Trampeltiere ganz grazil

Es gibt viele sandreiche Länder, die als „Sehnsuchtsland“ gelten. Australien, Namibia, die USA oder Italien. Katar hingegen gehört nur für die wenigsten zu den Ländern, bei denen sie in Freudentaumel ausbrechen. Und doch dürfte Katar in diesem Jahr das Reiseziel vieler Menschen sein, ist es doch das erste arabische Land, das im November und Dezember die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer ausrichtet.

Das Image der Golfmonarchie ist in vielen Teilen der Welt nicht gut und ironischerweise hat gerade die Aufmerksamkeit, die Katar seit Vergabe der WM erfährt, hierzu einen wesentlichen Teil beigetragen. Das ist Anlass genug, sich einmal mit diesem Junior-Schurkenstaat zu beschäftigen. Der Hamburger Politikwissenschaftler Nicolas Fromm hat das getan und mit Katar – Sand, Geld und Spiele im Juli 2022 ein Porträt bei C.H. Beck über dieses umstrittene Land vorgelegt.

Kleinststaat ganz groß

In neun Kapiteln zuzüglich sehr knappem Vor- und Nachwort stellt uns der Experte für arabische Golfstaaten die kleine Monarchie mit all ihren Vorzügen und Problemen vor. Von geografischen Gegebenheiten über die Entwicklung vom Beduinen- zum Petrostaat, von der herrschenden Al Thani-Dynastie und ihrer Geschichte über das katarische Volk, seine Rohstoffe, deren Ausbeutung und Vermarktung bis hin zu problematischen Arbeitsverhältnissen handelt Fromm eine Reihe von Themen über den Kleinststaat ab.

Und er mag noch so klein sein, auch seine Einbindung in das regionale und internationale Geflecht ist eine Geschichte für sich. Katar, wenn auch klein, ist ein wichtiger Akteur in der Golfregion, wie spätestens in der Katar-Krise von 2017 – 2021 klar wurde, als das Land von der Mehrzahl seiner Nachbarn in einer konzertierten Aktion abgeschnitten wurde. Es hat einen ganz besonderen Ansatz der Außenpolitik mit diesen Nachbarn und darüber hinaus, wie Fromm sehr deutlich macht.

Wirtschaftliche Verflechtung, öffentlichkeitswirksame Großinvestitionen rund um die Welt, Vermittlerrollen in Konflikten oder eben die hohe Sichtbarkeit in verschiedensten Bereichen zeichnen Katar heute aus. Die Fußball-WM nimmt Fromm als letztes Kapitel für sein Buch, denn in ihr finden Katars internationale Bemühungen des eigenen Nation Branding aktuell einen Höhepunkt.

Moderat und moderierend

Auf gerade einmal rund 150 Seiten gibt Fromm somit einen Einblick in ein Land, von dem viele schon einmal gehört haben dürften, von dem die meisten wenig halten und das in vielerlei Hinsicht doch anders ist als sein Ruf vermuten lässt. Und so schafft es der Autor relativ unvoreingenommen und faktenbasiert über Katar zu informieren.

Ob es manch kleinere und international wenig beachtete Mediationsleistung ist – beispielsweise beim Truppenabzug aus Afghanistan 2021 oder bei einer kurzfristigen Friedensfindung in Darfur war Katar entscheidend beteiligt –, das regionale Gegengewicht zu diplomatischen Schwergewichten wie Saudi-Arabien und dem Iran, die lange islamische Kultur oder die für die Region relativ hohe Pressefreiheit, wir lernen vieles, was die meisten über den kleinen Wüstenstaat noch nicht gewusst haben dürften.

Indiskutabel

Manche Dinge lassen sich aber nicht wegdiskutieren: Die Arbeitsbedingungen für nicht-westliche Gastarbeiter sind zumeist verheerend, die Diskriminierung von Frauen, LGBTQIA*-Personen und anderen Minderheiten ist vorsintflutlich und die CO2-Bilanz des kleinen Emirats ist frappierend. Die doch recht engen Beziehungen zu den afghanischen Taliban oder der palästinensischen Hamas mögen vielleicht manche Gesprächskanäle – ganz im Sinne der Diplomatie – öffnen, aber gerade solch radikale Organisationen und jeglicher Kontakt zu ihnen sind am Ende doch fragwürdig.

Auf all dies geht Fromm in seinem kurzen Überblickswerk ein, kondensiert dabei stark und spart sich jede Wertung. Einerseits ist das gut, sollen die Leserinnen und Leser doch möglichst unvoreingenommen die Informationen über die kleine Halbinsel aufnehmen. Aber es gibt eben doch Punkte – vor allem natürlich die Arbeitsbedingungen und die Diskriminierung von Minderheiten –, die auch in einer aufgeklärten Wissenschaft nur eine mögliche Positionierung erlauben. Auch das vermeidet Fromm konsequent, auch wenn dem entgegengehalten werden kann, dass die alleinige Erwähnung dieser Missstände bereits als entsprechende Positionierung gewertet werden kann.

Günstling der Stunde

Nach Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine ist das autoritäre Katar in der Gunst vieler Staaten als Lieferant für Flüssiggas gestiegen – auch in der deutschen, wie ein Besuch von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck bereits im März 2022 beweist. (Fromm bezieht diese Entwicklungen übrigens ebenfalls in sein Buch ein, was dessen Aktualität noch einmal unterstreicht.) Viel spricht also dafür, dass Katar weiterhin auf der globalen Aufmerksamkeitsskala oben bleibt.

Und wie gesagt, viele Menschen dürften gegen Jahresende die Fußball-WM in Qatar verfolgen – finanziert sich ja durch eingesparte Heizkosten zum Teil sogar selbst. Inwieweit sie das mit ihrem Gewissen vereinbaren können, müssen die Reisenden selbst wissen, aber wichtig ist, dass sie sich möglichst kritisch und unvoreingenommen informieren können.

Die Scheinwerfer werden aufgebaut

Nicolas Fromms Buch Katar – Sand, Geld und Spiele leistet hierzu einen wesentlichen Beitrag, informiert es doch über so manche Praktik und Einstellung, die der kleine Wüstenstaat rund um den herrschenden Al Thani-Clan zeigt. Katar ist beileibe kein einfacher Partner, vieles, was vor allem Queers betrifft, ist in Katar schrecklich.

Und dennoch ist Katar mit seiner für die Region verhältnismäßig liberalen Politik, seiner auch halbwegs vorhandenen Position zum Staat Israel und seiner zunehmenden geostrategischen Bedeutung ein Land, mit dem es sich zu beschäftigen lohnt. Katar – Sand, Geld und Spiele jedenfalls bietet einen informativen, unvoreingenommenen und analytischen Einblick in ein Land, das in den kommenden Monaten weiter im Rampenlicht stehen dürfte.

HMS

Nicolas Fromm: Katar – Sand, Geld und Spiele, Ein Porträt; Juli 2022; Paperback, Klappenbroschur, 170 Seiten mit 9 Abbildungen und 2 Karten; ISBN: 978-3-406-79011-9; C.H. Beck Verlag; 16,95 €

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