Sind wir nicht alle ein bißchen kaputt?

Beitragsbild: Nach einem Wohnungsbrand wird die Leiche der Mieterin Susanne Kramer (Ilona Thor) in ihrem hermetisch abgedichteten Schlafzimmer gefunden. An der Wand eine kryptische Nachricht: Der Teufel spreche durch die Wände und wolle jemanden holen. (von hinten: Luise Wolfram, Jasna Fritzi Bauer vlnr.) // © Radio Bremen

Eine Leiche in einem hermetisch abgeriegelten Raum, entdeckt nach einem Wohnungsbrand. Sie trägt ein rotes Tüllkleid – ihr Hochzeitskleid! – und hat sich erschossen. Dabei erschießen Frauen sich statistisch gesehen eher selten, wie die BKA-Ermittlerin Linda Selb (Luise Wolfram) gleich zu Beginn ihrer Kollegin, Kommissarin Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer), mitteilt. Also doch ein Tötungsdelikt? Aber wieso steht dann an der Wand, dass der Teufel komme und durch die Wand sprechen könne?

Eine schrecklich nette Familie

Das ist zunächst einmal die Frage im heutigen Bremer Tatort, dem mittlerweile dritten mit neuem Team (wenn auch ohne Dar Salim), der ganz knapp einfach Liebeswut heißt und mit einem sicherlich sehr einprägsamen Titelgeschehen öffnet, das direkt Stil und Ton der restlichen 85 Minuten vorgibt. Schnell stellen wir fest, dass die beiden Töchter (gespielt von Ella Bieleke, Ava Bieleke) der Toten verschwunden sind.

Jaqueline Deppe (Milena Kaltenbach), die schwangere Freundin des getrenntlebenden Ehemanns, lebt in ihrer eigenen Welt // © Radio Bremen/Claudia Konerding

Haben der Vater Thomas Kramer (Matthias Matschke) oder seine schillernde Neue, Jaqueline Deppe (Milena Kaltenbach, sie sich geholt? Oder doch der etwas unheimliche Nachbar Gernot Schaballa (Aljoscha Stadelmann)? Wie weit sind die Eltern der Toten, die wohl ausgeprägte psychische Probleme hatte, involviert? Und was wäre ein Krimi schon ohne einen verdächtigen Hausmeister (Dirk Martens)?

Das Prekariat lutscht

Martina Mouchot hat hier also einen breiten Figurreigen geschrieben. Das wäre an sich nun nicht so untypisch, braucht es doch immer reichlich Verdächtige und falsche Fährten. In Liebeswut allerdings begegnen wir Figuren, die auf ihre jeweils ganz eigene Weise emotional gescheitert, düster und allesamt verquer kaputt sind. Dass Liv Moormann hier noch eine persönliche Ebene über schleierhaft wachgerufene Erinnerungen zu bewältigen hat, unterstreicht dabei die persönliche Charakterzeichnung. 

Eine ehemalige Dachluke aus der Wohnung von Gernot Schaballa (Aljoscha Stadelmann, Mitte) führt direkt ins Kinderzimmer der vermissten Mädchen. (rechts Jasna Fritzi Bauer) // © Radio Bremen/Claudia Konerding

Ausgerechnet am verdächtigen, dauerhaft eislutschenden Nachbarn mit Bauarbeiterdekolleté muss sich diese gestalten. Aljoscha Stadelmann spielt Gernot Schaballa mit einer sensiblen Wucht, dass es uns schon einmal die Schuhe auszieht; dass er bereits im Furtwängler-Tatort Der Fall Holdt mit Regisseurin Anne Zohra Berrached arbeitete, mag zu einer Leistung, die sicher auch Vertrauen erfordert, beigetragen haben. Dieser Gegenüber steht Matthias Matschkes Figur Thomas Kramer, die er vor allem durch Overacting prägt – ob den Zuschauer*innen das gefällt oder nicht, müssen sie letztlich selber entscheiden.

Licht und Schatten

Nicht unerwähnt bleiben soll die auch durch Farben, manchen Kniff und diverse Lichtbrechungen die Figurenzeichnung ins Bild übertragende Inszenierung (Kamera: Christian Huck, Szenenbild: Irene Piel). Zuschauer*innen, die auch auf Bildsprache und Atmosphäre Wert legen, werden am Tatort: Liebeswut ihre hell-dunkel-knallige Freude haben. Ähnliches gilt für jene, die den gekonnten Ausbau der Dynamik zwischen Moormann und Selb schätzen („Das geht nicht als Empathie durch.“ – „Ich übe noch.“).

Linda Selb (Luise Wolfram, rechts ) reagiert auf einen Verdächtigen sehr entschlossen, was Konsequenzen nach sich zieht // © Radio Bremen/Claudia Konerding

Kleine Abstriche gibt es zum Ende hin, an dem wir dann wieder diverse Finten auszuhalten haben, so dass es auch noch ordentlich krachen und ein letztes Mal gruselig werden kann. Das ist ein wenig schade, da sich die Erzählung bis dahin auch so gut entsponnen hat und auch ohne den unbedingten Realitätsbezug Richtiges über Menschen und ihre Abgründe, ihr Scheitern an Liebe und ihre Hingabe an Wut zu erzählen hat. Und als sollten wir nicht allzu ruhig in den Abend entlassen werden, steht am Schluss wieder die große Frage nach Freiheit und der mit ihr verbundenen Opfer. 

AS

PS: Dass jemand aus der Wand kommt, das kennen wir doch auch… War auch im Norden. Scheint ne heiße Ecke.

PPS: Bei dem abgeriegelten Raum und der Frage wer käme wie rein und vor allem wie raus, musste ich an Ferdinand Schmalz’ Mein Lieblingstier heißt Winter denken. 

Die Bremer Kommissarinnen Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer, links) und Linda Selb (Luise Wolfram, rechts) haben es im „Tatort: Liebeswut“ auf den ersten Blick mit dem Selbstmord einer psychisch Kranken zu tun // © Radio Bremen/Claudia Konerding

Tatort: Liebeswut läuft am Sonntag 28.05.2021 um 20:15 Uhr im Ersten, um 21:45 Uhr auf one und ist anschließend sechs Monate in der ARD-Mediathek verfügbar.

Tatort: Liebeswut; Deutschland, 2022; Regie: Anne Zohra Berrached; Drehbuch: Martina Mouchot; Kamera: Christian Huck; Musik: Jasmin Reuter, Martin Glos und Christian Ziegler; Darsteller*innen: Jasna Fritzi Bauer, Luise Wolfram, Matthias Matschke, Aljoscha Stadelmann, Dirk Martens, Ulrike Krumbiegel, Thomas Schendel, Milena Kaltenbach, Ella Bieleke, Ava Bieleke, Lotta Herzog; Laufzeit ca. 88 Minuten; Eine Produktion der Bremedia Produktion im Auftrag von Radio Bremen für die ARD 2022 

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