Ein Wiedersehen, das nur bedingt Freude bringt

ACHTUNG: Spoiler.

Letzte Woche leiteten wir unseren Text zum grohohohohooßen Finale der zweiten Princess Charming-Staffel mit den folgenden Worten ein: „Hui! Wie die Zeit vergeht […].“ Solche eine Einleitung wäre bei der seit heute auf RTL+ verfügbaren Reunion Das große Wiedersehen eher unsinnig, es sei denn, wir ergänzten es um ein „schleichend“. Was womöglich auch an der Erwartungshaltung an ein solches Wiedersehen liegen mag.

Ein großes Drittel

Zunächst einmal ist das Wort „groß“ wohl recht relativ. Wenn hier neben der Princess der zweiten Staffel des weltweit ersten lesbischen Dating-Formats Hanna Sökeland von den neunzehn Kandidatinnen noch Gewinnerin Jessica, die Zweitplatzierte Laura, die gemeinsamen Aussteigerinnen Paula und Dora, Queer Bunny Maria und die zur ersten Million strebende Caro sitzen, ist das eher so mittelgroß oder auch: ein gutes Drittel. 

Moderatorin Lola Weippert (r.) befragt Princess Hanna (M.) und ihre Auserwählte Jessi // © RTL

Natürlich eröffnet Moderatorin Lola Weippert in einem sehr, sehr, sehr gewöhnungsbedürftigen Bodysuit (auch wenn’s Mugler ist; überhaupt, die Outfits… um mal Sophia Thomalla aus der aktuellen Staffel Are You The One? – Reality Stars in Love zu zitieren: „Manchmal denk ich: ‚Och, joar, Shopping Queen‘ und manchmal denk ich eher ‚Trödeltrupp‘.“) mit der Frage, ob denn Hanna und Jessi nun ein Paar seien – beantwortet werden darf diese natürlich erst am Ende der teils altkaugummizähen fünfzig Minuten. Manch Zuschauer*in mag gar interessierter an der Beantwortung der Frage sein, ob denn Paula und Dora eines sind. 

Wertvolle Freundschaften 

Sind sie nicht. Also nicht sexuell, aber menschlich und freundschaftlich schon, wie Paula es sagt. Kontakt hätten sie beinahe jeden Tag, der Bezug sei enorm, etc. pp. Das freut uns natürlich aufrichtig – ob nun Couple ohne Challenge oder Freundschaft ohne Extras, es ist schön, wenn sich hier eine Verbindung aufgetan hat, die es so oft im Leben schlicht nicht gibt. Enge und aufrichtige Freundschaften sind in der Tat etwas sehr Wertvolles. 

Dora (l.) und Paula // © RTL

Moderatorin Weippert betont so auch ein ums andere Mal, wie wichtig und toll es doch sei, dass es in der Villa der um Hannas Herz buhlenden Frauen so einen großen Zusammenhalt, so ein tiefes Verständnis und so ein Miteinander gegeben habe. Maria springt an einer Stelle ein und erläutert, dass dieser Zusammenhalt in der Community eigentlich gang und gäbe sei. Dem soll von unserer Seite an dieser Stelle nur bedingt zugestimmt werden. Womöglich war hier auch der gutmütige Wunsch Elternteil des Gedanken. 

Zu viel Harmoniebetonung 

Die ständige Betonung darauf, wie harmonisch und menschlich alles war und dass Frauen Frauen unterstützen, nervt mit der Zeit, was irgendwann dazu führt, das sich bei den Zuschauer*innen das Gefühl einstellen mag, die hier sitzenden Ex-Kandidatinnen würden nur irgendwelche vorgegebenen Spruchtafeln aufsagen.

Caro (l.) und Maria // © RTL

Dass alle im Grunde reihum „abgefragt“ werden, verstärkt diesen Eindruck nur noch. Die Kandidatinnen und Hanna, die, wie uns immer wieder versichert wird, alle total dicke miteinander seien, reden solo, im Grunde nie miteinander. Da hätte Weippert sie auch nacheinander via Zoom anrufen können, wär auch günstiger und ökologischer gewesen. 

Pretty in Pink… und Green (Folge 5): In der Runde werden die Briefe gelesen // © RTL

Authentisch hingegen wirkt Hannas Statement darüber, wie wohl sie sich in der Villa in der Mitte der Frauen fühlte, vor allem bei dem großen (!), gemeinsamen Essen. Ein familiäres Gefühl, das sie genossen habe. So stellen wir auch nicht in Abrede, dass der Zusammenhalt eng und die Sympathien im Großen und Ganzen ausgeprägt waren, es aber schulmeisterlich runterzubeten wie in diesem so genannten Wiedersehen, ist enervierend.

Dann doch Pinar Atalay 

Gern hätten wir beispielsweise auch erfahren, was eigentlich wirklich in Caro vorging, als sie am Interesse der Princess zu zweifeln begann; statt aber über die Sendung und ihr Gefühl in derselben zu reden, geht’s allgemein um Queerness und Lesbischsein; auch um ein richtiges und wichtiges im Einklang mit sich und seinem Körper sein. Das ist alles gut und schön und soll auch erwähnt werden.

Doch wurde es das a) im Lauf der Staffel bereits (Moderation Lola Weippert: „Können wir bitte nochmal darüber reden, was für tolle Talks ihr hattet?!“) und b) sollte so ein Wiedersehen im Rahmen einer Aussprache oder wenigstens eines Revue-Passieren-Lassens doch mehr Einblick bieten, als ellenlange Zusammenschnitte aus der Staffel, statt derer aufgrund des sich anschließenden zusammenhanglosen Gesprächs auch Kurznachrichten mit der geschätzten Pinar Atalay hätten eingeblendet werden können. Wir erinnern uns an das anregende Triell vor knapp einem Jahr mit ihr.

