Kaiserinnenwegdämmerung?

Alle Jahre wieder kommt der zerstreuende Sissi-Kitsch. Erstmalig kommt in diesem Jahr die einigermaßen entkitschte neue Sisi-Variante, der ersten Produktion von Story House für RTL. Premiere feierte die erste, sechsteilige Staffel des Serienevents bei RTL+ (vormals TVNOW) am 12. Dezember, im linearen Fernsehen wird die Serie, die im Oktober beim Canneseries Festival für ihre ersten zwei Folgen weitestgehend gelobt wurde, an drei aufeinanderfolgenden Abenden ab dem 28. Dezember jeweils in Doppelfolgen gezeigt.

Durchwachsener Ritt

Diese ersten zwei Folgen standen für Rezensionszwecke auch außerhalb des Festivals zur Verfügung; unseren ersten Eindruck hatten wir in Queer Abgesahnt #3 so zusammengefasst: „Wir haben die ersten zwei Folgen gesehen und sind recht angetan, auch von der Starpower im Cast (von ein, zwei eher hölzernen Darstellungen mal abgesehen) und den tollen Bildern. Dass effektiv noch nicht wirklich viel passiert ist und die Dialoge sich zwar kitsch- aber auch größtenteils anspruchsfrei geben, störte bei der auf Reize angelegten Umsetzung bisher noch nicht.“

Nachdem Sisi (Dominique Devenport, r.) auf der Flucht vor den ungarischen Rebellen im Wald von ihrem Pferd gestürzt ist, kümmert sich Kaiser Franz (Jannik Schümann, l.) um sie. // Foto: RTL / Story House Pictures / Luis-Zeno Kuhn

Das stimmte, Kurzweil und tolle Bilder haben einen hohen Unterhaltungswert. Leider stimmt es aber auch, dass die ersten beiden Folgen zu den besseren der ersten Staffel gehören. Im Mittelteil bricht primär große Langweile und Redundanz aus, das hintere Drittel ist wieder zügiger, aber auch gehetzter, das Ende lässt eine:n suchen, ob es nicht doch noch eine siebte Folge gibt. Nicht etwa, weil es mit einem so krassen Cliffhanger enden würde, sondern weil es gefühlt mitten in der Handlung stoppt. Der abschließende Cliffhanger ist somit eher ein kleines Hängerchen.

Starke Frauen und ihre Rollen

Dennoch sei gesagt, dass diese Sisi-Neuauflage nicht schlecht ist, nur eben auch nicht wirklich gut. Fein ist definitiv die Besetzung der Titelfigur mit Dominique Devenport, die sowohl die lebhaften und stürmischen Momente, wie auch die zweifelnden und dezent verzweifelten perfekt vermittelt. Désirée Nosbusch als Erzherzogin Sophie, also Sisis Teilzeit-Schwiegermonster, überzeugt, von ihr hätten wir gern mehr gesehen. Tanja Schleiff als die Hofdame von Kaiserin Elisabeth, Gräfin Esterházy, funktioniert in Momenten, die schon beinahe Slapstick sind ebenso effektiv wie in jenen, die verschwörerisch düster daherkommen. Auch Paula Kober als Fanny aka Gräfin von Lotti nimmt uns mit, interessiert und fasziniert. 

Erzherzogin Sophie (Désirée Nosbusch, l.) und Gräfin Esterhazy (Tanja Schleiff, 2.v.l.) sehen einer düsteren Zeit entgegen // Foto: RTL / Story House Pictures

Wie überhaupt die Damen-Riege nicht nur gekonnt besetzt ist, sondern ebenfalls so manch schwächelnde Stelle der durchaus abwechslungsreichen Drehbücher, die Frauenfiguren ohnehin in den Mittelpunkt rücken, von Elena Hell, Robert Krause und Andreas Gutzeit gekonnt zu überspielen weiß. David Korbmann gibt dazu einen hervorragend zwiegespaltenen, freundschaftlich- aber nicht blind loyalen Graf Grünne und steht damit auch menschlich im Kontrast zum kühlen und nicht selten unsympathischen Kaiser Franz, gespielt von Jannik Schümann.

Warum handeln die so?!

Die kaiserliche Hochzeitszeremonie in Wien. Herzogin Ludovika (Julia Stemberger, l.) und Herzogin Helene (Pauline Rénevier, r.) erwarten die Braut (Spoiler Alert: Es ist Sisi) // Foto: RTL / Story House Pictures / Lukas Šalna

Der, eigentlich eine interessante Figur, wird hier allerdings irgendwann auch eher ein wenig zur Seite gestellt. Was an mancher Stelle durchaus der Erzählung dient, an mancher belustigt, an anderer schlicht stört. So kommt es auch, dass viele Konflikte in recht überzeichneten Stichwortdialogen hinerklärt werden müssen. Wie überhaupt Handlungsmotivation ein Problem von Sisi ist. Oder viel eher die Abwesenheit einer ausreichenden Erläuterung selbiger.

