„Dieses komische Dauernicken“

Irgendwo sah ich vor einiger Zeit das, wie ich finde, recht witzige Meme: „Schlag das nächstgelegene Buch auf Seite 27 auf. Der erste vollständige Satz beschreibt dein Sexleben im neuen Jahr.“ Das mache ich nun, neues Jahr hin oder her, öfter. Tja, „Komisch, findest du nicht?“ mag mensch sich nun denken; ich wiederum finde das recht passend, und genau so steht es eben auf Seite 27 im Debütroman Ellis von Selene Mariani, der heute im Wallstein Verlag erscheint.

Ein Sprachtanz

Doch so spielerisch treffend ich den Satz in diesem sehr persönlichen Kontext finde, ist es glücklicherweise nicht der brillanteste Satz des Buches. Diesen wiederum auszumachen fiele schwer, denn Ellis steckt auf den nicht einmal 150 Seiten voller wunderbarer, strahlender, klarer und eben brillanter Sätze. Viele davon ergeben sich durch ein Zusammenwirken von Struktur und Spielerei; wirken besonders im Umfeld eines vorhergehenden Kapitels. 

Selene Mariani, die, 1994 geboren, in Verona und Dresden aufwuchs, schafft in ihrer Geschichte die Erzählung von Charakteren durch Satzbau, durch Wortklang und kreiert so mehrdimensionale Figuren und Situationen, ohne uns etwas plakativ um die Ohren zu hauen. Im Gegenteil ist es eher die Auslassung, die sie an vielen Punkten wählt, um später eine Verknüpfung zu schaffen, die wir wohlgemerkt aufnehmen und selbst verankern sollen… oder wollen.

Knotschis, Glitzerlidschatten und Seitenwechsel

Dabei wird die titelgebende Ich-Erzählerin mit mehreren Identitätsperspektiven Ellis durchaus an nicht wenigen Stellen deutlich, vor allem wenn es darum geht, sich selber ein wenig kleinzumachen, gleichsam irritiert von ihrem Umgang mit sich selbst, wie auch der Reaktion anderer auf sie zu sein. Dieses sich selbst lieber nicht zu sehen entwickelte sich wohl in der Kindheit des Mädchens, das nach der Trennung der Eltern mit der Mutter im Jahr 2002 aus Italien zurück nach Deutschland kam – „Ich weiß nicht, dass mein Leben morgen geteilt wird und ich die erste Hälfte wegwerfen muss.“ – und in der Schule nicht nur kaum dazugehörte, sondern auch als Aussätzige behandelt und gehänselt wurde; eine das billigende Lehrerin inklusive.

Käme da nicht eines Tages das andere neue Mädchen, Greta, genannt Grace, das sie irgendwie anfreundet, in dessen Schatten sie aber auch steht und das Ellis durch ihre so selbstbezogene wie divenhafte Launenhaftigkeit zuweilen so schlecht behandelt, ebenfalls hänselt und gängelt, wie es sie anzieht. „Manche Dinge ändern sich nie“, werden sie zueinander sagen, als sie sich Jahre nach dem Abitur wieder treffen und Grace ein Leben zu führen scheint, während Ellis nicht weiß, was sie außerhalb ihres Jobs als Promoterin für eine NGO mit sich anfangen soll. Außer sich abends im Dschungelcamp-Food-Style eine halbe Zucchini und Reis zu kochen.

Zehn Jahre in einem Satz?

Uns Leser:innen wie auch Ellis selber, stellt sich im Verlauf der Geschichte, die in Miniatur-Kapiteln immer mal in einem Zeitraum von zwanzig Jahren und zwischen Deutschland und Italien springt, die Frage, ob es Begehren ist, ob es Verliebtsein sein kann oder doch eher der Wunsch dazuzugehören, eine Person zu haben. So schaut Ellis immer wieder zu Grace auf, will ihr gefallen, sie ihrer Loyalität versichern, wenn es auch Grenzen gibt und „[p]lötzlich ist da ein Striemen unter Grace’ Auge.“

2019, bei ihrem Wiedersehen, kommt es zu keinen sichtbaren Striemen, dafür zu stillen Fragen, unausgesprochenen Widersprüchen, aber auch zu einigem Erkenntnisgewinn. Ellis entscheidet sich, Grace auf ihren jährlichen Ausflug zu den Großeltern väterlicherseits nach Italien mitzunehmen, quasi als Re-Bonding-Erfahrung und sicherlich aus einigen anderen, tieferliegenden Gründen. Vielleicht auch, um zu sehen, ob Grace ihr dort abhanden kommt. Als Ellis sich als Kind vorstellte, dass Grace sie nach Italien begleiten würde, konnte sie es nicht: „Grace verschwimmt und taucht erst wieder auf, als ich aufgebe.“

