Selbstbehauptung als Lebens- und Karrierekompetenz – und Aktivismus 

Diskriminierung: Gefühl oder Tatbestand?“, so lautet eine Frage in Form einer Zwischenüberschrift in Andersrum in die Chefetage von Kommunikationstrainer Matthias Herzberg. Ist die ernst gemeint? Geht die Antwort gar auf das von Heten immer wieder gern genutzte: „Habt euch mal nicht so!“ hinaus? Eher weniger, erläutert Herzberg in diesem Abschnitten doch die Regeln des Allgemeinen Gleichstellungsgesetzes (AGG).

Dass diese Überschrift zum Kapitel „Diskriminiert, gemobbt und kaltgestellt. Die ganz normale Homophobie in deutschen Büros“ gehört, beantwortet die Frage überdies auch recht deutlich. Und doch weist Herzberg, der als Trainer auch reichlich Erfahrung mit Führungskräften und Hierarchien hat, darauf hin, wie viele Missverständnisse es in Bezug auf das AGG noch immer gibt und wie häufig selbst bei strafrechtlich relevanter Diskriminierung ein man(n) solle sich doch nicht so haben, eben doch noch Usus ist.

„Und zack, da war es passiert“

Aufrechter Autor: Matthias Herzberg // Foto © Picture People

In zehn Kapiteln widmet sich Matthias Herzberg im im Bastei Lübbe Verlag erschienenen Buch mit dem Untertitel Queer Karriere machen in der Männerwirtschaft einer breiten Palette an Problemstellungen und Erfahrungswerten. Er, der seine berufliche Laufbahn als Sozialpädagoge an einer Justizvollzugsanstalt (JVA) begann, verknüpft dabei biografische Momente und Erlebnisse, den daraus resultierenden Erkenntnisgewinn, Ergebnisse von Untersuchungen und Studien, Beobachtungen und Geschichten vom nur selten diskriminierungsfreien Arbeitsalltag queerer beziehungsweise schwuler Männer. Das schafft in zehn Kapiteln nicht nur einen starken Überblick, sondern bietet eben so viel Raum für Hinweise und Tipps des Coaches – nicht nur für Menschen aus der LGBTIQ*-Community.

Herzbergs eigene Biografie weist dabei eine… nennen wir es mal beachtliche Vielseitigkeit an nicht unbedingt positiven Erfahrungen (wie einem Zwangsouting im AStA einer katholischen Hochschule und einem eher komplexen Missverhältnis zwischen ihm und seiner Mutter) auf, die jedoch nicht selten in der Unwissenheit und Ignoranz des jeweiligen Gegenübers begründet sind. Was mitnichten eine Entschuldigung ist, zeigt es doch auf, dass bewusste und/oder internalisierte Homofeindlichkeit und -phobie nicht das einzige Problem sind, mit dem wir uns konfrontiert sehen.

„Die Würde des queeren Menschen ist nicht unantastbar“

Nicht dass es dieser sowohl im Leben des schreibenden Trainers und der von ihm befragten Personen mangeln würde, nein, sicher nicht. Hinzu kommen „heterosexuelle Heckenschützen“, die womöglich gar kein Problem mit der sexuellen – und geschlechtlichen – Identität von Kolleg*innen haben, aber diese und mögliche Aversionen auf höheren Etagen eben doch nutzen, um sie im internen Konkurrenzkampf aus dem Weg zu räumen.

Ein Punkt, dem wir mit „Du“ angesprochene Leser*innen darüber hinaus immer wieder begegnen, ist, dass es nicht selten eine persönliche Abneigung gegen alles Nicht-Heteronormative, Nicht-Binäre einer Person ist, die das ganze Umfeld, eine ganze Abteilung, einen ganzen Unternehmenszweig oder gar ein ganzes Unternehmen prägen kann. „Sie sind es auch, die aus dem persönlichen, psychologisch bedingten Problem ein systemisches, gruppendynamisches machen“, schreibt Herzberg auf Seite 79.

„Don’t ask, don’t tell“?

Etwas, das sicherlich nicht dadurch besser werde, dass viele schwule Manager „ab einer bestimmten Position in der Unternehmenshierarchie eine Art identitäre Amnesie“ erlitten, wie Matthias Herzberg es pointiert formuliert. Sidenote: Ohne Boshaftigkeit setzt er viele kleine Spitzen und piekst auch in so mancher Wunde rum. Beispielsweise Stichwort: Thomas Sattelberger.

Somit fehlte lange Zeit etwas Wesentliches, das sich nun erst nach und nach einstelle: Nicht-heterosexuelle Vorbilder in oberen Hierarchieebenen der Unternehmen. Oft spiele es dabei keine Rolle, ob die Unternehmen generell bunt und ernsthaft divers wären, queere Netzwerke bestünden (apropos Netzwerke: natürlich kommt Herzberg auch auf die Wirtschaftsweiber, die LGBTIQ*-Karrieremesse Sticks & Stones und den Diversity-Index der Uhlala Group von Stuart Cameron zu sprechen) und eine offene Unternehmenskultur herrsche – ab einem gewissen Punkt, gibt es sie eben noch, diese panzergläserne Decke, durch die zumindest viele Loud-Out-&-Proud-Queers eben doch nicht zu stoßen vermögen.

