Ein hochinteressantes Nachdenken

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Kürzlich haben wir euch die Nominierten für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse vorgestellt, der trotz all dem corona- und verlagsbedingten Trallala, das schlussendlich zur Absage der LBM führte (es findet allerdings die buchmesse_popup statt), vergeben wird. Dazu gab es eine feine Veranstaltung im Literarischen Colloquium Berlin, während der die nominierten Titel und Autor:innen im Bereich Belletristik vorgestellt wurden. Gleiches fand nun am vergangenen Dienstag für die Nominierten in der Kategorie Übersetzung statt. Hier waren naturgemäß die Übersetzer:innen anwesend, die uns an ihren Gedanken zu den jeweiligen Titeln teilhaben ließen.

„Ein Literatur-Speeddating“

Dies führte zu einem größtenteils interessanten Abend, da hier nicht die Autor:innen, die das Ursprungswerk Schaffenden sprechen, sondern im Grunde Leser:innen, die dieses Werk nun in einem komplexen Arbeitsprozess in eine „fremde“, eigene, dem Inhalt und auch dem Lesegeschmack des deutschen Publikums gerecht werdende Sprache zu übertragen hatten. Umso ärgerlicher übrigens, dass der Saal des LCB, im Gegensatz zur Vorstellung der Belletristik-Titel, vergleichsweise leer blieb. #Namethetranslator und shit, ja?!

Es gab manch heitere Einlassung, nicht nur seitens der Moderator:innen Maike Albath und Jörg Plath von Deutschlandfunk Kultur (hier ist mittlerweile eine gekürzte Aufzeichnung des Abends zu finden), sondern auch der anwesenden Übersetzer:innen Helga van Beuningen (übersetzte aus dem Niederländischen Mein kleines Prachttier, bei Suhrkamp, von Marieke Lucas Rijneveld), Irmela Hijiya-Kirschnereit (übersetzte Hiromi Itōs Dornauszieher. Der fabelhafte Jizō von Sugamo, bei Matthes & Seitz, aus dem Japanischen), Stefan Moster (übersetzte aus dem Finnischen Im Saal von Alastalo, im mare Verlag, von Volter Kilpi) sowie Andreas Tretner (übersetzte Hamid Ismailovs Wunderkind Erjan, bei Friedenauer Presse, aus dem Russischen) sowie der durch ein vorab aufgezeichnetes Gespräch mit Maike Albath aus Paris vertretenen Anne Weber (übersetzte aus dem Französischen Cécile Wajsbrots Nevermore, im Wallstein Verlag). Comedy war es dennoch nicht, dafür sind schon die Bücher zu tief in durchaus schwierigen Themenfeldern verankert. 

„Irrsinniger sprachlicher Furor“

Geht es in Mein kleines Prachttier um falsches Verlangen, Obsession, Trauma, Gewalt und mehr, in einem Tempo, das nicht innehält und endlose Sätze rasend erzählt (Übersetzerin van Beuningen war nach fünf Minuten mit den Worten „So, das waren nun zwei Sätze“ fertig), passiert im großen finnischen, maritimen Werk in Im Saal von Alastalo laut Angabe des Übersetzers Stefan Moster über tausend Seiten, die innerhalb von sechs Stunden spielen, im Grunde nichts – das Interesse des Verlags sei sofort geweckt gewesen – und doch begegnen wir hier einem „irrsinnigen sprachlichen Furor“, einer „ganzen Existenz die in der Sprache steckt.“

Helga van Beuningen (übersetzte aus dem Niederländischen Mein kleines Prachttier von Marieke Lucas Rijneveld) im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur-Moderatorin Maike Albath // © LCB

Um eine augenscheinlich klassische Familiengeschichte scheint es sich auf den ersten Blick beim Dornauszieher zu handeln. Dass dem nicht so ist, machte die Japanologin Irmela Hijiya-Kirschnereit nicht erst auf Nachfrage von Jörg Späth klar. Wir begegnen unterschiedlichen Tönen, Wahrnehmungen und auch Welten der Ich-Erzählerin, die wohl nicht ganz zufällig den Namen der Autorin, Hiromi Itō, trägt. Gleich noch ganz anderen Sprachen begegnen wir im Zug beim Wunderkind Erjan, das, so Übersetzer Andreas Tretner, wahrlich das Buch eines Weltenbürgers ist; der usbekische Autor Hamid Ismailov lebt im Exil und hat ein kasachisches Buch auf Russisch geschrieben. Während dieser Zugfahrt, auf der ein 27-Jähriger für zwölf oder 13 Jahre gehalten wird, kommen dabei viele Sprachmomente zusammen und schließlich spinnt der uns Erzählende die Geschichte des ihm Alles Berichtenden weiter, nachdem dieser eingeschlafen ist. Alles klar? Super!

Zusammenhang von Sprache und Musik

Und weil Sprache alles ist, geht’s auch in Nevermore, das die Preisträgerin des Deutschen Buchpreises 2020, Anne Weber, ins Deutsche übersetzt hat, ums Übersetzen. Vornehmlich die Gedankenprozesse, inneren Abläufe und Konflikte – ein „inneres Argumentieren“ – im Kopf einer Übersetzerin, die ein Buch von Virginia Woolf in Dresden vom Englischen ins Französische übertragen soll. Diese Geschichte wiederum übertrug Weber vom Französischen ins Deutsche, dabei aber französisch denkend, und das obwohl Autorin Cécile Wajsbrot auch deutsch spricht und wir deutsch denkend diese Gedanken begreifen sollen. Dabei geht es noch zu verlassenen und verbotenen Orten, nicht nur im Geiste, und etwas ins Fantastische sowieso.

