Über die Symbiose von Insekten und Obst

Vergangene Woche saß ich im ICE quer durch Deutschland. Wie das im 9-Euro-Ticket-und-Personalmangel-an-Flughäfen-Jahr so ist, war auch meine Bahn deutlich zu spät. Irgendwo in Niedersachsen kam die Ansage, dass es „Notfallwasser“ im Bordrestaurant gebe. Als aufmerksamer Leser von Kotaro Isakas Thriller Bullet Train, vor wenigen Monaten in der Übersetzung von Katja Busson bei Hoffmann und Campe erschienen, bin ich bei Wasserflaschen in der Bahn mittlerweile allerdings ein wenig vorsichtiger als noch vor einiger Zeit. Glücklicherweise hatte ich meine eigene Flasche, die ich nicht aus den Augen gelassen hatte.

Momomon // © 2022 Sony Pictures Entertainment Inc. All Rights Reserved

An diesem Donnerstag kommt nun die Verfilmung von Isakas Buch in die deutschen Kinos und auch in dieser Adaption – unter anderem mit Brad Pitt, Joey King, Sandra Bullock und Aaron Taylor-Johnson – spielt die erwähnte Flasche eine nicht ganz unwesentliche Rolle (sie wird, wohl finanzierungstechnisch nicht unwesentlich, von Fiji gespielt, wenn auch Voss einen Cameo-Auftritt hat, ebenso wie das allseits beliebte Corona-Bier) – sie erhält sogar eine eigene Hintergrundgeschichte. Wie das bei Verfilmungen so ist, gibt es natürlich auch bei Bullet Train Passagen, die sich mal mehr und mal weniger nach der Linie des zugrundeliegenden Buches richten.

Gefahrguttransport oder Klassentreffen?

So geht der Film von Regisseur David Leitch von einer ähnlichen Grundkonstellation aus: Der Schnellzug Shinkansen fährt mit viel Gefahrengut quer durch Japan. Geladen hat er unter anderem eine Reihe von Auftragskiller*innen, die zwar alle vor unterschiedlichen Aufgaben stehen, am Ende aber doch alle auf spezielle Art und Weise miteinander verbunden sind. Nach und nach kommen sie sich natürlich gegenseitig ins Gehege und wir sehen, wie sich die manches Mal wohl etwas zu spezialisierten Profis bei ihren jeweiligen Jobs gegenseitig beharken.

Einfach mal reden // © 2022 Sony Pictures Entertainment Inc. All Rights Reserved

Mensch fühlt sich wie auf einem kleinen, ungeplanten Klassentreffen der Killer-Schule, ergänzt um manch einen Gegenstand, wie beispielsweise erwähnter Wasserflasche oder giftiger Baumschlange. Und zum Schluss gibt es natürlich eine große Konfrontation mit einer Art Endgegner, auch wenn hier nicht so recht klar sein mag, warum und was und wie und wer eigentlich wen vorführt. 

Diversity vs. „whitewashing“

Wie bereits angedeutet: Im Vergleich mit der Romanvorlage weicht der Film natürlich von einigen Handlungselementen und Charakteren ab. Manch eine Änderung ist erfreulich, manch andere weniger. So ist beispielsweise die Rolle des „Prinzen“ in der Verfilmung weiblich (gespielt von Joey King) und auch einer der beiden Zitruscharaktere – Lemon – mit dem Schwarzen Darsteller Brian Tyree Henry besetzt. Beides freut, sorgt es doch für ein wenig Diversität, die in dem zugrundeliegenden Buch definitiv etwas zu kurz kommt.

Dem hingegen sind aber auch wesentliche Hauptrollen mit weißen Hauptdarstellern besetzt – Brad Pitt als „Ladybug“ aka „Marienkäfer“ oder Aaron Taylor-Johnson als Tangerine. Das wiederum kann durchaus ein wenig den Eindruck des „whitewashing“ erwecken, treffen wir in der Romanvorlage doch ausschließlich auf Japaner (und ja – nahezu ausschließlich Männer). So kann die Kritik, die bereits im Vorfeld aufkam, dass in der Verfilmung von Bullet Train das Misstrauen in die Möglichkeiten eines Blockbusters mit Hauptbesetzung aus dem asiatischen Raum manifest wurde – trotz der Erfolge von Crazy Rich Asians oder Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings – definitiv nicht einfach weggewischt werden.

Und doch bildet der Film wie erwähnt eine gewisse Diversität ab und weicht immerhin nicht nur in diesem Punkt vom Buch ab oder wagt es gar, die Geschichte einfach mal nach Amerika zu verlegen. Dafür handelt es sich bei den Profis im Film, anders als im Buch, um solche, die bereits in allen Teilen der Welt aktiv waren waren und sich dort teils bereits bei früheren Jobs über den Weg oder in die Kugel gelaufen sind.

Bad Bunny und Brad Pitt als „The Wolf“ und „Ladybug“ // © 2022 Sony Pictures Entertainment Inc. All Rights Reserved

Ebenso begegnen wir im Film manch durchaus spektakulärer Aufarbeitung von Vorgeschichte(n), die uns mit „The Wolf“ (Bad Bunny, siehe unser PS) von Mexiko bis Johannesburg führen und das ist im Vergleich zur Buchvorlage doch trotz gewisser Kritikpunkte geglückt. Zusätzlich sorgt manch kreatives Einsprengsel – Channing Tatum als sexuell und finanziell aufgeschlossener Fahrgast oder manch ein Sexspielzeug – für zusätzliche Lacher.

„Prinz“ im Training

Andere Punkte fallen da schon kritischer ins Gewicht. So die Figur des „Prinzen“ beziehungsweise hier der „Prinzessin“. Charme und Gewieftheit der Figur werden im Film nicht ansatzweise so deutlich, wie im Buch (was womöglich daran liegen mag, das Brad Pitt diese Figur nun unmöglich hätte spielen können und er eindeutig im Fokus von allem steht). So wirkt manch ein Oneliner des „Prinzen“ auch zu halbseiden um zünden zu können.

Joey King als „The Prince“ // © 2022 Sony Pictures Entertainment Inc. All Rights Reserved

Zudem ist Kings „Prinz“, die so wichtig sein soll, so oft unerklärt Off-Screen, um dann, wieder im Bilde, um zu erklären, wie wichtig und klug sie sei, dass es nur an unmotivierter Charakterarbeit seitens des Autoren*innenteams um Zak Olkewicz gelegen haben kann. Damit wurde aus der – und man mag es mir vergeben, dass ich hier viel mit dem Buch vergleiche – sehr starken, scharfen und von Ambition getriebenen Figur aus dem Buch im Film leider eine eher mittelprächtige Antagonistin (dies allein schon witzig, sind doch alle Only Murders in the Train), was in einer finalen und übermelodramatischen Wendung so auf die Spitze getrieben wird, dass mensch sich fragt: Sollte es deswegen eine Frau sein?

Andrew Koji als „The Father“ // © 2022 Sony Pictures Entertainment Inc. All Rights Reserved

Auch fällt die Story von Prinz/essin und Yuichi Kimura (Andrew Koji; Warrior) knapp aus; ebenso sind manch andere Elemente der japanischen Figuren arg verkürzt worden. Hiroyuki Sanada begeistert als „The Elder“ und sieht sich am Ende doch mit einer neugeschaffenen Figur konfrontiert, die dennoch so blass bleibt wie ein schlecht bedruckter Aufkleber mit transparentem Hintergrund. Hier wäre es so sinnvoll wie wünschenswert gewesen, näher an der Romanvorlage zu bleiben.

