auch die Zehn Schritte Richtung Nanette nicht gerade stromlinienförmig oder, wie sie im vierten Schritt, „Die wilden Jahre“, schreibt: „Durch ein Leben, das von Traumata geprägt ist, führt einfach keine gerade Linie.“ Dem wird wohl niemand zu widersprechen versuchen (schon gar nicht während einer ihrer Shows…).

Dies überträgt sich selbstverständlich auf uns Lesende; das Buch ist eine wilde Gefühlskarambolage, die von kräftigem Lachen zu heftigem Schlucken und verstörtem Innehalten innerhalb von nicht einmal anderthalb Sätzen knallen kann. Das dürfte natürlich genau dem Effekt entsprechen, den Gadsby sich ausgemalt hat und jenen von uns, die eben nicht in ihrem Kopf leben, ein Gefühl dafür vermitteln, wie es in diesem aussehen mag.

„Mein Gehirn, das nie so gern stillhielt wie mein Körper“

Etwas, das sie auch an diversen Stellen und besonders eindrücklich im sechsten Schritt, „Wirbel, gelegt“, beschreibt:

„Stellt euch mal vor, ihr steht im Orchestergraben und könnt weder die Arme bewegen noch die Noten sehen, trotzdem dirigiert ihr euch einen Wolf, obwohl die Oboe einen auf Acker Bilk macht, um das Waldhorn zu übertönen, die Streicher zwanzig verschiedene Tempi spielen, während die Pauken einfach mal LSD eingeworfen und einen Trommelkreis geformt haben. Habt das mal im Kopf und macht dann einen Termin zur Zahnkontrolle.“ 

Hannah Gadsby, Zehn Schritt Richtung Nanette, S. 328

Sehr bildlich, sehr nachvollziehbar. Wie sie es überhaupt schafft, uns ihre Kämpfe, ihren Schmerz und ihre Herangehensweise damals wie heute sehr konkret und bei allem Unsinn der Realität auch verständlich zu vermitteln. Gerade für Personen, die weder mit Autismus und seinen Begleiterscheinungen noch anderen psychischen Herausforderungen konfrontiert sind, dürfte das Buch an mancher Stelle ein herb-humoriger Wegweiser, eine Einführung mit Schmackes sein.

„Sicherheit ist keine Pistole“

Ergänzend zu ihrer persönlichen Geschichte (selbstredend auch, wie sie zur Comedy kam, wie erste Shows liefen, begleitet von fortwährendem Body Shaming, ihr Prozess das Lesbischsein anzunehmen, das Coming-out, etc.) und im gewissen Rahmen auch der ihrer Familie und vor allem der Mutter (wobei Gadsby darauf besteht, dass all dies eben ihre Sicht sei und es sicherlich anders aussähe, würde ihre Mutter vom Leben erzählen) bringt sie auch viele andere Themen unter. Sie befasst sich nämlich nicht zu knapp mit der kolonialistischen Geschichte Australiens und vor allem Tasmaniens, weiß trotz aller Schwierigkeiten um ihre Privilegien als weiße Person und wird als Kunsthistorikerin und Mensch nicht müde, das Narrativ abendländischer Kultur zu kritisieren:

„Die abendländische Kultur fußt auf der beschissenen und nachweislich falschen Annahme, dass «weiße Männer» die Krone der Schöpfung darstellen. Vor diesem Hintergrund ist Geschichte nichts weiter als ein verklärtes Stimmungstagebuch für weiße Männer. Dabei ist Kunstgeschichte nicht nur sexistisch und rassistisch, sie hat außerdem das Narrativ queerer Körper komplett umgeschrieben, und mit umgeschrieben meine ich ausgelöscht.“

Hannah Gadsby, Zehn Schritt Richtung Nanette, S. 397

Darüber hinaus erinnert sie im dritten und längsten Schritt, „Die prägenden Jahre“, an die Low- und Highlights der Jahre 1988 bis 1998, wie etwa das Hubble-Teleskop, den Beginn des Golfkriegs, den Kinostart von Priscilla – Königin der Wüste, Lady Dis Tod und die Premiere der Teletubbies im australischen Fernsehen (wo es Jahre zuvor einen Gevatter-Tod-Spot gab, vollkommen absurd, das lasst ihr euch aber besser von Hannah erläutern). So leitet sie die jeweiligen Jahre ein, um anschließend jeweils „ihr“ Jahr zu erzählen.

„Halt! Zeit für historische Homophobie!“

In diesem Teil verknüpft Gadsby die Erzählungen eng mit dem Kampf um Rechte für homosexuelle Menschen in Tasmanien, das lange und zwar nicht völlig zu Unrecht, aber auch nicht ausschließlich verdientermaßen, als mega-homofeindliche Enklave Australiens galt (so merkt Gadsby etwa an, dass einige der homophobsten und menschenfeindlichsten Politiker ursprünglich vom Festland kamen; na Bayern, klingelt was?!).

