Eingetütete Geschichte

Corona ist auch in diesem Jahr der Gassenfeger für die Shoppingmeilen der Republik, wenn auch nicht mit der Wucht wie noch vor einem Jahr. Gerade im Weihnachtsgeschäft wird aber bekanntlich eingekauft was geht. Praktisches Alltagsutensil und wandelnde Werbefläche ist dabei seit Jahrzehnten die Plastiktüte.

Tüten auf Papier

In den letzten Jahren geriet sie allerdings vor allem aus Umweltgründen immer mehr in Verruf – zurecht. Daher steht ihr Ende knapp bevor. Ab 2022 ist die Ausgabe von Plastiktüten hierzulande überwiegend verboten. Neben einem großen Problem für die Umwelt verschwindet damit auch ein Kulturgut, das wir als solches oft gar nicht bewusst wahrnehmen.

Plastiktüten über die Gefahr von Plastiktüten für die Umwelt // // Foto: © WWF Deutschland / Sammlung Museum der Alltagskultur – Schloss Waldenbuch, Landesmuseum Württemberg, Schenkung Monika Breuninger und Mathias Kotz

Der Kulturwissenschaftler Frank Lang und die Kunsthistorikerin Christina Thomson haben dies zum Anlass genommen, Plastiktüten ganz blasphemisch auf das sie vermutlich zu großen Teilen ersetzende Medium Papier zu bringen – Omikron-Papier verdrängt Delta-Tüte quasi. Daraus entstand der wunderbare bei Prestel erschienene Band Tüten aus Plastik – Eine deutsche Alltags- und Konsumgeschichte, der uns mitnimmt in die Historie eines Symbols für die menschliche Verbrauchs- und Verschwendungssucht, aber eben auch für Stil und Fortschritt unserer Gesellschaft.

Die funktionale Tüte

In 20 Kapiteln und drei anhängigen Exkurskapiteln stellen Lang und Thomson die Geschichte der Plastiktüte eindrücklich dar. Es ist die Geschichte von weit mehr als nur einem Gebrauchs- oder vielmehr Wegwerfgegenstand. Es ist eine kleine Geschichte der Bundesrepublik sowie anfangs auch der DDR, aber auch ein Spiegelbild des Lebens und der Gesellschaft in der Konsumrepublik.

Wer kennt sie noch, die gute alte Hertie-Tüte?! // Foto: © Hendrik Zwietasch mit Yamaly Bayer-Gomez und Jonathan Leliveldt, Original aus der Sammlung Museum der Alltagskultur – Schloss Waldenbuch, Landesmuseum Württemberg, Schenkung Monika Breuninger und Mathias Kotz

Die Tüte dient dabei vielen Zwecken: als Werbeträger für Discount- und hochpreisige Supermärkte, als Sammelbehältnis für Jugendspiele und Kulturveranstaltungen oder als emotionales Mitbringsel von der Edelboutique. Ein Exemplar begegnete uns kürzlich in der RTL+-Serie Faking Hitler, als Gerd Heidemann in der echten Tüte eines großen Kaufhauses das Entgelt für ein gefälschtes Hitler-Tagebuch übergab. Selbst in der Kultur von heute wird also auf Utensilien von damals Wert gelegt.

Die künstliche, künstlerische Tüte

Aber es geht bei Tüten aus Plastik nicht nur um Funktionalität. Lang und Thomson illustrieren die Tüte auch als Kunstobjekt. Manche sind schlicht, haben nur auf einer Seite ein Logo aufgedruckt, verbreiten dieses und haben wesentlich zur großen Bekanntheit des einen oder anderen noch heute geläufigen Markenlogos beigetragen oder gar ein Corporate Design begründet. Das lässt sie in manchen Fällen aber alles andere als günstig und austauschbar sein – manche Logos oder Marken sind Kunstwerke für sich.