„Täter suchen Opfer, keine Gegner“

Andersrum in die Chefetage ist jedoch alles andere als eine Anklageschrift, kein J’accuse gegen homofeindliche Nicht-Immer-Altherren, sondern ein Buch, das Missstände zwar anspricht, sich aber nicht in Bezichtigungen suhlt, sondern lieber nach praktikablen und falls nötig juristisch durchsetzbaren Lösungsansätzen sucht. Dabei immer zwischen Bestandsaufnahme, einem erklärenden Buch und Ratgeber sowohl für Karriere als auch Leben (was sich gerade für marginalisierte Gruppen im mehrfachen Sinn schnell überschneidet).

Gefühlig wird er dabei ebensowenig, wie er die Mitleidstrillerpfeife auspackt. Viel eher verfährt Herzberg nach dem Schema: Lieber anpacken, als verkriechen. Sicherlich sei es sinnvoll, sich die Kämpfe auszusuchen und eben nicht über jedes Stöckchen zu springen. Doch abwarten, warnen, dokumentieren, dann handeln, das ist nun sicherlich kein Pendant zum Rückzug. Oder anders: 

„Wir können nicht immer nett und unauffällig bleiben“

So entlässt er „uns“, wenn wir es dann einmal geschafft haben auch nicht einfach in die stressige Gemütlichkeit eines (ohnehin immer seltener werdenden) Eckbüros, sondern fordert im Kapitel „Plötzlich Vorbild“ ein, dass im Rahmen eines „Inklusionsabdrucks“ auch Verantwortung für den „Klimawandel“ im Unternehmen übernommen wird. Das Kapitel leitet er übrigens damit ein, dass er zur „großen Verunsicherung mancher Menschen, die mich neu kennenlernen“ nicht ganz dem Klischee entspreche, das viele von schwulen Männern hätten.

Damit kommt er – womöglich unbewusst – auf das größte oder gar einzige wesentliche Manko des Buches zurück. Denn auch wenn er Sattelberger und manch andere dafür kritisiert, dass sie zu sehr für die Anpassung schwuler Menschen an heteronormative Lebenswelten stehen, trennt auch Herzberg selber ab und an zwischen den Zeilen, manches Mal aber auch etwas deutlicher augenscheinlich zwischen „diesen“ und „jenen“ Schwulen und nimmt hier eine Abstufung vor. Das hat einen dezent faden Beigeschmack, in diesem ansonsten so bunten wie wichtigen Buch. 

„Top down oder bottom up? Beides!“

Andersrum in die Chefetage bleibt dessen unbenommen also eine unbedingte Empfehlung, allein schon weil es mit 300 Seiten auf vergleichsweise knappem Raum unzählige Felder beschreitet, so dass sich ein*e Jede*r nicht nur einmal wiederfinden und gehört fühlen dürfte (etwa auch, wenn es darum geht, warum das Gefühl eines Verrats bei einem späten Coming Out am Arbeitsplatz für mehr Verstimmungen sorgen könnte, als die sexuelle Identität also solche).

Wenn Matthias Herzberg im letzten „Hinter dem Regenbogen“ genannten Kapitel zu einer „neuen Emanzipationsbewegung“ anstiften will, dabei – wie öfter im Buch – auf die Kosten-Nutzen-Rechnung einer inklusiven und fortschrittlichen Unternehmenskultur verweist, uns zum Mitmachen und Hinsehen auffordert (kein Aufrechnen gegen andere gute Zwecke etwa) und jede*n in die Verantwortung nimmt, gehen wir mit dem Gefühl, dass Veränderung tatsächlich möglich ist, aus der Lektüre.

Einer Lektüre im Übrigen, die nicht nur für „uns“ aus der LGBTIQ*-Community geschrieben und lesenswert ist, sondern einer, die sich nicht erst am Ende direkt an potenzielle „straight allies“ wendet, sondern generell für viele nicht queere Menschen ein Buch sein dürfte, das manch eine Frage beantwortet, Unsicherheiten ausräumt und den Blick weitet. In diesem sollte Matthias Herzbergs Andersrum in die Chefetage weithin gelesen werden.

AS

Das Beitragsbild zeigt im Hintergrund Bauten des Architekten Frank O. Gehry am Medienhafen Düsseldorf.

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Matthias Herzberg: Andersrum in die Chefetage. Queer Karriere machen in der Männerwirtschaft; März 2022; 304 Seiten; Paperback Klappenbroschur; ISBN: 978-3-431-05028-8; Bastei Lübbe Verlag; 16,99 €; auch als eBook und Hörbuch (gelesen von Marcel Mann) erhältlich

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