In die Tonne, aus dem Gewissen?

Beitragsbild: Nina, eine 12-jährige Umweltaktivistin aus Surabaya, Indonesien // © WDR/Yetha/a&o buero

Ein nachhaltiger Lebensstil gehört für viele Menschen mittlerweile zum Alltag – wenn auch noch nicht lange nicht für alle. Weniger fossile Emissionen, weniger Wasserverbrauch, weniger Lebensmittelverschwendung, weniger Verpackungen – dass wir nicht über unsere Verhältnisse leben sollten, klingt ziemlich einleuchtend.

Wunderwaffe Recycling?

Wichtiger Baustein für ein nachhaltiges Leben ist hierzulande auch das Recycling von Wertstoffen. Altglas, Papier und Plastik können zu einem großen Teil weiterverwertet werden. Einfach schön trennen und voilá, schon haben wir etwas für unseren Planeten (ne Doku?) getan – glauben wir. Denn eigentlich ist es vielfach vor allem unser Gewissen, das wir mit großzügigem Recycling beruhigen. Das System des Recyclings aber hinterfragen wir nicht.

Ein kleiner Junge sammelt Plastikmüll auf den Philippinen // © WDR/Carsten Stormer/a&o buero

Das wiederum haben Tom Costello und Benedikt Wermter getan. Für die ARD/WDRDokumentation Die Recyclinglüge sind sie dem Entsorgungsprozess von Wertstoffen – besser bekannt unter dem Begriff „Kreislaufwirtschaft“ – auf den Grund gegangen. In ihrem mit Dokumentarfilm, der Gewinner des 9. ARD-Dokumentarfilm-Wettbewerbs 2020 ist, decken sie manch eine Lüge oder zumindest Grauzone des bestehenden Systems auf und lassen uns Verbraucherinnen und Verbraucher noch einmal ganz anders auf das System der Kreislaufwirtschaft blicken.

Fallstricke und Schlupflöcher

Nachdem China 2018 quasi über Nacht ankündigte, keinen europäischen Plastikmüll mehr anzunehmen, brach hierzulande Hektik aus und Alternativen mussten gefunden werden. Mit manch südostasiatischem Land oder später der Türkei wurde vorübergehend eine Alternative gefunden, aber auch diese Staaten schränkten zunehmend ihre Einfuhren ein. Tom Costello und Benedikt Wermter zeichnen diese Entwicklungen nach und zeigen anhand teils schockierender Zahlen auf, dass Recycling in der Idee ein schönes System sein mag, in der Realität aber nicht funktioniert.

Woran das liegt, welche Fallstricke sich auftun, wo das System Schlupflöcher bietet und warum hier niemand wirklich nachfragt, das stellen sie in Die Recyclinglüge sehr wunderbar dar. Manche von uns dürften vieles davon vielleicht bereits gehört oder zumindest vermutet haben, aber gerade Personen, die das System der Kreislaufwirtschaft bisher nicht oder kaum hinterfragt haben, dürften so manche neue Erkenntnis gewinnen.

Kein Drama

Die Macherinnen und Macher verzichten dabei überwiegend auf allzu dramaturgische Mittel und Momente. Es handelt sich hier um keine Dokumentation, die mit allzu viel Betroffenheit oder leicht schürbaren Vorurteilen gegen „die Industrie“ oder „die bösen Großkonzerne“ Stimmung macht. Dennoch steigt der Film durchaus emotional ein: Zu Beginn sehen wir die junge Umweltaktivistin Nina Arisandi, wie sie in Surabaya, Indonesien, bei Ebbe Plastikmüll aus dem Schlamm fischt und unter anderem Mangrovenbäume davon befreit.

Amager Bakke in Kopenhagen ist die teuerste Müllverbrennungsanlage der Welt – ein 600 Millionen Euro teures Kraftwerk, in dem jährlich 400.000 Tonnen Müll verbrannt werden // © WDR/Philipp Meise/a&o buero

Im Gegenteil, bis auf eine Ausnahme in einem Fallbeispiel werden hier keine einzelnen Firmen an den Pranger gestellt, sondern eher ein nicht funktionierendes System aufgedeckt. Stattdessen gibt es Bilder von illegalen Halden in Indonesien, einer Hightech-Müllverbrennungsanlage in Kopenhagen oder dubiosen bulgarischen Geschäftsleuten.

Die „Recyclinglady von Shaftesbury“

Und dennoch ist es am Ende gerade ein personalisiertes Element, das uns am meisten beeindruckt: Alison Harding, die sich als „Recyclinglady von Shaftesbury“ vorstellt, glaubt mit ihrem ehrenamtlichen Engagement und dem Sammeln und Sortieren von Wertstoffen aus der gesamten südenglischen Gemeinde etwas Gutes zu tun. Als ihr das Team der Reporterinnen und Reporter schließlich offenlegt, wie sehr sich Alison hier täuscht, ist dieser ihre Betroffenheit deutlich anzumerken.

