Der Wanderer, der Zeterer, der Ferne und die Einsame

Früh finden wir in Der Wanderer auf dem Eis einen Satz, der als Lebensweisheit einmal all die Variationen von Carpe-Diem-Wandsprüchen in so vielen deutschen Küchen und Wohnzimmern ersetzen sollte: „Und was soll ich auf den Wegen anderer, auf den geschlängelten Pferdewegen anderer Leute, wo ich doch meinen eigenen Weg habe und meinen Pfad geradewegs auf mein Haus zu“, so Taavetti Lindqvist, der als titelgebender Wanderer auf dem Eis den mit Wacholderholz beladenen Schlitten hinter sich her Richtung seines Haues zieht, wo, wie es sich gehört, schon der fertig geschnitzte Sarg auf den Balken bereitsteht.

„Ein bitterer Mensch in vollem Eifer“

Als würde der alte, verwitwete Mann, dem die Kinder entweder gestorben oder von dannen gezogen sind, wissen, dass es sich hier und heute um seinen letzten Gang über das Eis handeln und er aus dem Wacholder keine robusten Nägel, die das Holz der Barken und anderer Schiffe zusammenhalten würden, mehr fertigen könnte, lässt er bitter, garstig und oft voller Gram sein Leben Revue passieren. Hart getroffen hat es ihn, im Leben, beklagt er sich in aller Stille und einem doch gewaltigen Wortgewitter, das der am 12. Dezember 1874 in der südwestfinnischen Schärengemeinde Kustavi geborene Volter Kilpi hier über uns hereinbrechen lässt.

Gern heißen wir es willkommen, öffnen die Fenster in unseren Kopf und lassen es hereinblitzen, regnen und -stürmen – und manches Mal lugt sogar sie Sonne durch die Gewitterwolken hindurch. Denn der Autor der hier vorliegenden drei Geschichten, die allesamt in den 60er-Jahren des 19. Jahrhunderts spielen, ist nicht angetreten, um den „Brand des Grams“, wie es in der dritten Geschichte „Die Seemannswitwe“ heißt, auch in uns zu entfachen, sondern, um die Menschen in den Schären zu zeigen. Diejenigen, „die im pittoresken Schärengarten kein idyllisches Dasein führen, sondern auf ein Leben voller Prüfungen zurückblicken. […], aber gleichwohl im Verborgenen einen bedeutsamen Platz im Gefüge der Schärengemeinde ein[nehmen]“, so der Herausgeber und ausgezeichnete Übersetzer Stefan Moster in seinem Nachwort.

Der „mit Steinen beladene Schlitten des Tages“

Kilpi holt diese Menschen, die nicht wie jene in seinem Mammutwerk Im Saal von Alastalo zu den Honoratioren der Gemeinde gehören, aus dem Verborgenen, rückt sie ins Licht und schenkt „ihnen den Reichtum seines Sprachvermögens“, wie Moster es ausdrückt. Dass dieses gewaltig ist, beschrieb Nora Eckert schon in ihrer Besprechung zum genannten Buch, bezeichnete es als „wortschöpferischen Furor“, eine Formulierung, die ich hier nur zu gerne übernehme. Zwar spielen sich die drei Geschichten im beim mareverlag erschienenen Der Wanderer auf dem Eis auf insgesamt 256 Seiten in einem weit kleineren Rahmen ab und doch sind es Gedankenpfade, Wutmonologe, gedehnte Erinnerungen und beinahe gotteslästerliche Gebete in der häuslichen Stube, die das weitestgehend handlungsfreie Buch ausmachen.

Die Bewegung findet sich in der Sprache, beziehungsweise in der zweiten Geschichte „Lundström von Kaaskeri“ auch immer mal mit der Flasche in der Hand zum Mund. Hier unterrichtet der vormalige Kapitän Lundström, der nach einem verheerenden Vorfall nicht mehr zur See fährt, manche Söhne der Gemeinde im Rechnen und Vermessen, auf dass sie die „Verwandtschaftsgelüste“ der Zahlen verstehen. Steigert sich aber in einen schriftgewordenen Grant hinein, als er erfährt, dass der uns aus dem Saal von Alastalo bekannte Kapitän Pukkila den Evald aus dem Unterricht genommen hat, nachdem Lundström ihn vor der Klasse gedemütigt hatte.

Die „spottende Hand des Meeres“

Nun gibt es kein Halten mehr! Was sich in dieser Geschichte auf knapp einhundert Seiten entfaltet, ist nicht nur sprachlich fulminant, sondern eine Parabel aufs Leben, den Neid, das Nachtrauern verpasster Chancen, Einsamkeit, Großmanns- und Trunksucht und was nicht noch alles. Dabei bleibt Lundström klar, besoffen ja, aber mit Maß. Denn er weiß, wie viel er für die Woche in der Flasche hat und am Ende muss immer eine Pfütze bleiben, er berechnet die Sucht und schlägt dies in seiner Wutrede für alle Punkte des Lebens vor. Allerdings: „Das Wochenmaß ist das genaueste, das Jahresmaß ist schwer, und für das ganze Leben zu messen, ist Verrücktheit.“

Doch eigentlich hören wir gar nicht Lundström zu, sondern Pukkila wie er, dem Kaffeepunsch zusprechend, seinem Bekannten, dem Schöffen Lahdenperä, erzählt, was ihm von Evald und einem Mitschüler zugetragen wurde. Lundström scheint in der Gemeinde ein gern zitierter Mann zu sein, denn auch in „Die Seemannswitwe“ hören wir ihn durch den vor dreißig Jahren auf See verstorbenen Kustaa, der immer wieder der „hinterhältigen Stimme des beschwörenden Meeres“ verfiel, wenn sich seine Witwe, die Ketoniemi-Riikka – „bei den Katechismusprüfungen Fredrika Emerentia Jäderholm genannt“ – an eine Lobeshymne ihres Mannes erinnert.

