I’m Not in Love – oder doch?

Die französische Autorin Nina Bouraoui erzählt in ihrem Roman „Erfüllung“ eine berührende Geschichte des Begehrens und liefert dazu eine ebenso schonungslose Abrechnung mit der Eifersucht.

Von Nora Eckert

„I’m not in love / So don’t forget it / It’s just a silly phase I’m going through / And just because I call you up / Don’t get me wrong / Don’t think you′ve got it made.“

So lautete der Anfang eines in den 1970er Jahren ziemlich erfolgreichen Songs der englischen Gruppe 10cc. In Nina Bouraouis, von Nathalie Rouanet übersetztem und im Schweizer Verlag Elster & Salis erschienenem, Roman taucht er als Zitat auf – wie übrigens eine Reihe anderer Songs aus jener Zeit, als seien sie eine Art Stimmungsbarometer. Aber in der Romanhandlung sind sie tatsächlich die wechselnde Hintergrundmusik, die wie zufällig im Radio erklingt, um die Stichworte und Klangkulisse im Auf und Ab der emotionalen Wechselbäder zu liefern. Wir wissen nur zu gut, wie Musik unsere Stimmungen zu speichern vermag, abrufbar durch unsere Erinnerungen.

Wir befinden uns in den Jahren 1977 und 1978. Die Autorin lässt uns wissen, was jene Michèle Akli damals in sieben Heften festgehalten hat – ein Tagebuch, das zum Roman über ein Begehren heranwächst, eines Begehrens, das sich im permanenten Belagerungszustand durch die Eifersucht, durch Selbstzweifel und durch eine widerständige Realität befindet. Sie nennt sie deshalb „meine Hefte der Schande“. Am Ende geht darüber die Wahrheit des Lebens verloren, weshalb es am Schluss des siebten Heftes heißt: „Ich schreibe wenig. Es gibt keine Wahrheit mehr.“ Und „Ich glaube nicht an die Liebe, nur an die Erinnerung an die Liebe.“

Michèle kam 1962, verheiratet mit dem Algerier Brahim, nach Algier, also kurz nachdem das Land nach einem jahrelangen, erbitterten Krieg gegen die Kolonialmacht Frankreich als Staat unabhängig geworden war. Sie bewohnen ein Haus mit Garten in dem Stadtviertel Hydra, wo die Wohlhabenden Algiers wohnen. Mit Brahim hat sie einen Sohn. Sie liebt Algier und die Natur darum herum. Aber es ist eine schwierige Stadt, eine „Stadt der Männer“, in der sie als weiße Französin die ewig Fremde ist und wohl nur als Sexobjekt wahrgenommen wird. „Durch Algier zu gehen, heißt, sich dem Trieb der Männer auszusetzen, ihn zu provozieren.“

Ende der 70er Jahre ist Algerien auch politisch ein schwieriges Land. Das spiegelt sich immer wieder in Michèles Erzählungen und beschwört darin diffuse Ängste. Der Staat bespitzelt die Menschen, hört Telefone ab und verbietet, über Politik zu reden. Dennoch: „Algerien ist mein Land geworden. Eines Tages wird es mein Grab sein.“ Und das Grab ihrer Jugend ist es bereits.

In den Aufzeichnungen schwingt von Anfang ein auffällig lakonischer, selbstkritischer Ton mit, der schonungslos registriert und trotzdem meldet sich auch immer wieder die Liebe zu Wort, öffnen sich die Gefühle, werden leicht und ein Begehren durchbricht diese sonst so raue Oberfläche der Realität. „Ich fühle mich plötzlich leicht und geborgen in der verrückten Schönheit von Algier, meiner Liebe.“ Die Übersetzung von Nathalie Rouanet fängt diesen eigenwilligen Tonfall sprachlich vorbildlich ein und gerade auch in all seinen Poetisierungen.

Sie ist sich nicht mehr sicher, ob sie Brahim wirklich noch liebt. An einer Stelle heißt es: „Ich arbeite noch an meinen Gefühlen, ich probe wie im Theater, ich spiele die Liebe, bevor ich sie lebe, bevor ich die Rolle annehme.“ Oder an anderer Stelle: „Ich habe meine Weiblichkeit noch nicht entdeckt, trotz gelebter Sexualität und trotz einer Geburt, die viele Frauen als eine Offenbarung betrachten.“ Und dann tritt da plötzlich eine Frau in ihr Leben, bildhübsch, eine Französin wie sie selbst, mit dem Namen Catherine – „ihre Perfektion, ihre Harmonie macht mich schwindlig“. Sie ist die Mutter von Bruce, einem Mädchen, das sich so sehr mit Bruce Lee identifiziert, dass sie sich wie ein Junge kleidet und sich bewusst männlich gibt. Michèles Sohn Erwan ist mit Bruce eng befreundet, sie besuchen die gleiche Schule. Und so lernt Michèle Catherine kennen – und damit gerät alles in ihrem Leben für einen Moment durcheinander.

Obwohl es am Anfang noch heißt, sie empfinde kein Verlangen nach Frauen, „Frauen erregen mich nicht“, geschieht genau das: „Ich möchte Bruces Mutter verführen – eine Frau zu verführen, läuft darauf hinaus, mich selbst zu mich selbst zu verführen, die ich kein Verlangen nach dem eigenen Körper verspüre und der es widerstrebt, sich zu berühren, zu befriedigen.“ Obwohl sie wenig später beteuert, sie sei nicht in Catherine verliebt, sondern vielmehr auf „der Suche nach dem Nerv meines Lebens“, tut sie lauter Dinge, die das Gegenteil bedeuten. „Ich müsste nur die Hand ausstrecken, ihre Haut berühren, um eine Kernschmelze in Gang zu setzen.“ Kurzum: „ich bin besessen von ihr“.

Catherine wird in Michèles Phantasie wie eine zweite Haut, „die unter der meinen unaufhaltsam wächst“. Doch so nahe sie sich kommen, bleiben sie um Welten voneinander getrennt. Irgendwann beschleicht Michèle das Gefühl, ein Eindringling habe ihre Hefte gelesen. Sie ist sich dessen zwar nicht sicher und hält es durchaus für möglich, selbst die Hefte durcheinander gebracht zu haben, aber seit dieser Geschichte habe sie das Gefühl, „dass mir jemand beim Schreiben über die Schulter blickt, meine Gedanken kontrolliert und über mich urteilt“. Die Konsequenz daraus, das Begehren verliert sich in der Realität, in der es dafür keinen Platz, sondern nur Widersprüche gibt. Die Eifersucht tut ihr Übriges, um sie zu verwirren mit all den vergifteten Gedanken und um sie auf falsche Wege zu bringen. Als sie sich nach längerer Zeit mal wieder begegnen, beteuert Catherine zwar, Michèle habe ihr gefehlt, doch: „Ich glaube es ihr nicht. Mir hat ihre Schönheit gefehlt. Sie spricht vom Leben, wenn ich vom Ende der Tage rede. Sie spricht vom Wahnsinn, wenn ich meinen verberge.“ 

Der Romantitel hält zwar keineswegs, was er mit Erfüllung verspricht. Aber hier kommt die Musik wieder ins Spiel. Denn im Original lautet der Titel Satisfaction und am Ende des Romans hört Michèle im Radio den berühmten Song der Rolling Stones und der enthält bekanntlich die Botschaft, genau diese Satisfaction nicht zu bekommen. Eben deshalb fand ich diesen Roman um so berührender, weil er mir am Ende dadurch so viel lebensnäher erschien. Denn wir selbst sind für uns und unser Begehren oft ein mindestens ebenso großes Hindernis wie die anderen, wenn nicht gar ein größeres.

Nora Eckert ist Publizistin, im Vorstand beim Bundesverbandes Trans* e.V. und bei TransInterQueer e. V. und Teil der Queer Media Society

Nina Bouraoui: Erfüllung; September 2022; Aus dem Französischen von Nathalie Rouanet; Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen; 226 Seiten; ISBN 978-3-906903-19-4; Elster & Salis; 24,00 €

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