Die „marginalisierte Mehrheit“ sucht ihre Stimme

Ein Kommentar in der „Nürnberger Zeitung“ beklagt, dass „Normalos“ dafür aufzukommen hätten, dass die LGBTQ*-Community im Ampel-Koalitionsvertrag mal nicht am ausgestreckten Arm verhungert zurückgelassen wird. Wir haben ein paar Gedanken dazu. Ein Kommentar.

Die Ampel-Koalition zwischen SPD, Bündnis 90/Die Grünen und der FDP steht, der 177-seitige Koalitionsvertrag liegt selbstredend ebenfalls vor und, kaum erstaunlich, es finden sich in ihm Positionen, Ziele und Vorhaben aller drei Parteien. Dass das Programm der neuen Regierung nun nicht vorhat den Status Quo zu zementieren oder gar gesellschaftlichen Fortschritt rückabzuwickeln, dürfte ebenfalls nicht überraschen.

„Viel Gewese im ‚queeres Leben‘“

Aber wohl doch manch einen schockieren. So jedenfalls liest sich der Kommentar eines Redakteurs der Nürnberger Zeitung, Florian Heider, schreibt er dort doch etwa:

„Gerade die Grünen haben für die eigene Klientel richtig viel herausgehandelt: legales Kiffen, allerlei ‚Diversity‘-Pflichten, viel Gewese um ‚queeres Leben‘ und ‚Regenbogenfamilien‘. Wer ein anderes Geschlecht haben oder den ungeborenen Nachwuchs nicht haben will, kann sich freuen: Die Kosten der dafür nötigen Eingriffe trägt künftig die Allgemeinheit über die Beiträge zur Krankenversicherung. Außerdem im Angebot: deutlich mehr Migration samt massivem Familiennachzug, einige soziale Wohltaten und natürlich Klima, Klima, Klima.

Bei der Lektüre des Ampel-Programms wird klar: für ‚Normalbürger‘ ist nicht viel drin. Wer einer regulären Beschäftigung nachgeht, keiner Randgruppe angehört und vielleicht gar in einer unbunten Vater-Mutter-Kind(er)-Familie lebt, hat wenig zu erwarten. Es stellt sich die Frage: Hat die künftige Regierung die „Normalos“ überhaupt auf dem Radar? Ja: Die Kosten für den linken Gesellschaftsumbau und die ungeordnete ‚Alles-fürs-Klima‘-Politik dürfen sie freilich schon tragen.

Sobald die CDU ihre neue Spitze gekürt hat, könnte sich die Union leicht zur Stimme der plötzlich marginalisierten Mehrheit aufschwingen. Der mutmaßliche neue Chef Friedrich Merz wird die Attacke auf die Mittelschicht ins Zentrum der Oppositionsarbeit stellen.“

Blinder Wuteifer führt zu Unterkomplexität

Über die Argumente für „legales Kiffen“ wollen wir uns hier nun nicht lange auslassen; dass eines davon die gleichwohl zu erwartende bessere Kontrollmöglichkeit ist, scheint jedenfalls außenvorgelassen worden zu sein, es hätte ja auch den Fluss der Schimpftirade empfindlich gestört. 

Also zum Gewese um „‚queeres Leben‘ und ‚Regenbogenfamilien‘, dessen, wie es impliziert erscheint, horrende Kosten der Allgemeinheit aufgelastet werden. Zum einen haben Regenbogenfamilien und die Förderung queeren Lebens, also nicht nur das Gestalten diskriminierungsfreier Politik (was allein schon noch ein langer Weg ist und der Schutz von Minderheiten ist ein immanentes Element einer funktionierenden Demokratie), sondern beispielsweise auch die Ausgestaltung und Umsetzung eines Aktionsplans gegen Homo- und Transphobie beziehungsweise -feindlichkeit erstmal nichts mit einer Transition des Geschlechts zu tun und hier entscheidet sich auch niemand es nicht „haben“ zu wollen; tragisch, dass wohl blinder Wuteifer hier zu unterkomplexen Schlüssen geführt haben mag.