Paula zeigt ihre gebastelte Vulva (aus Folge 5) // © RTL

Schön ist es natürlich, wenn hier nochmals darüber gesprochen wird, wie wichtig Aufklärung ist. Auch schon in frühen Jahren, also der Grundschule; wie nötig es wäre, dass Sexualtherapeut*innen dies an den Schulen leisteten, anstelle von nicht selten überforderten Lehrer*innen. Wie notwendig es ist, zu vermitteln, dass nicht jede Person mit einer Vulva eine Frau ist. Ja, ja und ja. Das alles darf und soll auch in einer solchen Wiedersehenssendung gesagt werden. Aber eben auch etwas zur Show, manch einem Konflikt im Haus etwas, Unsicherheiten im Rahmen der Sendung, etc. Alles andere ist „Erika Berger ruft aus dem Grab an“ – nichts dagegen, aber vielleicht sortierter. 

Ach ja, Laura, die sitzt ja auch hier

Irgendwann im letzten Drittel, wird dann auch Laura ins Gespräch geholt, die tatsächlich etwas zu den von ihr gezeigten Clips sagen darf – im Übrigen sind diese oft gut geschnitten und editiert, ähnlich wie die erste Staffel auch – die zweite hingegen nur bedingt, von der Reunion lässt sich das nicht sagen, oh weh, oh weh – und ebenso dazu, wie es ist – wer mitgezählt hat wird nicht überrascht sein – die meisten Dates gehabt zu haben. Ebenso gibt sie an, es bereits im Gefühl gehabt zu haben, dass Hanna sich für Jessica entscheiden würde.

Laura // © RTL

Wie sie zu dieser Entscheidung kam, dass sie sich von Beginn an zu Jessica hingezogen fühlte (Ach, was?!) und welche Schwierigkeiten sie doch sah, das beschreibt Hanna dann sehr anschaulich, nachvollziehbar und echt. Die Abwägung, Zweifel und auch Sorgen und Sorge – nicht nur um diese beiden Frauen – nehmen wir ihr voll und ganz ab. Den Ausschlag habe dann schließlich das letzte Date mit Jessica gegeben.

Die darf schlussendlich auch ein paar mehr Worte dazu sagen, vor allem wie es so war, von Anfang an als Favoritin zu gelten. Was soll sie dazu groß sagen? War okay, ne. Interessanter ist es, als Jessi erzählt, wie es für sie war, sich in die Princess zu verknallen und wie dieses Gefühl für Hanna über die Zeit der Sendung anhielt (wer hier in Hannas Gesicht schaut, dürfte nun die Antwort auf die Eingangsfrage kennen), etwas, das sie so nicht kannte, liefen die Dinge bei ihr doch eher schnell heiß, um dann ebenso fix wieder runterzukühlen. 

Authentisch süß

Also ja: Die beiden sind ein Paar und wie es scheint ein sehr verliebtes, glückliches und süßes (hier findet ihr ein Interview mit ihnen). Es wird am Telefon gemeinsam eingeschlafen und wenn da mal die Verbindung weg ist, ruft Hanna einfach nachts um drei wieder an und hört eine fröhliche Jessi; gesehen wird einander jedes Wochenende. Wir sehen gemeinsame Clips, die die beiden nach Hannover fahrend oder beim Werkeln in Jessicas Küche zeigen. 

Juchhu! Princess Hanna (l.) und Jessi sind ein Paar // © RTL

Apropos „fahren“ – die Frage nach der Fernbeziehung Hannover – München kommt natürlich auch auf. Jessi: „Ich find das Fahren ganz entspannt.“ – Hanna: „Das liegt daran, dass du Bahn fährst und ich Auto.“ Witzig. Ein Paar-Tattoo gibt es auch und bezugnehmend auf Jessicas Eifersucht meint Hanna, dies sei immerhin besser als ein Maulkorb. Die zwei wirken authentisch süß und wir freuen uns, dass sie einander gefunden haben. #isso.

Immerhin also das, möchten wir nach dieser Reunion sagen (Wer richtet eigentlich diesen Studioraum – nicht – ein? Das ist doch ein tragisches Drama wie der aussieht!), die nichts Halbes und nicht Ganzes war, sich somit aber perfekt in den Ton der gesamten zweiten Staffel, die von Beginn an so gewollt besonders daherkam, dass sich kaum Charme einstellte. Schade.

Eure queer reviewer 

So war das damals: Die Mädels stoßen auf ihren Einzug an // © RTL

PS: Es wurde übrigens auch nochmals der Moment gezeigt, in dem Amelia aufbringt, dass sie es spannend fände, wenn die Schamlippen sich so bewegen könnten, wie die Lippen des Mundes. Dass das von einer Person kommt, die eine Kussphobie hat, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. 

Princess Charming – Staffel 2 seit dem 14. Juni 2022 jeweils dienstags eine neue Folge auf RTL+

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Comments

  1. Soweit ich mich erinnere, hat Jasmin Amelia nie gesagt, dass sie eine Kussphobie habe. Sie sagte, sie küsse sehr gerne, nur habe sie ein Kusstrauma erlitten, da sie immer wieder ungefragt und unkonsensuell geküsst wurde. Da besteht ein Unterschied.

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