Wieso „sowieso“, fragt ihr, die ihr noch nicht ausgestiegen seid – danke euch dreien. Mit gutem Recht. Alle nominierten Titel haben mindestens einen absurden bis abstrusen Einschlag, mal auf der Handlungs- und mal auf der Formebene, mal beides. Ebenso gehen nicht wenige der fünf Bücher ins Mystische, Metaphysische, Existenzielle und eben Fantastische. Innere Stimmen, echte Geister und solche, die nur im Kopf spuken, Erscheinungen und groteske Fantasien. Ein Abend also ein wenig wie Penny Dreadful, nur ohne Reeve Carney (*schleck* und ratet mal, was hier gerade läuft…).

Sprache empfinden

Interessant und auch die Vielseitigkeit der fünf Geschichten verdeutlichend ist die unterschiedliche Herangehensweise der Übersetzenden. Helga van Beuningen, die so sympathisch wie aufgeregt über das Buch sprach, wurde natürlich gefragt, wie sie eine solche harte und schwierige Story übersetzen konnte. „Professionalität“, natürlich, aber sich dem sprachlichen Sog von Mein kleines Prachttier zu entziehen, sei eben auch schwer. Schwer sei es ebenso gewesen, diese Sog bringende Sprache über die Länge des Titels zu halten und doch eine eigenständige Sprache zu finden. 

Jörg Plath vom Deutschlandfunk Kultur im Gespräch mit Irmela Hijiya-Kirschnereit (übersetzte Hiromi Itōs Dornauszieher aus dem Japanischen) // Foto: © LCB

Irmela Hijiya-Kirschnereit sprach von Freiheiten, die mensch sich nehmen müsse, da nicht alles so wiedergegeben werden könne und die Frage steht „Wie zeige ich das?“ Ein „profundes Nachwort“, wie Albath es nannte, scheint eine Möglichkeit. Anne Weber sprach hingegen eher von der Faszination des Prozesses und der Faszination davon, dass diese nun durch ein Buch wie Nevermore auch den Leser:innen zugänglich gemacht werden könne. Dies sei „für jeden, der sich mit Sprache beschäftigt oder ein Empfinden dafür hat, ein hochinteressantes Nachdenken.“

Von der Sprachvielfalt im Wunderkind Erjan war eben schon zu lesen, darum ging es Andreas Tretner auch in erster Linie und ebenso darum, das Buch entsprechend dem Anspruch des Autoren sich „vom Russischen zu emanzipieren“ ins Deutsche zu übertragen; dem „postkolonialen Ansatz“ gerecht zu werden. Große Worte; dieser Abend hat uns darin bestätigt, uns mit dem Buch zu befassen und zu schauen, was davon trägt. 

Das Buch gut zugänglich vor der Nase

Zu guter Letzt sprach Stefan Moster, der übrigens auch Pajtim Statovcis Grenzgänge ins Deutsche übertragen hat, davon, wie es ist, ins Finnische rein zu tauchen, rauszukommen, trocken zu werden und dann alles ins Deutsche zu denken. Gerade bei einem maritimen Buch, das um den möglichen Bau einer Dreimastbark kreist, eine schöne Allegorie. Etwas verstolpert hingegen die Eingangsfrage von Maike Albath, wie es so sei, eine kleine Sprache, die etwas Abgelegenes habe, zu übersetzen.

Stefan Moster (übersetzte aus dem Finnischen Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi) während der Präsentation des Titels // Foto: © LCB

Dass jedoch an manch einer Stelle, an der die Fragen womöglich ein wenig überkandidelt gestellt worden sind, die Übersetzer:innen dies zumeist mit zugänglicher und gern augenzwinkernder Lebens- und Lesendennähe einzufangen wussten, bewies Moster mit der Antwort: „Wie groß oder klein eine Sprache ist, macht sich beim Übersetzen nicht bemerkbar. Die Abgelegenheit wird aufgehoben, wenn man das Buch vor der Nase hat, da ist die Entfernung immer gleich groß.“

Es passte, dass er anschließend einen sehr griffigen und, ja, soghaften Teil von Im Saal von Alastalo vortrug und uns mit biografischen Infos zu versorgen wusste, die halfen, diese Nicht-Geschichte einzuordnen, in diesen zugemauerten Ofen zu blicken, in dem ein Feuer brenne. Um mal einen Satz zum Autoren Volter Kilpi auf dessen Werk anzuwenden, und diese Sache hier zum Ende zu bringen.

Unsere Besprechung der vier von fünf Titeln, die wir lesen, folgen allesamt alsbald. Zu hören ist die Aufzeichnung des Abends am 13. März um 22:03 Uhr im Deutschlandfunk Kultur und anschließend in der Mediathek zu finden. Der Preis der Leipziger Buchmesse wird am 17. März um 16:00 Uhr vergeben.

Eure queer-reviewer

PS: Wir danken unserer geschätzten Gastautorin Nora Eckert für die wunderbare Begleitung. 

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