Die „Zähne des Kummers“

Volter Kilpi hantiert in seinen Erzählungen über die „kleineren Menschen“ der Schären also nicht nur gekonnt mit der Sprache, sondern auch der Erzählform. Die Perspektiven wechseln immer wieder. Begegnen wir zu Beginn einer Stimme wie aus dem Off und eben den Gedanken Taavettis, ist es in der zweiten Pukkila, der uns seine Interpretation Lundströms bietet und in der dritten die kinderlose Witwe, die seit dreißig Jahren trauert, das Dichterwerg zupft, um die Schiffe wasserdicht zu halten, einsam ist und nicht einmal ein Grab für ihren Mann hat. Stattdessen habe sie „nur in leeren Jahren leer in eine leere Stube zu lauschen, an vergehenden Tagen ein zerschlissenes Seil mit verbrauchten Fingern zu zerfasern, nur die schmerzenden Gedanken des schmerzenden Herzens als Kummererde des Grabhügels zu harken!“

Beklagt sich anfangs Taavetti in seiner nach innen gerichteten Lebensanalyse, dass Gott falsch gegen ihn handle, lässt Riikka ihrem den Leser*innen das Herz zermarternden, gewachsenen Schmerz Luft, indem sie Gott ihrem Gebet nicht mehr entkommen lassen will: „und so wie vor Qual der mit kochendem Wasser Übergossene schreit, so schreie ich im Feuer meines Lebens nach dir, so wie in seinen Schmerzen sich der zertrampelte Wurm windet, so verkümmere ich in den Windungen meins Wehs!“ Nimm das! Beinahe klingt es wie eine Abrechnung mit einem gar nicht so gütigen Gott. 

Der Mensch, „ein abgeernteter Acker“

Drei sehr unterschiedliche Geschichten also und doch alle lose miteinander verknüpft, begegnen wir doch immer mal wieder den gleichen Personen und natürlich finden sich in den ursprünglich 1934 unter dem Titel Die Kleineren der Gemeinde erschienen Erzählungen (derer es eigentlich fünf sind) auch immer wieder Bezüge zum 1933 veröffentlichten Im Saal von Alastalo (der dritte Teil der Trilogie, Zur Kirche, 1936 erschienen, der sich vor allem den Frauen der Gemeinde widmet, könnte womöglich in den kommenden Jahren ebenfalls von Stefan Moster herausgegeben werden, 2024 böte sich natürlich anlässlich des 150. Geburtstags an). Darüber hinaus eint sie noch ein Weiteres: Kilpis genauer Blick auf dieses Leben der Menschen, die er nicht nur als Figuren auf einem Erzählbrett nutzt, sondern sie sein und denken lässt.

So ist es beinahe unmöglich, nicht bei ihnen zu sein, nicht in sie zu fühlen und nicht mitgetragen zu werden, vom – erneut Nora Eckert – „Sprachrausch“, aber auch von den Gemütsbewegungen. Jene, die sich auf diese Sprache, diese gewaltigen Erzählungen, die, erneut, kongenial von Stefan Moster übersetzt worden sind (nicht umsonst ist er mit dem Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreis 2022 auch für sein übersetzerisches Lebenswerk ausgezeichnet worden), die Wut und den Witz und die an Metaphern reichen Gedankenwindungen einlassen, all dies in ihren „Stirnkorb“ lassen wollen, werden reich belohnt. 

AS

PS: Für diejenigen, die in der Tat etwas Angst vor Volter Kilpi haben, sei dieses Buch als Einstieg empfohlen. Die Wahrscheinlichkeit sich im Anschluss lust- und genussvoll in den Saal von Alastalo begeben zu wollen, ist sehr hoch.

PPS: Die Autokorrektur meinte aus den „geschlängelten Pferdewegen“ gern die „geschwängerten Pferdewege[n]“ machen zu wollen. Nun stellt sich die Frage: Wollte uns Volter Kilpi eigentlich dies sagen, konnte es aber in Ermangelung einer Autokorrektur nicht? 

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Volter Kilpi: Der Wanderer auf dem Eis. Drei Erzählungen aus den Schären; Oktober 2021; Aus dem Finnischen übersetzt und herausgegeben von Stefan Moster; 256 Seiten; bedruckter Leineneinband mit Lesebändchen im offenen Schuber; ISBN: 978-3-86648-664-5; mareverlag; 20,00 €

Unser Schaffen für the little queer review macht neben viel Freude auch viel Arbeit. Und es kostet uns wortwörtlich Geld, denn weder Hosting noch ein Großteil der Bildnutzung oder dieses neuländische Internet sind für umme. Von unserer Arbeitstzeit ganz zu schweigen. Wenn ihr uns also neben Ideen und Feedback gern noch anderweitig unterstützen möchtet, dann könnt ihr das hier via Paypal, via hier via Ko-Fi oder durch ein Steady-Abo tun – oder ihr schaut in unseren Shop. Vielen Dank!

About the author

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert