Mädchen im Bilde

Wie könnte ein Post-#MeToo-Film über Feminität, Feminismus und Girlhood aussehen? Das fragten sich laut einem Interview mit Girls Girls Girls Regisseurin Alli Haapasalo, die Autorinnen Ilona Ahti und Daniela Hakulinen, aber auch die Kostümbildnerin Roosa Marttiini, Make-Up-Artistin Kaisu Hölttä, die Produzent*innen Leila Lyytikäinen, Elina Pohjola und einige mehr während der langjährigen Entwicklungsphase von Tytöt Tytöt Tytöt wie die Coming-of-Age-Freundschafts-Liebes-Dramedy im finnischen Original heißt. 

„Sollte man es nicht auf den ersten Blick spüren?“

Zu Deutsch würde das genau übersetzt „Mädchen Mädchen Mädchen“ heißen, was insofern passt, als dass es um drei unterschiedliche, jedoch einander nicht fremde Mädchen, befindlich auf dem Weg zu jungen Frauen, geht. Für uns Zuschauende stehen anfangs die beiden besten Freundinnen Mimmi (Aamu Milonoff) und Rönkkö (Eleonoora Kauhanen) im Fokus (der Film ist übrigens aus eben diesem Fokus-Grund im 4:3-Format gedreht worden), die nach der Schule, in der Mimmi gerade erst ein anderes Mädchen mit dem Hockeyschläger gepuncht hat, gemeinsam an einem Smoothie-Stand arbeiten.

Bei Love, Victor war es ein Coffee-Shop in Tytöt Tytöt Tytöt sind’s Smoothies: Rönkkö (Eleonoora Kauhanen, l.) und Mimmi (Aamu Milonoff) // Foto: © Ilkka Saastamoinen/Salzgeber

Hier spricht der attraktive Jarmo (Mikko Kauppila) Rönkkö auf ein Date an. Die aber lehnt ab, sie fühle es nicht so recht. Dabei müsse es doch gleich am Anfang funkeln und prickeln, damit’s irgendwann spritzig werden kann, oder? Girls Girls Girls geht in der Figur Rönkkös, die Kauhanen wunderbar gibt inklusive eines fantastischen Monologs zu Sperma und Mumins-Sammeltassen, der Frage nach, was Lust, Befriedigung und Zuneigung bedeuten und ob dies Hand in Hand oder Penis in Vagina gehen muss.

„Wie deprimierend wäre das, wenn’s wahr wäre!“

Bei der die Frauen bevorzugenden Mimmi bewegen wir uns im Feld Aggressionsbewältigung und Alleingelassenfühlen. Zwar hat sie alle Freiheiten, die die meisten Teenager sich wünschen dürften, lebt allerdings auch mit der Konsequenz Einsamkeit. Ihre Mutter lebt mit neuem Mann und frischerem Kind ein wenig abseits und kommt vor allem durch finanzielle Zuwendungen im Leben ihrer Tochter vor. 

Ehrgeizig und voller Gefühl: Emma (Linea Leino) // Foto: © Citizen Jane Productions/Ilkka Saastamoinen

Ihre Bezugsperson ist also Rönkkö – jedenfalls bis sie sich in die ehrgeizige Eiskunstläuferin Emma (Linnea Leino, die perfekt liebevolle und empfindsame Kühle vermittelt) verguckt, die ihrerseits daran arbeitet, ihre Fähigkeit zum dreifachen Lutz wiederzufinden, denn ohne diesen dürfte es kaum zu den Europameisterschaften gehen.

Emma (Linea Leino, l.) und Mimmi (Aamu Milonoff) sind verliebt…?! // Foto: © Ilkka Saastamoinen/Salzgeber

Drei Mädchen die nach drei vermeintlich unterschiedlichen Dingen im kalten, dunklen finnischen Winter suchen und die im Grunde doch das Gleiche in unterschiedlicher Ausprägung bedeuten: Zugehörigkeit und Ziel. Das erzählen Regisseurin Alli Haapasalo und die Autorinnen Ilona Ahti und Daniela Hakulinen sehr erwachsen, wenn wir so wollen, ohne zu viel künstliches Drama und frei von plakativer Exposition.

„Du musst öfter Sex haben.“

Regisseurin Alli Haapasalo // Foto: © Marica Rosengard

Girl Picture, wie er kürzlich auch nicht ganz unpassend für eine Ausstrahlung bei RTL Passion betitelt war, läuft beinahe episodisch (allein schon, dass es bis auf einen Bruch am Ende immer um Freitage geht), fokussiert sich auf Momente, auf Austausch und Erleben, dem wir oft auch still folgen. So entstehen allerdings auch Längen und mancher Punkt scheint längst gemacht und doch nicht enden zu wollen. Das lässt den Film bei aller Stärke und Wahrhaftigkeit bisweilen durchaus anstrengend sein.

Dankbar sind wir allerdings, dass beispielsweise die sexuelle Identität Mimmis nicht als Problem und dramatische Coming-Out-Story erzählt wird, ein Gedanke, der laut erwähntem Interview mit Haapasalo durchaus mal im Raum gestanden habe. So kann Girls Girls Girls jedoch viel effektiver den Verlauf des Wachsens und eines Stärker-Zu-Sich-Findens erzählen.

Selbstbestimmung trotz mancher Zweifel

Und wie steht es nun um den Erfolg der empowernden Erzählung von Feminität, Feminismus und Mädchenjahren in der Post-#MeToo-Ära? Nun, das muss gegebenenfalls jede*r Zuschauer*in für sich entscheiden (irgendwo las ich, der Film sei übersexualisiert und plakativ, etwas das von uns niemand so sieht); wir sehen durchaus einen großen Unterscheid zu mancher Teenager-Erzählung allein aus den letzten knapp zwanzig Jahren (Gossip Girl findet im Film gar Erwähnung) und der dürfte nicht nur daher kommen, das Finn*innen ein anderen Erzählstil haben dürften als so manche*r Amerikaner*in.

Unterschiedlich und einander doch so nah: v. l.: Rönkkö (Eleonoora Kauhanen), Mimmi (Aamu Milonoff) und Emma (Linea Leino) // Foto: Ilkka Saastamoinen/Salzgeber

Statt auf Eifersüchteleien nach einer Fummelei, konstant hohen Drama-Pegel und Bedrohungen an jeder Ecke setzt Tytöt Tytöt Tytöt trotz mancher Zweifel auf Selbstbestimmung, bei aller Unsicherheit auf wachsendes Selbstbewusstsein und auch bei manch Dunkelheit auf Selbstliebe. Dass er dabei eine Bildsprache findet, die manch selbstverständlich scheinende Erkenntnis, die jedoch im Heranwachsen erst gefunden werden muss, verstärkt die durchaus charmante Selbstermächtigungserzählung nur noch.

AS

PS: Girls Girls Girls wurde im Übrigen im Februar 2022 auf der Berlinale in der Sektion Generation14plus gezeigt und in der Kategorie Bester Spielfilm für den Teddy Award nominiert; beim Sundance Film Festival 2022 in der World Cinema Competition – Dramatic wurde er mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. RTL Passion zeigte ihn im Rahmen der Woche der Vielfalt am 22. Juni.

v. l.: Mimmi (Aamu Milonoff), Rönkkö (Eleonoora Kauhanen) und Emma (Linea Leino) in Tytöt Tytöt Tytöt

Girls Girls Girls ist ab dem 12. September zu verschiedenen Terminen im Rahmen des Queerfilmfestivals zu sehen, das noch bis zum 14. September in 13 Städten stattfindet. Ein bundesweiter Kinostart ist in Planung. 

Girls Girls Girls (OT: Tytöt Tytöt Tytöt); Finnland, 2022; Regie: Alli Haapasalo; Drehbuch: Ilona Ahti, Daniela Hakulinen; Kamera: Jarmo Kiuru; Darsteller*innen: Aamu Milonoff, Eleonoora Kauhanen, Linnea Leino, Mikko Kauppila, Amos Brotherus, Nicky Laaguid, Bruno Baer, Sonya Lindfors, Cécile Orblin, Oona Airola; Laufzeit: ca. 100 Minuten; FSK: 12; Produktion: Citizen Jane Productions im Verleih von Salzgeber

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