Zwar sei sie 1978 geboren und damit natürlich noch zu jung gewesen, um aktiv zu verstehen, was dort vor sich ging, doch gerade im Rückblick ist es eine beachtenswerte Geschichte, die sich um die Abschaffung von gelebter und praktizierter Homosexualität unter Strafe stellende Paragrafen dreht. Angeleitet von der 1988 von einer Gruppe von Jurastudent*innen geformten Tasmanian Gay and Lesbian Rights Group (TGLRG), natürlich begleitet von Protesten, die vor diesen widerlichen und pädophilen Gesellen mit ihrer Schwulenpest warnten, allen voran die Homophobic Activists Liberation Organisation oder kurz: HALO (aka Heiligenschein, oy vey).

Diese Teile sind beeindruckend und zeigen einmal mehr, wie rückständig westliche Kultur eben auch sein kann, wenn sie religiös und nicht zuletzt populistisch verbrämt eigentliche gesellschaftliche Probleme zu kaschieren sucht. Es ist immer leicht, ohnehin marginalisierte Gruppen zu Tätergruppen zu machen, die gegen das Leben und für den Verfall desselben und aller Werte stehen. Auch das macht Hannah Gadsbys geschichtsträchtige Autobiografie mehr als deutlich.

Natürlich kommt sie auch auf die „geheime, teure, nicht obligatorische, unverbindliche“ Volksabstimmung zur Öffnung der Ehe zu sprechen, in deren Umfeld es teils wieder die gleichen Akteur*innen und hasserfüllten Ressentiments gewesen seien wie schon zwanzig Jahre zuvor. Etwas, das sie psychisch und physisch auslaugte – ein ewiger Kampf gegen die immer gleichen Windmühlen. Wenn sie hier am Ende auch besiegt werden konnten.

„Das ‚Eat Pray Love‘ der queeren autistischen Frau“

In diesem Sinne half Nanette Hannah Gadsby schließlich auch „die lähmendsten Begleiterscheinungen meiner Traumata“ zu nehmen, wie es auch die viel zu späte Diagnose ihrer Autismus-Spektrum-Störung tat, die vieles zu erklären vermochte, das sich für Gadsby, ihre Familie und später Partnerinnen nie so recht zu fügen schien. Dabei nimmt sie uns mit, haut öfter einen raus, vergisst aber nie ihr mögliches Publikum – kaum ein Schlag kommt ohne Kontext, außer jene, die sie selber bis heute nicht versteht.

Dass die Lektüre von Zehn Schritte Richtung Nanette in einer so schlagkräftigen wie, wenn nötig, sensiblen Übersetzung von Ulrike Brauns dabei bei allem emotionalen Auf und Ab so unterhaltsam und fesselnd wie überwältigend und lehrreich ist, dürfte auch jene weiterlesen lassen, die hier möglicherweise manchen Triggermoment erleben (mir jedenfalls ging es augenscheinlich so) und das passt, denn auch Gadsby überwand ihre immer wieder, gar dann, wenn sie sich auf der Bühne beispielsweise durch ihren eigenen Vergewaltigungswitz selber triggerte.

Diese so weitgreifende wie kurzweilige Lebens- und Showgeschichte voller Anekdoten, historischer Exkursionen, Patriarchatsbashing, Erschütterungen, Schreckmomente, Aufrichtigkeit, Hinweise auf psychologische Fallstricke und ohne dämliche Klischees (naja, fast) sei euch, liebe Leser*innen, unbedingt ans Herz gelegt. Ganz gleich, ob ihr bereits einen Bezug zu Hannah Gadsby und ihrer Nanette habt oder nicht: Zehn Schritte Richtung Nanette wird eine der besten Autobiografien und so viel darüber hinaus sein, die ihr jemals gelesen haben werdet. 

„Ich habe mich nie an dem orientiert, was andere Leute in mir sehen. Ich trage ein ziemlich umfangreiches Universum in mir. Nichts in mir ist gegendert. Nichts. Ich liebe, wer ich bin. Der Schmerz beginnt erst auf der anderen Seite meiner Hauthülle. Aber ich verhandle nicht mehr. Ich bin stolz, queer zu sein.“

Hannah Gadsby, Zehn Schritt Richtung Nanette, S. 399

AS

PS: Auf Seite 357 geht es um einen Axtmörder und auch wenn das am Ende weniger witzig sein wird, als es zuerst klingt, amüsierte sich auch Hannah Gadsby darüber, denn die Morde fanden in einem Ort namens Penguin statt. „PENGUIN-POLIZEI AUF SUCHE NACH MORDWAFFE“ so die Schlagzeile und das „reichte, schon wandelte sich in meinem Kopf das schreckliche Verbrechen in eine großartige Folge von CSI Antarktis“, schreibt Gadsby und wir lachen mit. Dem Verlag muss es auch gefallen haben, denn der exakt gleiche Absatz taucht zwei Mal auf.

PPS: Hier ist ist Hannah Gadsby im Gespräch mit Stephen Colbert zum Buch, ihrem Eheleben und einem gebrochenen Bein in Island (und Teil 2/2).

Hannah Gadsby: Zehn Schritte Richtung Nanette. Meine kleine Geschichte.; Aus dem Englischen von Ulrike Brauns; Juni 2022; 448 Seiten; Paperback, Klappenbroschur; ISBN: 978-3-499-00031-7; Rowohlt Polaris; 18,00 €

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