Andere Tüten wiederum sind selbst Kunstwerke. Sie sind knallig, bunt, transportieren eine Botschaft oder erzählen sogar eine eigene Story. Bunte Schuhe, quadratförmige Schokolade, Comics, Gesichter oder flotte Sprüche finden sich unter den von Lang und Thomson für ihren Band ausgewählten Exemplaren. Und auch wirkliche Kunstwerke sind darunter. Pop Art-Tüten oder im zu Ende gehenden Superdupermegawahljahr 2021 eine von Joseph Beuys entwickeltes Exemplar zu Demokratie und Parteienstaat finden sich unter den ausgewählten Tüten. Es ist fast wie bei Designermode: Manche Tüten tragen nicht nur ein Statement, sie sind selbst eines (da wären wir auch wieder bei Lars Eidinger und seiner Aldi-Tasche)!

Die Tüte als Hingucker

Und die Sprüche. Jede und jeder heute Erwachsene kennt die Werbeslogans der großen Elektronikmärkte um 2000. Oder die Hersteller so mancher quadratischer, praktischer oder auch bei Arbeit, Sport und Spiel mobil machender Schokolade. Sie haben oft genervt, aber sind doch noch immer im kollektiven Gedächtnis. Lang und Thomson bedienen durch die Auswahl solcher Tüten hier das Verlangen unserer Konsumgesellschaft nach Halt, nach Erinnerung, nach „der guten alten Zeit“.

Sex sells auch in der DDR // © Sammlung Dieter Luchs

Und zwei letzte, fast schon voyeuristische Sorten von Tüten, die unsere Bedürfnisse befriedigen oder gar wecken sollen: solche mit Promis und mit Tieren. Steffi Graf und Albert Einstein gehen immer, fast wie Helene Fischer. Und Tiere finden sowieso alle super: Hamster – wir kennen sie vom Beginn der Coronapandemie – Affen – wir kennen sie aus der Textilwerbung – oder ganz ohne bestimmte Marke: süße Welpen. Die Tüte diente und dient dazu, mehr Farbe in unser Leben zu bringen.

Die Tüte als Auslaufmodell

Ihr Aus steht nun bevor und obwohl sie für vieles praktisch sind, besser ist das. Plastiktüten sind eine Schande für unsere Umwelt und dessen sollten wir uns gewahr sein. Vermissen werden wir sie vermutlich trotzdem, denn sie sind uns nach dem Zweiten Weltkrieg ans Herz gewachsen wie kaum ein anderes Gebrauchsgut (und mittelbar als Mikroplastik vermutlich auch schon in unseren Herzen gelandet). Erst durch Corona hat das neue Hassobjekt „Maske“ Einzug in unser Leben gehalten.

Frank Lang und Christina Thomson illustrieren in ihrem famosen Band Tüten aus Plastik unsere Liebe zur Plastiktüte. Das ist alles andere als Müll, sondern das sind etwa sieben Jahrzehnte gefüllt mit Gedanken und Erinnerungen, Bildern und Assoziationen. Wir erleben die Plastiktüte als mehr als einen Gebrauchsgegenstand. Sie ist uns ein alltägliches Kunstwerk geworden, gleichzeitig geliebt und gehasst. Mach es gut, liebe Tüte. Du wanderst umweltgerecht ins Recycling. Der Band Tüten aus Plastik aber bleibt und lässt uns ein wenig in der Nostalgie der Tüte schwelgen.

Ohne Bücher geht nichts… // Foto: © Hendrik Zwietasch mit Yamaly Bayer-Gomez und Jonathan Leliveldt, Original aus der Sammlung Museum der Alltagskultur – Schloss Waldenbuch, Landesmuseum Württemberg, Schenkung Monika Breuninger und Mathias Kotz

HMS

Einen Blick ins Buch gibt es hier.

Frank Lang, Christina Thomson: Tüten aus Plastik – Eine deutsche Alltags- und Konsumgeschichte; 1. Auflage, September 2021; Pappband, gebunden; 216 Seiten; 21,0 x 26,0 cm; 280 farbige Abbildungen; ISBN: 978-3-7913-7893-0; Prestel Verlag; 29,00 €

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