Wir verstehen, dass die Kaiserin eine persönliche Verbindung zu Ungarn hat, auch, dass sie nicht „Jippie“ ruft, wenn Menschen im Krieg sterben. Doch warum sie sich so für die Aussöhnung von Österreich und Ungarn einsetzt – da hätten die Autor:innen uns mal noch ein, zwei Szenen, die das einordnen, gönnen dürfen. Dafür auf das gefühlt dreiundachtzigste dramatische Zeitlupen-Bild oder die energisch reitende Sisi (durchaus immer hübsch, Kamera: Michael Schreitel) zu The-Crown-isher Musik (Jessica de Rooij) verzichten dürfen.

Überhaupt scheinen The Crown und stellenweise die fabelhaft-famose The Great Patin gestanden zu haben. Ersteres eine Top-Soap, die gern darüber hinwegsehen lässt, dass sie weniger smart ist, als sie tut, zumal wenn sie wie in der vierten Staffel zu einem formidablen Charakterdrama wird. Die zweite Nummer, „an occasionally true story“, ein die Geschichte um Katharina die Große („I’ve never fucked a horse!“) stark verfremdet und doch nicht verfälscht, mit viel Ironie, absurden Situationen und doch hintergründig bitterem Ernst erzählendes Serienjuwel.

Optik ist nicht alles

Leider fehlt es Sisi trotz aller unbestreitbaren hohen Produktionselemente und toller Kulissen (vermutlich irren wir uns, aber manches ähnelt Orten in der sehenswerten Serie Maria Theresia, beide Produktionen drehten zum Teil in Ungarn und Österreich) wie erwähnt feiner Bilder und im Großen und Ganzen toller darstellerischer Leistungen, auch wenn manch ein Star hier in der Darstellung eines ambivalenten Charakters wohl an die Grenzen seiner Schauspielkunst gelangt, dann doch an Mut, wirklich patzig zu erzählen, am Spaß pompös zu sein (aber: die Kostüme, Metin Misdik, sind ein Traum) oder wirklich anstößig zu werden.

Kaiser Franz (Jannik Schümann) hat zum Geburtstagsball geladen. Die Gäste tanzen Walzer // Foto: RTL / Story House Pictures / Lukas Šalna

Gefühlt wird immer abgebrochen, bevor es zu einem konsequenten Erzählen würde. Vielleicht soll der sechsteilige Auftakt der scheinbar auf eine längerfristige Laufzeit ausgelegten Serie auch noch nicht alles ausspielen. Aber immer im Halben zu verharren, die Charaktere bis auf Ausnahmen Stichwortgeber, aber kaum wirklich mehrdimensionale Menschen sein zu lassen, Melodrama über dramatische Momente zu stellen und die Kraft, die in der Erzählung liegt und die auch immer wieder durchscheint (ohne Spoiler, aber: Sisi und die Erstgeborene, Sisi und ihre beste Freundin, Sisi und Schwieger-Mama, der Konflikt Österreich-Unganrn, Franz und seine frühe Midlife-Crisis, …), nicht auszuschöpfen, ist schade.

Sisi vermittelt bei Friedensverhandlungen, weil die Männer es halt nicht hinbekommen // Foto: RTL / Story House Pictures

Dennoch bietet Sisi durchaus seichte Zerstreuung; wer aber, wie wir – und das war wohl unser Fehler – wirklich spannendes bis aufwühlendes, selbstbewusst augenzwinkerndes Wiener Drama erwartet, wird enttäuscht zurückbleiben. Zumindest ärgert es nicht, wie die großangekündigte Produktion eines anderen Senders, die ebenfalls in einem Palast spielt, mehr dazu in der kommenden Woche. Die Frage jedenfalls, ob wir eine zweite Staffel Sisi unbedingt würden sehen wollen ist mit einem deutlichen: „Mal gucken“ zu beantworten. 

QR

PS: Ist Napoleon (Boris Aljinovic) als Karikatur angelegt? Ist das ein Meta-Witz? Das war alles sehr, sehr seltsam. Merci!

PPS: Sisi ist laut RTL-Angaben übrigens der erfolgreichste, fiktionale Neustart auf RTL+ jemals, auch bezogen auf Programme vor der Umbenennung. 

Sisi – seit 12.12. auf RTL+ // Foto: RTL

Sisi, Staffel 1; Deutschland/Österreich, 2021; Regie: Sven Bohse; Drehbuch: Elena Hell, Robert Krause, Andreas Gutzeit; Kamera: Michael Schreitel; Szenenbild: Algirdas Garbaciauskas; Musik: Jessica de Roiij; Kostüm: Metin Misdik; Darstellende: Dominique Devenport, Jannik Schümann, Désirée Nosbusch, David Korbmann, Tanja Schleiff, Paula Kober, Julia Stemberger, Pauline Rénevier, Marcus Grüsser, Giovanni Funiati, Yasmani Stambader; sechs Folgen, jeweils circa 50 Minuten; seit dem 12. Dezember 2021 auf RTL+ verfügbar; eine Produktion von Story House Pictures für RTL

Ausstrahlung im TV: RTL zeigt die ersten zwei Folgen am 28.12. um 20:15 Uhr, an den beiden folgenden Abenden jeweils in Doppelfolgen die weiteren vier. 

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