Im Glauben, etwas Gutes für den Planeten zu tun und dennoch tagtäglich hintergangen zu werden, hat bei ihr nachvollziehbarerweise alles andere als Freudensprünge ausgelöst. Wie sie mit etwas Abstand zu dieser „Enthüllung“ nun damit umgeht und ob sie weiterhin Wertstoffe sammelt, sehen wir leider nicht, aber dennoch sind die Stellen mit ihr unter den bewegendsten der gesamten Dokumentation.

Die Macht der Verbraucher*innen

Ein Punkt, der leider – mit Ausnahme der letzten Szenen und primär in Person eines hohen Beamten der Europäischen Kommission – allzu wenig Erwähnung findet, ist der nach der Müllverursachung. Ja, die Perspektive auf die Industrie und das Aufdecken dieser Lüge sind wichtige Punkte und das zentrale Argument. Und dennoch sollte bereits frühzeitig und immer wieder während der gesamten 75 Minuten betont werden, dass es nicht zuletzt am Verhalten der Konsumentinnen und Konsumenten liegt, wie groß das Problem eigentlich ist und wird.

Die 12-jährige Nina aus Surabaya, Indonesien, und ihre Familie kämpfen gegen die Plastikverschmutzung // © WDR/Yetha/a&o buero

Wir als Verbraucherinnen und Verbraucher haben eigentlich eine ungeheure Macht: Wenn wir bewusster und Produkte mit weniger Verpackung einkaufen, können wir das Recylingproblem oft von vorneherein lösen. Viel häufiger sollten wir auf Großpackungen, Konzentrate, feste statt flüssige Kosmetika oder einfach unverpackte Ware setzen. Diese Botschaft wird leider in Die Recycling-Lüge zu wenig transportiert.

Kluger Konsum geht alle an

Die Journalistin Katarina Schickling hat bereits vor zwei Jahren einen Konsum-Kompass herausgegeben und im vergangenen Jahr ein Buch mit 100 Eco-Hacks (beide sind einander zugegebenermaßen inhaltlich ähnlich). Susann Kreihe hat mit Die ganze Pflanze ein Buch herausgegeben, das zwar nicht dezidiert Möglichkeiten aufzeigt, Verpackungen zu reduzieren, sondern das (ansonsten meist kompostierbare) Beiwerk von Pflanzen in der Küche zu verwerten. Es gibt also sehr viele Ansätze, um Müll bereits im ersten Schritt zu vermeiden und auch so etwas für die Umwelt und unseren Planeten zu tun.

Sedat Gündoǧdu ist ein Meeresbiologe und Aktivist, der gegen illegale Mülldeponien in der Türkei kämpft // © WDR/Philipp Meise/a&o buero

Wenn wir diese Schritte mehr beherzigen, dann wird das Problem der Recyclinglüge automatisch deutlich kleiner. Dass es auch dann nicht vollständig aus der Welt ist, ist auch klar, aber dennoch wäre das ein erster Schritt. Es ist gut, dass Tom Costello und Benedikt Wermter mit Die Recyclinglüge auf dieses Problem unserer Konsumgesellschaft aufmerksam machen. Ihre Dokumentation ist auf jeden Fall sehenswert, aber am Ende kommt es doch auf das Konsumverhalten jedes und jeder Einzelnen an, auch wenn Aktivistinnen und Aktivisten wie Luisa Neubauer diesen Beitrag dennoch immer wieder gerne in Frage stellen.

HMS

PS: In der Regel gibt es sonntags an dieser Stelle unsere Besprechung zum aktuellen Tatort bzw. Polizeiruf 110. Darauf haben wir in dieser Woche verzichtet, denn der Münchener Tatort: Flash, der heute Abend läuft, fällt eindeutig in die Kategorie „Kann mensch sich sparen“. Wer dennoch unbedingt etwas mit Münchenbezug lesen möchte, wir empfehlen einen Kommentar zur Debatte um Queers auf der Wiesn.

Die Recyclinglüge von Tom Costello und Benedikt Wermter // © WDR/Romolo Tavani/Adobe/a&o buero

Die Recyclinglüge ist seit dem 16. Juni 2022 bis zum 20. Juni 2023 in der ARD-Mediathek verfügbar und wird am morgigen Montag, 20. Juni 2022 um 22:50 Uhr im Ersten gezeigt.

Die Recyclinglüge; Deutschland 2020; Buch und Regie: Tom Costello und Benedikt Wermter; Erzählerin: Hansi Jochmann; Musik: Nils Kacirek ;Eine Produktion der a & o buero filmproduktion gmbh (Tristan Chytroschek) in Koproduktion mit WDR, NDR, BR, MDR, rbb und SWR, federführende Redaktion: Christiane Hinz (WDR), Dirk Neuhoff (NDR)

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