Zum anderen hat das Bundesverfassungsgericht das so genannte Transsexuellengesetz bereits vor Jahren in Teilen für verfassungswidrig erklärt und bereits 2009 (!) versprach die schwarz-gelbe Koalition eine Reform, zu der es aber nicht kam. Versuche in der vergangenen Legislaturperiode das TSG zu reformieren oder durch ein Selbstbestimmungsgesetz zu ersetzen scheiterten ebenso. Es ist also keine links-grüne Agenda, sondern Vorgabe des obersten deutschen Gerichts sich an dieses Gesetz zu machen. Das zu unterschlagen, auch in einem Kommentar, erscheint doch ein wenig schäbig.

Nur „Normalos“ zahlen Steuern?

Definitiv schäbig kann es wohl genannt werden, dass der Kommentator der Nürnberger Zeitung mit der Formulierung „ein anderes Geschlecht haben oder den ungeborgenen Nachwuchs nicht haben“ zu wollen, Transsexualität und Abtreibung in einen direkten Zusammenhang zu stellen versucht, was tief blicken lässt.

Nun zu den Kosten, Krankenversicherung aber auch zu jenen für andere Projekte, die über Steuermittel und Co. finanziert werden: Es mag erstaunlich klingen, gerade da es im schönen, sauberen Nürnberg keine dieser queeren Menschen mit all ihrem Gewese um sich selbst zu geben scheint (wer wurde nochmal für Die Grünen in Nürnberg-Nord in den Bundestag gewählt?), aber auch die zahlen Krankenversicherungsbeiträge, finanzieren dadurch übrigens auch die Behandlungen von Impfgegner:innen, die an Corona erkranken, und, jaja, sogar Steuern. Ganz egal, ob homo oder trans, Single oder in einer Ehe, ob in der Freizeit gern im Sling oder doch beim Waldspaziergang, ob mit oder ohne Kind – um Steuern kommen sie nicht herum.

In diesem Zusammenhang ist es auch faktisch schlicht Blödsinn, wenn geschrieben steht, die Regierung habe die „Normalos“ nur auf dem Radar, wenn es um die „Kosten für den linken Gesellschaftsumbau und die ungeordnete ‚Alles-fürs-Klima‘-Politik“ gehe – das sind gesamtgesellschaftliche Kosten, die tragen wir alle zu gleichen Teilen; dass in absoluten Zahlen eine Mehrheit mehr trägt, das liegt schlicht in der Natur der Sache, nicht wahr?!

„Randgruppen“ sind schon nervig

Nun also, mal abgesehen davon, dass eine „marginalisierte Mehrheit“ schlicht ziemlicher Schwachsinn ist und es irritiert, wie stark hier Pluralismus und Diversität wohl als Bürde und Einschränkung (aka „‚Diversity’-Pflichten) empfunden werden und natürlich wieder Friedrich Merz als Retter der niemals Entrechteten gilt, die Frage: Wie lange soll denn eine in der Tat marginalisierte, lange Jahrzehnte, ja Jahrhunderte, verfolgte und unterdrückte, noch immer Hass, Hetze und Gewalt ausgesetzte Menschengruppe (oder auch „Randgruppe“, falls das leichter verständlich sein sollte) das Leben der so genannten „Normalos“ mitfinanzieren und sich selber kleinhalten? Eine Dekade? Zwei, drei? Bis die Klimakrise, die wohl auch nicht adäquat bekämpft gehört, uns ohnehin alle dahingerafft hat?

Oder einigen wir uns einfach darauf, dass wir crazy Queers in die Zukunft blicken, mit Hilfe dieser Dinge umsetzen, die die Mehrheit der Gesellschaft für überfällig hält oder gar das Bundesverfassungsgericht vorgibt und dafür in regelmäßigen Abständen derart boshaft, missgünstig und menschlich arm daherkommende Kommentare ertragen und entsprechend auf sie antworten? 

JW

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