Familie, die; Substantiv, feminin

Mutter, Vater, Kind. Ist doch das Normalste von der Welt – oder? Glücklicherweise sind wir über dieses sehr binäre Familienbild der 1960er-Jahre heute weit hinaus. Familie ist bunt, kann viele oder keine Kinder haben, zwei Mütter, zwei Väter, aus Freundinnen und Freunden bestehen oder mehr als zwei „Elternteile“ haben. Zumindest gilt das für „den Westen“, denn Wladimir Putin und Viktor Orbán sehen das bekanntermaßen anders, ist doch die Verteidigung des „traditionellen Familienbildes“ eines der Kernanliegen ihrer beiden Regime.

Eine traditionelle Familie

Und doch ist dieses „traditionelle Familienbild“ immer noch vielfach in unseren Köpfen. Ganz unreflektiert geben es viele an ihre Kinder weiter, wodurch sich diese „Tradition“ weiter hält – mit allen Konsequenzen. Welche Problematiken sich hieraus ergeben können, thematisiert der Film Eine total normale Familie der dänischen Regisseurin Malou Reymann, der nun in den Reihen BR QUEER und rbb QUEER im Fernsehen ausgestrahlt wird und auf sehr einfühlsame Art und Weise die Themen „Familie“ und „trans*“ miteinander verbindet.

© Salzgeber

Kern- und Angelpunkt des Films ist eine auf den ersten Blick ganz „traditionelle Familie“ mit Mutter Helle (Neel Rønholt), Vater Thomas (Mikkel Boe Følsgaard) und den beiden Töchtern Caroline (Rigmor Ranthe) und Emma (Kaya Toft Loholt). Thomas entdeckt seine trans*-Identität, die – wie wir aus einer Reihe von Rückblenden in das nicht immer so glückliche Familienleben erfahren – viele Jahre in ihm schlummerte, bis er schließlich den Mut hatte, sie tatsächlich zu leben. Offenbar hatte er seiner Frau hiervon berichtet, woraufhin die Beziehung in die Brüche geht, denn sie kann sich offenbar kein Leben mit einer trans* Frau vorstellen.

Eine sich verändernde Familie

Daneben gibt es aber auch Wut in ihr, denn gegen seinen Willen erzählt sie den beiden Töchtern von Thomas‘ Entschluss, seine Weiblichkeit nun konsequent zu leben, tut ihren Frust und ihre Enttäuschung kund und setzt somit – vielleicht unwissentlich – den Ton für die Reaktionen der Mädchen. Während die ältere Caroline mit dieser Nachricht recht souverän umgeht und den Wunsch ihres Vaters schnell respektiert, ist es für die jüngere Emma wie auch ihre Mutter deutlich schwieriger damit umzugehen.

© Salzgeber

So sehen wir die vier kurz darauf bei einer Gruppentherapie sitzen und statt Thomas sitzt nun Agnete bei den drei „bisherigen“ Frauen in der Runde. Emma jedoch hat sich den Kopf verbunden, will also nicht nur im übertragenen Sinne die Augen vor dem verschließen, was mit ihrer Familie und vor allem ihrem transidenten Vater passiert. Dieses Verhalten zieht sich durch die weitere Handlung hindurch, ob beim Fußball, bei einem Wochenende mit Agnete oder im Zuge von manch jugendlichen Fehltritten. Erst ein bevorstehender Abschied Agnetes aus Dänemark scheint hier eine Einstellungsänderung hervorzurufen.

Eine persönliche Familiengeschichte

Regisseurin Malou Reymann // © Salzgeber

Während auch die Mutter weiterhin ihre Schwierigkeiten mit Agnete hat, blüht letztere in ihrer trans*-Identität endlich auf. Wir sehen die Vorbehalte von Helle und im Kontrast dazu die Lebensfreude, die Agnete nach ihrer Transition ausstrahlt. Gemeinsam mit den Schwierigkeiten, die Emma ob all der Veränderungen hat, zeigt sich somit ein vielschichtiges Bild und wie sehr dieser Schritt von Thomas die verschiedenen Akteur*innen herausfordert.

Malou Reymann arbeitet diese Unterschiede sehr fein heraus, zeigt uns, wie das „traditionelle Familienbild“ noch immer die Jüngsten von uns beeinflusst und wie befreiend doch der mutige Entschluss von Thomas für seine Zukunft als Agnete sein kann. Auch wenn sie einige Szenen ein wenig raffen hätte können, wird hier die Geschichte einer eigentlich tatsächlich ganz normalen Familie erzählt, denn Freude und Schmerz ergeben sich nur aus der Verbundenheit, die die Mitglieder dieser Familie füreinander empfinden. Übrigens in der Tat Normalität, arbeitet Reymann doch mit ihrer eigenen Geschichte und der ihres Vaters, Helene. 

Eine gute Familie

Wäre dies nicht so, dann wären Helle und Emma so betroffen von einem Entschluss, der Agnete zu einer so strahlenden und selbstbewussten Persönlichkeit macht. Die Macher*innen von Eine total normale Familie zeigen uns also das, was Familie tatsächlich ausmacht, nämlich die Verbundenheit miteinander, die Freude, die ihre Mitglieder zusammen haben, aber auch den Schmerz, den sie einander zufügen können.

© Salzgeber

Aber letztlich – und auch das gehört zur Familie dazu – ist jeder und jede ein Individuum, muss den eigenen Weg finden und hat Respekt verdient, wenn sie oder er manche vielleicht für andere schwer nachvollziehbare Entscheidung trifft. All dies wird in Eine total normale Familie wunderbar herausgearbeitet, was ihn zu einem der wohl sehenswertesten Filme der diesjährigen Queer-Reihen der Öffentlich-Rechtlichen macht. Und jenen, die für das „traditionelle Familienbild“ einstehen sei der Film ohnehin empfohlen, denn hier wird gezeigt, wie eine Familie zusammen agieren kann – im Guten, wie auch im weniger Guten.

HMS, Mitarbeit AS

PS: Beim deutschen Verleih, Salzgeber, findet ihr ein sehr interessantes Gespräch mit Malou Reymann, in dem es um ihre eigenen Erfahrungen geht und auch darum, weshalb sie sich entschied Thomas/Agnete nicht mit einem trans Schauspielenden zu besetzen. 

Der rbb zeigt Eine total normale Familie im Rahmen von rbb QUEER am heutigen Samstag um 23:30 Uhr; ebenso ist er bis zum 13. August 2022 in der Mediathek zu finden.

Eine total normale Familie; Dänemark 2020; Buch und Regie: Malou Reymann; Kamera: Sverre Sørdal; Darsteller*innen: Kaya Toft Loholt, Mikkel Boe Følsgaard, Rigmor Ranthe, Neel Rønholt; Laufzeit ca. 97 Minuten; dänische Originalfassung mit deutschen Untertiteln; FSK: 6; eine Produktion von Nordisk Film Production A/S mit Unterstützung von DR, The Danish Film Institute im Verleih von Salzgeber

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