Espresso im Stehen, wie sie es sich abgeschaut hat

In Italien verdichten sich die Miniaturen, die ohnehin über das Modell von durch Erinnerung und Parallelen geprägter Erzählung verzahnt sind, zu einem noch deutlicheren Bild dieser ungleichen Freundschaft, des Wesens von Ellis, wie auch des der scheinbar alles einnehmenden Grace, die mitnichten nur ein Objekt in der Ferne ist. Unsicherheit ist auch kein Gefühl, das nur einer Titelfigur vorbehalten ist. Dabei begegnet Ellis in ihrem vermeintlich so vertrauten Refugium bei den wunderbaren und wunderbar gezeichneten Großeltern Filo und ihrem nonno, immer wieder der Frage nach Zugehörigkeit, sei es über die Sprache, verschwommene Ortskenntnisse oder ein Unbekanntsein.

Autorin Selen Mariani // Foto: © privat

Und wer kennt es nicht? An einen Ort von früher zurückzukehren und ihn nun „irgendwie verzerrt“ zu erkennen. Es ist kaum anders als famos zu nennen, wie Selene Mariani vor unserem geistigen Auge Momente des Erlebens und Personen sowie ihre Handlungen entstehen lässt. Selten hat es ein Buch so geschafft wie Ellis, einen Menschen mit so reduzierten Mitteln so sichtbar werden zu lassen wie Grace.

Es gibt eine Episode in Italien, die das Zusammenwirken und Wesen dieser Figuren wunderbar beschreibt, als Filo am Morgen noch Speck für eine Spaghetti Carbonara holte und Grace ankündigt, sie werde nicht mitessen, da es ihr nicht gut gehe, „Filo hebt die Brauen, bis ihre ganze Stirn in den Haaransatz zu rutschen scheint.“ Später kommt Grace in die Küche, „Mh, das riecht aber lecker.“ Filo versteht sie, obwohl Grace deutsch spricht, sie esse nun also doch mit. Als sie aus der Küche ist, teilt Filo aus den drei vorbereiteten Portionen eine vierte ab, „bis alle gleich wenig Pasta haben. Grace wartet auf ihrem Lieblingsstuhl am Tisch. Ich stelle einen Teller vor sie, einen vor mich, dann umschließe ich mit meinen Fingern fest das kühle Metall in meinen Händen, bis mein Atem ruhiger wird.“

Stille Melancholie und fantastische Lakonik

Fantastisch! Auf einer Buchseite entsteht hier eine ganze Szene, ein Charakterbild, ein Spiegelbild – wer sagt, er kenne Ähnliches nicht, lügt oder lebt abgeschottet in einer Hütte im Wald. Diese Bilder, auch jene der Sprachlosigkeit Ellis’, sind dabei getragen von einem Erzählfluss aus stiller, also nicht melodramatischer, Melancholie und beinah schon Helfer’scher Lakonik, der uns trotz manch inhaltlicher Härte sprachlich sanft durch die Seiten trägt; aber Obacht, wie erwähnt und bezugnehmend auf die Sprachlosigkeit, wird es Lücken geben, die auszufüllen an uns ist.

Es ließen sich nun noch viele weitere Glanzpunkte nennen, wie der italienische Lover, dessen „Lachen so gegelt wie seine Haare“ ist, oder die Rechtfertigung vor Bildern in der Küche, übrigens ein Motiv, das im Verlauf von Ellis wieder aufgegriffen wird. Doch was brächte es, hier den Großteil dieser brillanten Erzählung, mit ihrer verdichteten doch nicht zu knappen Figurenzeichnung und ihren fein ziselierten Sprachbildern wiederzugeben? Alles verlöre. Im Gegensatz dazu ist die Lektüre dieses Romans von Selene Mariani in jeder Hinsicht ein Gewinn.

AS

PS: Dass Selene Mariani hier mit dieser Form arbeitet scheint passend, war ihre erste Veröffentlichung doch ein Erzählband mit dem Titel Miniaturen in Blau; wir wollen uns natürlich bemühen auch diesen zu besprechen.

PPS: „Ich esse das Stück Zitronenkuchen, nehme mir auch die teigige, saftige Mitte. Sie ist das Beste daran.“ Klügere Worte sind nie geschrieben worden, auch nicht von Susann Kreihe.

PPPS: Wer Filo in diesem Buch nicht liebt, hat keine Seele und kein Herz und wer frische Spaghetti Carbonara verschmähen würde, darüber hinaus auch keinen Verstand. 

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Selene Mariani: Ellis; Februar 2022; Gebunden mit Schutzumschlag; 147 Seiten; ISBN: 978-3-8353-5152-3; Wallstein Verlag; 20,00 €

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