Ende ohne Ende

Andere Figuren, wie Pitts Marienkäfer oder die beiden Zitrusfrucht-Zwillingsbrüder Lemon und Tangerine kommen hingegen besser zur Geltung, was auch an deren prominenterer Besetzung liegen mag. Sie haben als erfahrene Killer oder Handlanger die wesentlichen Actionszenen – und derer gibt es viele in diesem mehr als zwei Stunden langen Bullet Train. Gerade zum Ende hin mag das Krachen gar nicht mehr enden wollen, bis hin zu Finale über Finale über Finale (keines davon aus dem Buch). 

Bryan Tyree Henry und Aaron Taylor-Johnson als Lemon und Tangerine // © 2022 Sony Pictures Entertainment Inc. All Rights Reserved

Im Übrigen etwas, das geneigten Zuschauer*innen schon aus Deadpool 2, ebenfalls von David Leitch (der in Mexican und Fight Club Stuntdouble für Brad Pitt war) inszeniert, bekannt vorkommen mag: Es kracht so viel, dass es irgendwann etwas zu viel ist. Bei allem zynischen Witz und aller blutspritzenden Absurdität – irgendwann ist es dann auch mal gut.

Besser keine Blasenschwäche

Die Verfilmung von Bullet Train ist somit zwar von einigen Anpassungen und Freiheiten gegenüber der Romanvorlage gekennzeichnet, aber auch von andauernder Action und Unterhaltung. Manche der Freiheiten tun der Story gut und betten sie in ein globales Umfeld ein, andere hingegen mindern den Charme mancher Charaktere und Momente. Im Großen und Ganzen aber ist diese filmische Adaption von Regisseur David Leitch ein unterhaltsamer, wenn letztlich doch eher belangloser Sommerblockbuster, der sicherlich fortgesetzt werden will.

Hiroyuki Sanada als „The Elder“ // © 2022 Sony Pictures Entertainment Inc. All Rights Reserved

Ach ja, und da wir hier mit dem „Notfallwasser“ der Deutschen Bahn eingeleitet haben, noch ein letzter Tipp an alle Kinogängerinnen und Kinogänger: Blase trainieren, denn ansonsten kann es zu Enge kommen – raus wollt ihr nicht, die meisten der Actionszenen solltet ihr nicht verpassen. 😉

HMS, AS

PS: Bad Bunny aka Benito Antonio Martínez Ocasio, primär im Musikbereich unterwegs und aus Puerto Rico stammend, ist hier nicht nur eine nette Casterweiterung, sondern im Leben auch erfreulich offen, was seine Unterstützung für die LGBTQIA*-Community angeht. So sagt er etwa, dass seine enge Verbundenheit mit queeren Menschen unter anderem daher komme, dass es in Puerto Rico eine weitverbreitete geschlechtsspezifische Feindlichkeit und Gewaltbereitschaft gäbe. Ebenso machte er während eines Auftritts in der The Tonight Show with Jimmy Fallon im Februar 2020 auf den Mord an der obdachlosen, trans*-Frau Alexa Negrón Luciano aufmerksam, indem er ein Shirt mit der Aufschrift „Sie ermordeten Alexa. Nicht einen Mann im Rock“ trug.

PPS: Der Score von Dominic Lewis (The Man in the High Castle) trägt eben viel zur Wirkung de Films bei, wie die Musikauswahl, u. a. eine japanische Version von Bonnie Tylers „I Need a Hero“.

© 2022 Sony Pictures Entertainment Inc. All Rights Reserved

Bullet Train ist ab dem 4. August 2022 in den deutschen Kinos zu sehen.

Bullet Train; USA 2022; Regie: David Leitch; Buch: Zak Olkewicz (nach dem gleichnamigen Roman von Kotaro Isaka); Kamera: Jonathan Sela; Musik: Dominic Lewis; Darsteller*innen: Brad Pitt, Aaron Taylor-Johnson, Joey King, Brian Tyree Henry, Hiroyuki Sanada, Andrew Koji, Bad Bunny, Logan Lerman, Zazie Beetz, Michael Shannon, Sandra Bullock, Karen Fukuhara; Laufzeit ca. 126 Minuten, FSK: 16

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